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Ist die Lehre out?

Aus ff 08 vom Donnerstag, den 22. Februar 2018

Infografik
Wahlmöglichkeiten für Jugendliche: Neben der ­Lehre bieten heute Fachschulen in Vollzeit die ­Gelegenheit, einen Beruf zu erlernen. © Freepik; Quelle: Bildung in Zahlen 2016–17 (Astat)
 

Mehr als 3.000 Südtiroler Jugendliche starten jedes Jahr mit einer Lehre in den Beruf. Doch die Lehrlingszahlen stagnieren, junge Menschen entscheiden sich für andere ­Bildungswege. Die Gründe sind vielfältig.

Seit über 60 Jahren wird die duale Berufsausbildung in Südtirol nach deutschem Vorbild angewandt. Die Kombination aus Theorie und Praxis ermöglicht Jugendlichen einen direkten Einstieg in die Arbeitswelt – und liefert Betrieben die Fachkräfte. Die Ausbildung findet zu 80 Prozent im Betrieb und zu 20 Prozent in einer Berufsfachschule statt und dauert drei bis vier Jahre. Im unternehmerischen Umfeld von Handwerk, Gastgewerbe, Gesundheitswesen und Landwirtschaft sind sie als ausgebildete Fachkräfte nur schwer wegzudenken. Dort bilden sie das Fundament einer gut funktionierenden Wirtschaft.
Seine Wurzeln hat das duale Ausbildungssystem im deutschsprachigen Kulturraum, wo schon lange – und mit wirtschaftlichen Erfolgen – auf das Lehrlingssystem gesetzt wird. Ganz anders als in Italien, wo die praxisorientierte Ausbildung wenig Tradition hat.
„In vielen italienischen Regionen wird die Lehre für Minderjährige noch immer primär als Lösung für Schulabbrecher und nicht als hochwertige Berufsausbildung angesehen“, so ­Cäcilia Baumgartner, Direktorin des Amtes für Lehrlingswesen in Bozen. Genau von dieser Imageschwäche der Lehre will man sich in Südtirol distanzieren, indem man die Stärke der dualen Lehre hervorhebt. Der Präsident des Wirtschaftsverbandes der Handwerker und Dienstleister (Lvh) Gert Lanz fasst die Vorteile der dualen Ausbildung so zusammen: „Bei der dualen Ausbildung handelt es sich um eine 360°-Grad-Ausbildung. Die Jugendlichen eignen sich nicht nur schulisches Wissen an, sondern lernen auch, wie man es tagtäglich in der Praxis anwendet. Zur Handlungskompetenz kommt dann die Sozialkompetenz dazu. Unsere Lehrlinge lernen von Anfang an, sich sowohl in einem Arbeitsteam zu bewegen als auch dem Kunden gegenüberzustehen.“

Drei Möglichkeiten, eine Lehre abzuschließen, gibt es inzwischen in Südtirol: die traditionelle, duale Lehre zwischen 15 und 25 Jahren, die berufsspezialisierende Lehre zwischen 18 und 29 Jahren und die Lehre zur höhen Berufsbildung, die auch universitätsbegleitend stattfinden kann.
Die traditionelle beziehungsweise duale Lehre kann bereits ein Jahr nach dem regulären Mittelschulabschluss begonnen werden. Die berufsspezifische kommt normalerweise erst mit 18 Jahren infrage und bietet inzwischen vor allem für Quereinsteiger – wie zum Beispiel Maturanten von allgemeinbildenden Oberschulen – eine interessante Möglichkeit, in den Arbeitsmarkt einzusteigen.
Ähnlich läuft es mit der Diplomlehre, bei der Südtiroler Betriebe Maturanten als berufstätige Studenten einstellen können. Derzeit bietet die Freie Universität Bozen den Laureatsstudiengang „Logistik- und Produktionsingenieur“ an, der zu einem Teil im Betrieb und zum anderen an der Universität stattfindet.

Doch die Zahl der Lehrlinge stagniert – trotz des breiten Interesses an einer praxisorientierten Berufsausbildung unter Südtirols Jugendlichen. Vor allem Mädchen entscheiden sich immer öfter gegen eine Lehre. Die Gründe hierfür sind laut Baumgartner komplex: „Zuallererst liegt es daran, dass in den letzten 15 Jahren Berufsschulen begonnen haben, eine Vollzeitausbildung mit Maturaabschluss anzubieten. Das heißt, es gibt mittlerweile zwei Wege, um zum Beispiel Elektrotechniker zu werden: über die Lehre oder über eine Fachschule in Vollzeit. Andererseits gibt es noch unzählige weitere Faktoren, die die Lehrlingszahlen beeinflussen, wie zum Beispiel die Abhängigkeit von der Konjunktur. Bei den Mädchen kommt hinzu, dass sie sich in ihrer Auswahl auf sehr wenige Lehrberufe vorwiegend im Handel und der Verwaltung beschränken. Dort werden inzwischen tatsächlich vorwiegend Maturanten eingestellt. Wünschenswert wäre, dass sich die Mädchen mehr an technische Berufe heranwagen.“
Ein weiterer Faktor bei den rückgehenden Lehrlingszahlen sind laut Lanz die Betriebe selbst: „Die sinkenden Zahlen hängen zum einen mit der zunehmenden Verschulungstendenz im berufsbildenden Bereich zusammen. Zum anderen mit den strengen staatlichen Bestimmungen in puncto Jugendschutz und Arbeitssicherheit bei minderjährigen Lehrlingen. Das hemmt viele Betriebe, selbst Lehrlinge auszubilden.“

Matura auch für Lehrlinge. Bei den schwindenden Lehrlingszahlen setzt auch der Lehrlingspakt von 2015–2018 an, der von Bildungslandesrat Philipp Achammer initiiert wurde. Dabei geht es vor allem darum, die Zahl der Auszubildenden zu stabilisieren und die Qualität der Lehrlingsausbildung zu fördern. In diesem Rahmen wird zum Beispiel eine kostenlose Beratung in der Lehrlingsausbildung für Arbeitgeber angeboten und die Aus- und Weiterbildung der Lehrlinge in den Fokus gerückt. In diesen Bereich fällt auch das Pilotprojekt „Matura über die Lehre“, das dieses Jahr in die erste Runde geht. Im Rahmen des Projektes können Jugendliche mit einer vierjährigen Berufsausbildung das erste Mal einen zweijährigen berufsbegleitenden Lehrgang für die Matura anschließen.
„Unsere Schüler erhalten dadurch eine Doppelqualifikation, die Unternehmen zu schätzen wissen“, sagt Martin Rederlechner, Direktor der Landesberufsfachschule Tschuggmall in Brixen. Auf dem sich rasch verändernden Arbeitsmarkt, auf dem sich Technik und Verarbeitungsprozesse ständig weiterentwickeln, ist Weiterbildung auch in praktischen Berufen zum Muss geworden.
So haben praxisorientierte Berufsausbildungen heute mit alten Berufsklischees wenig zu tun. Die große Frage ist, für welche Ausbildungsmöglichkeiten sich Südtirols Jugend in der Zukunft entscheiden wird und welche neue Fachbereiche und Lehrlingsausbildungen sich vor allem im digitalen Bereich neu entwickeln werden. 

Anna Mayr

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  •  Cäcilia Baumgartner und Gert Lanz

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