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Stillstand im Glashaus

Aus ff 13 vom Donnerstag, den 26. März 2020

Gärtnerei
Die Auswahl ist riesig, aber der Detailhandel bleibt geschlossen. In den Südtiroler Gärtnereien müssen die Gemüse- und Kräuterpflanzen auf ihre Abnehmer warten. © Oliver Jaist
 

Die Coronakrise hat Südtirol fest im Griff. Davon betroffen sind auch die heimischen ­Gärtnereien und Floristikbetriebe. Wie hoch die wirtschaftlichen Einbußen ausfallen – eine Gärtnereibesitzerin und ein Florist im Gespräch.

Die Wochen vor Ostern zählen unter normalen Umständen zur umsatzstärksten Zeit des Jahres. Dieses Jahr ist alles anders. Die Gärtnereien und Floristikbetriebe bleiben im Moment geschlossen. Das hat Italiens Premier Giuseppe Conte im Zuge der Coronakrise beschlossen. Wir haben uns mit Martina Schullian, Inhaberin der Gärtnerei Schullian in Bozen, und mit dem Floristen Thomas Mair vom Floristikbetrieb Florale Werkstatt in Lana an einen virtuellen Interviewtisch gesetzt. Im Gespräch geben sie einen umfassenden Überblick über die momentan schwierige Situation ihres Wirtschaftssektors.

ff: Frau Schullian, das öffentliche Leben in Südtirol steht still. Wie stark fallen die wirtschaftlichen Aus-wirkungen des Corona-Virus auf ihren Betrieb aus?

Martina Schullian: Der Frühling mit den Monaten März, April und Mai ist unsere Hauptsaison. Alle Gärtnereien haben für diese Zeit eine Vielfalt an Pflanzen für Balkon und Garten produziert. Die wirtschaftlichen Folgen sind für uns -gravierend und noch gar nicht absehbar.

Herr Mair, was bedeutet dieser Stillstand konkret für Sie und ihr Geschäft, gerade jetzt vor Ostern?

Thomas Mair: Während Jänner und Februar – mit -Ausnahme des Valentinstags – eher ruhige Monate sind, beginnt unsere eigentliche Arbeit im März. Unter -anderem mit der Dekoration vieler Hotels im In- und Ausland, den ersten Hochzeiten sowie kleineren Aufträgen, wie der Gestaltung von Terrassen im privaten Bereich. Das Corona--Virus trifft unseren Betrieb und den gesamten Sektor also zu einem Zeitpunkt, an dem unter normalen Umständen die Arbeit wieder an Fahrt aufnimmt.

Seit wann spüren Sie konkrete Auswirkungen?

Mair: Los ging es mit der Stornierung von Aufträgen für Hotels, wenig später folgten erste Absagen von Hochzeiten, die im März stattfinden sollten. Sie wurden auf unbestimmte Zeit verschoben. Unser Geschäft dagegen war bis zur Schließung am 12. März gut besucht. Viele Menschen kamen, um sich vor Beginn der Quarantäne nochmal einmal mit frischen Schnittblumen oder schönen Deko-Gegenständen zu versorgen. Es herrschte eine ganz besondere Stimmung. Man hat gemerkt, wie wichtig es den Leuten in dieser nahenden Zeit der Krise ist, sich zu Hause eine -Wohlfühloase zu kreieren.

Frau Schullian, steht ihre Gärtnerei komplett still oder können Sie einige ihrer Serviceleistungen, wie zum Beispiel Innenraumbegrünung oder Terrassengestaltung, weiterhin anbieten?

Schullian: Genauso wie unsere Kollegen mussten auch wir unseren Betrieb am 12. März für den Detailverkauf schließen. Im Moment können wir nur eines tun: Unsere Kräuter, Beet- und Balkonpflanzen weiterhin vermehren, topfen, gießen und pflegen. Und hoffen, dass wir für unsere Kunden bald wieder öffnen können.

Mittlerweile bieten Sie Ihren Kunden einen kleinen, persönlichen Lieferservice an.

Schullian: Ja, Das stimmt. Unsere Kunden können Kräuter- und Gemüsepflanzen telefonisch bestellen und wir stellen sie ihnen zu. In Bozen kostenlos, in der Umgebung gegen eine kleine Gebühr. Natürlich unter strengster Einhaltung aller hygienischen Auflagen. Die Kunden bedanken sich ganz herzlich für diesen Service. Denn das „Garteln“ bei diesem schönen Frühlingswetter tut gut und lenkt etwas ab. Geschätzt wird auch die persönliche Beratung am Telefon, sie hilft in -diesen Zeiten gewisse Spannungen und Ängste abzubauen.

Die Florale Werkstatt hat sich gegen einen Lieferservice entschieden, warum?

Mair: Die momentane Devise für uns und unser Team lautet stay at home. Abgesehen davon ist es im Moment auch wirklich schwierig an Schnittblumen und dergleichen zu kommen. Denn die Großmärkte in den Niederlanden, München und
San Remo, die uns normalerweise beliefern, sind von den Auswirkungen der Krise ebenso betroffen wie wir.

Schullian: Wir Gärtnereien sind hier sicher im Vorteil. Der Lieferengpass betrifft uns nur am Rande, da wir bereits seit Monaten auf das Frühjahr hinarbeiten. Aber Engpässe bei Erde und Dünger sind durchaus auch bei uns möglich.

Hotels und Restaurants, sowie Aufträge bei Hochzeiten oder anderen Events sind wichtige Standbeine vieler Floristen. Kann man schon erahnen wie es weitergeht?

Mair: Das ist im Moment tatsächlich schwer abzuschätzen. Noch kann niemand voraussagen, wie lange diese Krise andauern wird. Im Moment bin ich noch optimistisch und hoffe, dass wir im Frühsommer wieder mit den Hotels zusammenarbeiten können. Dies ist auch der Tenor vieler Hotels, mit denen wir trotz momentaner Schließung nach wie vor in Kontakt sind. Was Hochzeiten und andere Events angeht, so sind wir auch diesbezüglich sehr optimistisch und vor allem auch flexibel. Wir sind mit den Brautpaaren in Kontakt, die uns laufend über Alternativtermine informieren. Hochzeiten werden ja in der Regel nicht abgesagt, sondern verschoben, was natürlich nicht für andere Events gilt.

Mit neun Mitarbeitern gehört Ihr Floristikbetrieb zu den größten in Südtirol. Wie schwer wiegt die Verantwortung gegenüber Ihren Angestellten?

Mair: Wir nehmen unsere Verantwortung gegenüber unseren Mitarbeitern sehr ernst. Uns ist es wichtig, ruhig zu bleiben und unserem Team absolute Sicherheit zu vermitteln. Unser Glück ist, dass wir in den letzten Jahren wirklich sehr gut gearbeitet und auch gewirtschaftet haben. So steht unser Betrieb im Moment gut da und wir können unseren Mit-arbeitern weiterhin ihren Lohn ausbezahlen.

Gibt es eigentlich Unterstützung von den Berufsverbänden?

Schullian: Unsere Vereinigung, also die Südtiroler Gärtnervereinigung, unterstützt uns sehr, wir sind auch im regelmäßigen Austausch mit unseren Kollegen. Wir versuchen Ruhe zu bewahren und hoffen, dass wir alle gesund und möglichst schnell wieder zum „normalen“ Leben zurückkehren können.

Herr Mair, Sie sind im Vorstand der Südtiroler Floristen im LVH, welche Unterstützung bietet Ihr Verband an?

Mair: Obwohl unser Verband im ständigen Kontakt mit den Mitgliedsbetrieben ist, haben wir bisher sehr wenige Anfragen und Rückmeldungen erhalten. Es scheint so, als versuchten die Betriebe im Moment noch alleine mit der Krise und ihren Auswirkungen zurecht zu kommen. Dies hat sicherlich auch damit zu tun, dass Floristikläden in Südtirol eher kleinstrukturiert sind. Obwohl die Krise jedes Blumengeschäft hart trifft, aber es macht sicher einen Unterschied, ob jemand alleine arbeitet oder viele Mitarbeiter beschäftigt.

Was raten Sie Ihren Berufskollegen angesichts der Corona-Krise?

Mair: Ich kann ihnen im Moment vor allem eines mit auf den Weg geben: Die nun freie Zeit für qualitative Weiterbildungen zu nutzen, sich über die neuesten Trends zu informieren, die eigenen Blickwinkeln zu öffnen und sich auch von anderen Ländern und Branchen inspirieren zu lassen. Oder auch die interne Struktur zu überdenken. Weiters kann man sich gerade jetzt Gedanken über mehr Nachhaltigkeit bei Waren und Lieferanten sowie kürzeren Lieferwegen machen. Und natürlich sollte man besonnen und positiv bleiben und diese Positivität nach außen tragen – zum Beispiel indem man den Frühling mit schönen Fotos über Social Media in die Häuser der Kunden bringt.

Aus Ihrer Sicht, hilft die Arbeit im eigenen Garten oder auf dem Balkon besser durch die Krise zu kommen?

Schullian: Der Kontakt mit der Natur und die Beschäftigung mit Pflanzen tut Kopf und Seele gut, erdet uns und hilft uns, diese Zeit sinnvoll zu überbrücken. Es ist auch eine gute Gelegenheit, viel Zeit mit Kindern auf dem Balkon und im Garten zu verbringen und ihnen Liebe zu Pflanzen und Natur zu vermitteln.

Täuscht der Eindruck oder sind die Südtiroler die vergangenen Jahre Blumen- und Gartenaffiner geworden?

Schullian: Wir haben in Südtirol seit jeher einen gewissen Bezug zu Natur, Blumen und Garten. Aber man kann schon sagen, dass aufgrund der Schnelllebigkeit und Technisierung aller Lebensbereiche das Bedürfnis nach Ruhe durch Gartentätigkeit zugenommen hat.

Interview: Verena Spechtenhauser

weitere Bilder

  • Schullian und Mair Trend Trockenblumen

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