Außensicht

Versteckspiele

Aus ff 03 vom Donnerstag, den 19. Januar 2023

Die Kanonen auf dem Berg: Als Walt Disney seinen ersten Freizeitpark eröffnete, war ihm nichts wichtiger als die perfekte Lüge. Der Maus-Milliardär ließ Geheimtüren für Mitarbeiter einbauen, gestrichen in militärischem Tarn-Grün. Er versteckte Duft-Maschinen in ganz Disneyland, damit der Park nach Popcorn riecht. Und er ließ ein Netz aus Tunneln ­buddeln, riesige Untergrund-Katakomben, damit Cowboys und Prinzessinnen nicht zusammen gesehen werden. Es hätte die Illusion zerstört.

Kürzlich habe ich von „The Ghost“ gelesen, einer neuen Kunstschnee-Maschine. „The Ghost“ heißt so, weil die Maschine unsichtbar werden kann: Sobald sie die Pisten weiß gepulvert hat, verschwindet sie mit einem hydraulischen Aufzug unter der Erde – fast so, als würde sie sich schämen. „Ganzheitlich“ nennt der Hersteller das.

Ich musste an Walt Disney denken, an die Geheim­tunnel, in denen Donald Duck an Rapunzel vorbeihuscht. Ich dachte an Markus Lanz, der jüngst eine Klimaaktivistin belehrte, wo man die Mona Lisa vor dem Klimawandel versteckt („In den Dolomiten, da kommt nie ein Wasser hin!“). Und ich dachte an unsere verlorene Ehre.

Früher, als das Weiße noch von oben rieselte, stellten wir die „Kanonen“ stolz an den Pistenrand und richteten sie wie Waffen auf die steigenden Temperaturen. Heute, da auf jedem Glastisch in Ibiza mehr Schnee liegt als in unseren Alpen, nennen wir sie „Beschneiungskomponenten“ – und versenken sie unauffällig im Berg. Muss ja nicht jeder ­wissen, was wir hier treiben.

Gibt es keine Alternative zu dem weißen Wahnsinn? Nein, sagt Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger. Man könne den Kindern doch nicht sagen: „Mach aus ­deinen Skiern Brennholz und geh in den Keller zum Weinen!“

Kann man nicht? Schade drum. Es wäre der erste ­ehrliche Satz der Saison.

von Anton Rainer | Redakteur im Ressort Wirtschaft beim Spiegel in Hamburg

Leserkommentare

Kommentieren

Sie müssen sich anmelden um zu kommentieren.