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Die kreativsten Köpfe

Aus ff 15 vom Donnerstag, den 09. April 2020

Make
Better safe than sorry. So sieht die ­Interpretation einer Schutzmaske des in München ­lebenden ­Produktdesigners Christian Zanzotti aus: Ein Helm eines Motorradprojekts, kombiniert mit einem „Filter“. Ganz nach dem Motto: Sicher ist sicher. © Christian Zanzotti
 

Ob in der Mode, im Produkt- oder Objektdesign – Südtirols Designer feiern weltweit Erfolge. Wer sie sind. Wie sie den Corona-Alltag erleben. Und welche Mundschutzmasken sie für ff spontan entworfen haben.

Design is a state of mind. – Design ist ein Geisteszustand.“ Vielleicht bringt es genau dieser Titel der Ausstellung von Martino Gamper im Jahr 2014 in der Serpentine Sackler Gallery in London am besten auf den Punkt. Für den Meraner ist Design nie eine singuläre Sache, sondern viel mehr ein quelloffener Prozess, wie er im eben erschienenen Buch „Contro l’oggetto. Conversazioni sul design“ von Emanuele Quinz weiter ausführt. Gestaltung kann und soll frei sein. Es zählt der Gedanke, die Idee, nicht die Marke.

Südtiroler Design-Größen. Neben Martino Gamper haben sich in Südtirol etliche weitere Köpfe international einen Namen in dieser Kreativbranche gemacht: Matteo Thun, Gianni Pettena oder Harry Thaler. Dazu kommt das Unternehmen Plank mit einem Stuhl in der Sammlung des MoMa in New York oder der Modedesigner Dimitri. Das Gespür für Details, das handwerkliche Geschick, das Verständnis für Ästhetik und Funktionalität, die Aufmerksamkeit für alltag-, umwelt- und geographiegewollte Bedürfnisse kennzeichnen Geschichte und Designikonen. Grafik, Objekt, Animation, Mode, Schmuck und Spiel, die Palette ist unerschöpflich, wie es auch der 460 Seiten starke Katalog zur Kunst-Meran-Ausstellung „Design from the Alps“ eindrucksvoll beweist. Tatsache ist, dass sich an diese wichtige Wirtschaftsbranche unzählige weitere Betriebe, Unternehmen, Einzelpersonen, Studios und Räume knüpfen, die imstande sind, Design mit Handwerk oder anderen Disziplinen zu vernetzen – wie beispielsweise RU17 in Bozen oder BASIS in Schlanders.

Covid-19-Design. ff präsentiert in zwei Ausgaben einen Branchenreport über die Designszene in Südtirol. Stellvertretend für die spektrenreiche, produktive Szene stellen wir in diesem ersten Teil fünf von zehn Köpfen vor. Es sind Designer aus Südtirol, die mit ihren Entwürfen weltweit erfolgreich sind. Uns erzählen sie über ihren Aufstieg und über ihren Design-Alltag in Zeiten von Corona. Das Besondere: Aus aktuellem Anlass haben sie für unser Magazin ganz spontan eine Idee für eine Schutzmaske entwickelt. Ein Covid-19-Design, made von Südtirolern.

von Kunigunde Weissenegger & Anna Quinz

Christian Zanzotti

Produktdesign

Sein Aufstieg: Vom Deutschen Rat für Formgebung wurde Zanzotti 2014 zum „Newcomer of the Year“ gekürt. Christian Zanzotti ist in Tartsch im Vinschgau aufgewachsen. Nach seinem Bau­ingenieurwesen-Studium an der Technischen Universität Innsbruck ­wechselte er an die Hochschule für Angewandte Wissenschaften nach München. 2009 schloss er sein Studium in Industriedesign ab. Nach Zusammenarbeiten mit renommierten Designern, Studios und Büros gründete er 2013 sein Studio Zanzotti ID in München. Kennzeichnend für den Vinschger Designer sind die klare Linienführung und die bemerkenswerte Kenntnis von Technologien und Materialien.

Seine Entwürfe: Für die Puni-Destillerie in Glurns hat Zanzotti die Whisky-Flasche entworfen. Dafür hat er anlässlich der World Whiskies Awards in London die Auszeichnung World’s Best Design gewonnen. Ähnlich erfolgreich war er für den Entwurf eines Maschinen­designs für das Brixner Unternehmen Durst. Dafür wurde er mit dem Good Design Award Chicago und dem German Design Award ausgezeichnet.

Sein Corona-Alltag: Auch wenn er meist in seinem Münchner Homeoffice arbeitet, trifft sich Zanzotti mindestens einmal am Tag mit seinen Mitarbeitern im Designstudio. Dort besprechen sie laufende Projekte. „Den Freiraum nutzen wir nun für eigene Produktentwicklungen, für die Forschung an neuen ­Technologien und für die Erstellung von Prototypen. So haben wir – nur wenige Tage nach der Verhängung der Ausgangsbeschränkung – einen Spuckschutz entwickelt, der nun vertrieben wird.“ Von der kreativen Seite betrachtet, bezeichnet er die gewonnene Zeit als absoluten Luxus: „Der Entfall von Deadlines gibt uns Luft für eine stärkere Auseinandersetzung mit den Themen. Aus ­wirtschaftlicher Sicht wiederum gibt es nichts Besseres als eine harte Deadline. Auch wir freuen uns also auf eine bald endende weltweite Schockstarre.“

Lucas Zanotto

Animationsdesign

Sein Aufstieg: Das Spezial­gebiet des Brixners sind Animationen. Er hat bereits Werbespots für Wimble­don, Apple, Motorola, Google oder Pilot Pens ent­wickelt und umgesetzt. Lucas Zanotto hat zwei Jahre Architektur in Innsbruck studiert, danach Produkt­design in Mailand. Nach ­Jahren in Mailand, ­Barcelona und Berlin lebt und arbeitet er nun in Helsinki. Die Liste der Preise, die der Wahlfinne gewonnen hat, ist lang: Apple Design Award, Golden Lion, Gold at BDA Promax International oder YCN ­Professional Award.

Seine Entwürfe: Mit Yatatoy hat Zanotto sein eigenes Unternehmen gegründet. Es konzentriert sich auf Spiele, Bücher und Unterhaltungsmedien für Kinder. Spielerisch ermöglicht es ihnen Zugang zu Worten, Bildkompositionen oder Musik. Der letzte Clou ist dem Designer in China gelungen: Mit seinen putzigen Yatatoy-Tierkreationen soll in der Großstadt Shenzhen in naher Zukunft ein ganzer Kinderpark gestaltet werden.

Sein Corona-Alltag: Ursprünglich wollte Zanotto mit seiner Familie bis Anfang April in Bozen bleiben: „Dann sind wir, kurz bevor alles geschlossen wurde, in einer Nacht- und Nebelaktion zurück nach Helsinki“, erzählt er. Seit drei Wochen nun leben sie in ihrer Hütte auf dem Land. Die Zeit dort verbringen sie komplett isoliert. Morgens macht Zanotto Mathe mit seinen Töchtern. Den Rest des Homeschoolings übernimmt seine Frau Jonna, die parallel dazu Yoga unterrichtet, im Moment via Videokonferenz. „Ich habe den Rechner dabei und arbeite an verschiedenen Projekten. Es ist ein sehr komisches Gefühl, so abgeschottet von allem zu sein. Es fühlt sich an, als hätte jemand den Pausenknopf gedrückt“, meint Zanotto. Arbeitstechnisch habe sich bei ihm aber nicht viel verändert. Schon seit Jahren arbeitet er großteils über Videokonferenzen.

Alex Terzariol

Produktdesign

Seit Aufstieg: Alex Terzariol ist der Gründer von MM Design. Das Studio für Strategieberatung im Bereich Industriedesign wurde 1991 gegründet. Mittlerweile operiert es international. Der Sitz befindet sich in Bozen, die Filialen in São Paulo und in Mailand. MM Design entwirft für verschiedenen Sektoren der Industrieproduktion, vom Sport über Inneneinrichtung und Medizin bis hin zu Werkzeugen und Haushaltsgeräten. Terzariol ist seit 2014 Vorstandsmitglied der ADI Associazione per il Disegno Industriale.

Seine Entwürfe: Der Durchbruch gelang MM Design mit dem Skitourenschuh „Masterlite“ für Garmont. Der Skitourenschuh besteht aus Pebax, einem dünnen Plastikmantel aus vollständig recycelbarem Material. Durch die spezielle Netzstruktur ver­bindet sich Leichtigkeit mit Robustheit. Dafür hat MM Design gleich mehrere renommierte Preise gewonnen. Unter anderem den Red Dot 2011 oder den Compasso d’Oro 2014.

Sein Corona-Alltag: Die jetzige Situation ist für Terzariol tragisch und surreal zugleich. Normalerweise reist er häufig und trifft Menschen auf der ganzen Welt. Dieses Zuhause-Festsitzen beschreibt er als Strafe. Aber auch diese Krise biete Chancen. „Ich habe endlich Zeit für mich und meinen Lieben. Das möchte ich auch nach Covid-19 beibehalten. Außerdem bilde ich mich weiter: Viele Universitäten weltweit bieten einige sehr interessante, kostenlose Online-Seminare an. Zudem kann ich von meinem Sofa aus Museen besuchen, mich dank neuer Apps durch die Räume bewegen und Kunstwerke aus nächster Nähe betrachten. Natürlich ist das nicht derselbe Nervenkitzel, aber besser als Langweile.“ Eines ist für ihn aber sicher: Nach der Krise werde nichts mehr so sein wie vorher. Umso besser sei es gut darauf vorbereitet zu sein.

Sylvia Pichler

Taschendesign

Ihr Aufstieg: Sie hat Architektur in Innsbruck, Wien und London studiert. Bereits als Studentin hat sie aus ungewöhnlichen Materialien Taschen entworfen und gefertigt. 2005 gründete Sylvia Pichler die Taschenmarke Zilla. Das Unternehmen verkauft weltweit, arbeitet mit ­renommierten Partnern zusammen, bringt pro Jahr zwei Kollektionen mit je 30 verschiedenen Modellen auf den Markt. In einer ­Reportage der italienischen Wirtschaftszeitung Il Sole 24 Ore wurde Sylvia Pichler vor einigen Jahren neben Größen wie Zaha Hadid oder Gae Aulenti gelistet.

Ihre Entwürfe: Zilla-Taschen werden hauptsächlich aus ­laminiertem Leder mit Aluminiumfolien, Satin in Alu-Kombination und transluzenten Kunststoffen gefertigt. Die Rucksäcke sind aus gewachster Baumwolle und Leinen.

Ihr Corona-Alltag: Ende Februar war sie noch auf der Mode­woche in Mailand. „Da hat es gerade begonnen ernst zu werden. Wir nahmen es alle noch recht locker, niemand wollte Panik schüren, aber die Stimmung war schon sehr eigenartig“, erinnert sich Pichler. Anfang März besuchte sie noch eine Messe in Paris, mit wenigen, aber sehr guten Kunden: „In so einer ­Situation will man nur arbeiten und nicht flanieren.“ Wieder zuhause sind die ersten Schockmeldungen eingetroffen: „Ich hatte wirklich Angst, jemand in der Familie könnte sich an­stecken.“ Mit ihrem Mann, dem Architekten Pavol Mikolajcak, und ihren beiden Mädchen hat sich Pichler zurückgezogen. „Dann ist meine Oma im Alter von 96 Jahren verstorben – nicht am Virus. Zwei Tage danach, nach längerer Krankheit, meine Schwiegermutter. Das war sehr traurig.“ Geholfen haben ihnen ihre Kinder Lina, 7, und Anna, 5. „Den Kindern gelingt es, den Tod mit einer Natürlichkeit aufzufassen, dass es nicht mehr so weh tut. In der Zwischenzeit haben wir mit Arbeiten, Schulaufgaben, Einkaufen und Kochen einen Rhythmus gefunden. Die Tage wirken sehr viel länger, das Ganze hat aber auch viel Gutes.“

Andreas Steiner

Modedesign

Sein Aufstieg: Nach dem Modedesignstudium in Mailand hat der Kastelruther unter anderem für Gianfranco Ferré, Prada, Miu Miu und zuletzt für Louis Vuitton gearbeitet. 2018 gründete er in Paris seine eigene Modemarke: RIER, benannt nach dem Familiennamen seiner Mutter. Steiner entwirft und ­produziert Bekleidung für Männer und Frauen. Er greift überlieferte Elemente – wie für den Alpenraum typische Materialien, Muster und Verarbeitungen – auf und transportiert sie zeitlos in die Gegenwart. Vom Lodenstoff bis hin zur Federkiel­stickerei. Kleidungsstücke unterzieht der Designer vielmehr einem Evolutionsprozess, als dass er sie „designt“

Seine Entwürfe: Die erste Unisex-Kollektion von RIER steht unter dem Motto „Tyrolean Punk“. Sie hält die Überlieferung von Handwerk und Know-how hoch. Sie durchbricht die Tradition und geht in der Evolution einen Schritt weiter. Das heißt: Models posieren schon mal im traditionellen „Blümchentrachtenleibl“ mit „Goaßl“ im Anschlag.

Sein Corona-Alltag: Seine Wohnung in Paris nutzt Steiner aktuell auch als Atelier und Büro. Er meint, dass es jetzt an der Zeit sei, in der Evolution einen Schritt weiter zu gehen, Veränderungen aktiv anzugehen und nicht darauf zu warten, bis sie von alleine eintreten. „Ich finde, wir müssen das Gleichgewicht finden – das Equilibrium! Wir müssen intelligente Investitionen tätigen und ein wirtschaftliches Wachstum auf den Respekt zur Natur umbauen. Südtirol sollte weltweit das Aushängeschild für wirtschaftliche Zukunft und naturnahes Leben darstellen. Projekte sollten die besten und innovativsten der Welt sein, ohne Kompromisse! Nur so werden wir aktiv an der ­Veränderung des Lebens teilhaben können“, meint Steiner.

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