Außensicht

Wie wir miteinander reden: 50 Shades of Grey

Aus ff 20 vom Donnerstag, den 18. Mai 2023

Neulich im Zug bedeuteten mir meine Kollegen, mich auf den freien Platz ihnen gegenüber zu setzen – auf dem allerdings eine Mitreisende ihre ziemlich große Handtasche geparkt hatte. Auf meine freundliche Bitte hin verstellte sie das Lederungetüm um ganze zwei Zentimeter, sodass ich wenigstens eine Arschbacke auf die verbliebene Fläche zwängen konnte. Mein Kollege bat die Dame, ihr Gepäck doch zu verstauen. Sie fuhr uns lautstark an, was wir überhaupt von ihr wollten, ihr würde der Arm schmerzen, weshalb sie ihre Tasche nicht aufheben könnte, und überhaupt würden ihre Gegenüber „Manspreading“ betreiben und sie sollten sich doch bitteschön normal hinsetzen, sie würde ja „alles sehen“.

Das so unerwartete wie unerfreuliche Gekeife ließ mich eine ganze Weile nicht los und ich überlegte, was wohl der Auslöser für diesen Ausbruch gewesen sein mochte. Mit Sicherheit nichts, was mit drei Unbekannten im Zug oder deren gespreizten Beinen (mit denen sich die beiden Männer höchstens gegenseitig im Weg waren) zu tun hatte.

Zurück blieb dieselbe Ratlosigkeit, die mich befällt, wenn nervöse Autofahrer plötzlich die linke Autobahnspur blockieren, nur weil man gerne überholen würde. Wenn wildfremde Menschen sich bemüßigt fühlen, jemanden zu beleidigen, der oder die sich gerade nicht verteidigen kann. Wenn allein schon Reizworte wie „Manspreading“, „Bär“ oder „Bettenstopp“ Munddurchfall bei selbsternannten Experten auslösen, aber das um so viel wichtigere B-Wort „Bildung“ ein zu heißes Eisen ist, um wenigstens eine Diskussion darüber zu versuchen.

Es scheint, als hätten wir als Gesellschaft eine Art ­Tunnelblick entwickelt, ein Schwarz-Weiß-Denken, das durch die tiefgreifende Transformation der Medien- und Kommunikationskultur bedingt ist. Dabei ist die Welt vielleicht gerade nicht so bunt, wie wir sie gerne hätten, aber doch voller Grautöne, auf die es sich im Umgang miteinander lohnt einzugehen.

von Bettina Conci | Schreibt Kolumnen, Kurzgeschichten, Kindgerechtes und Kontroverses

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