Außensicht

Das Unwort: Nachhaltig in die Vollen

Aus ff 02 vom Donnerstag, den 12. Januar 2023

Alles verzeih ich zum Neuen Jahr: das Geschwänzel der SVP um die Meloni, den Endsieg-Glauben im Ukraine-Krieg, auch den Austern-Frühschoppen für den Bäuerlichen Notstandsfonds am Grieser Platz. Aber nicht verzeihen werde ich, dass der Landeshauptmann das 23er-Jahr der „Nachhaltigkeit“ verschrieben hat. Nachhaltigkeit! – wenn ich es nur höre.

Ich erinnere mich noch genau, wann ich aufgehört habe, das Unwort zu verwenden. Es war der 8. Juli 2006, Fußball-WM in Deutschland, „Sommermärchen“. Sepp Kußtatscher, damals Europaparlamentarier, schrieb in seinem Reiseblog, er meide diesmal für die Heimfahrt aus Straßburg den Weg über Stuttgart, weil dort gerade ein großes Fußballfest stattfinde (das kleine Finale Deutschland-Portugal um den 3. Platz – Anmerkung der Redaktion) und Masse Fan-Volk anzutreffen sei, und das sei „nicht nachhaltig“.

Seither weiß ich, was „nachhaltig“ für eine windige Floskel ist. Klingt gscheit und sagt nichts. Heute, 16 Jahre danach, narrt der Landeshauptmann uns gleich ein ganzes Jahr damit. Hätt’ mir nicht vorstellen können, welch lange Halbwertzeit so ein Treibhauswort hat. „Nachhaltig!“ sagt heute, wer keine Widerrede riskieren will. Alle sind für Nachhaltigkeit. Dazu braucht es keine Umfrage. Weil es nix ist. Alles und nix. Nixer geht’s nicht.

Momentan ist Nachhaltigkeit das Codewort, den staatlichen Wiederaufbau-Fonds PNRR zu plündern. Für Nachhaltigkeit gilt, was Pfarrer Hans Oberhammer selig zu ihrem kirchlichen Zwilling im Taistner Pfarrblatt geschrieben hat: „Es ist schwer für ‚Bewahrung der Schöpfung’ zu sein in einem Land, das die Zerstörung zahlt.“ Die Verhunzung der Schöpfung passiert im Namen von Nachhaltigkeit. Obacht deshalb: Wer „nachhaltig“ sagt, hat anderes vor. Oder im besten Fall: nix.

von Florian Kronbichler | Journalist, ehemaliger Chefredakteur der ff

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