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Die kreativsten Köpfe

Aus ff 16 vom Donnerstag, den 16. April 2020

Gabi Veit
© grund.foto
 

Südtirols Designer feiern weltweit Erfolge. Neben Matteo Thun, Martino Gamper oder Harry Thaler hat Südtirol noch weitere kreative Köpfe ­hervorgebracht. Wer sie sind und wie sie ihren Corona-Alltag ­erleben – Teil zwei unseres Design-Branchenreports.

von Kunigunde Weissenegger & Anna Quinz

Grafik, Objekt, Animation, Mode, Schmuck und Spiel. Die Südtiroler Designszene umfasst ein breites Spektrum und ist produktiv.

Sie vereint Gespür für Details, handwerkliches Geschick und Verständnis für Ästhetik und Funktionalität. Damit hat sich die Szene zu einer Wirtschaftsbranche etabliert, die sich weltweit profiliert.

Covid-19-Design. Stellvertretend für all die Kreativen im Land präsentieren wir in Teil zwei unseres Branchenreports fünf weitere Designer, die mit ihren Entwürfen internationale Erfolge feiern. Sie erzählen über ihren Aufstieg und über ihren Design-Alltag in Zeiten von Corona.

Das Besondere: Aus aktuellem Anlass haben sie für unser Magazin ganz spontan eine Idee für eine Schutzmaske entwickelt. Ein Covid-19-Design, made von Südtirolern.

Gabi Veit, Schmuckdesign

Ihr Aufstieg: Gabi Veit ist Schmuck- und Löffelmacherin. Was außergewöhnlich klingt, ist seit Jahren das Markenzeichen der Grafik­designerin. Die Mitbegründerin der Carambolage in Bozen pendelt zwischen Bozen und der Schweiz. Etwa ein Drittel des Jahres ist sie mit ihren Kreationen unterwegs zu Ausstellungen in Museen, ­Galerien, Designshops und auf Messen.
Von ­London und Los Angeles über Leipzig, ­Hamburg und Paris bis nach München, Padua oder Mailand.

Ihre Entwürfe: An die 800 Löffel umfasst ihre Sammlung. 300 Geschöpfe hat sie selbst kreiert. Noch bis Juni 2020 sind einige ihrer Löffel im Musée de design et d’arts appliqués in Lausanne zu sehen und von Mitte April bis Ende Mai 2020 im National Taiwan Craft Research and Development Institute in Taipeih. Für 2021 ist ein Auftritt beim bekannten Fuorisalone in Mailand geplant.

Ihr Corona-Alltag: Messen sind ab­gesagt, Museen geschlossen, Ausstellungen auf unbestimmte Zeit verschoben. Damit sind für Gabi Veit alle Pläne für dieses Jahr erst mal auf Eis gelegt: „Ich wollte eigentlich im Frühsommer mit meinem Mann eine zweimonatige Reise durch Süditalien machen, an wenigen Orten länger verweilen, Menschen kennenlernen, Begegnungen mit Unbekanntem suchen. Ich hatte auch die Idee, ein Schmuckprojekt in Süditalien zu starten“. Nun sitzt sie mit ihrem Mann in der Schweiz: „Er als Lehrer im Fernunterricht, ich an der Werkbank, zusammen in der Werkstatt im umgebauten Wöschhüsli. Ich arbeite an einer neuen Schmuckreihe und mache jeden Tag einen Löffel. Dieses konstante Dranbleiben macht Freude und sorgt für Ablenkung, für die Vertiefung der Gedanken. Im Garten sprießt es, ich beobachte Blaumeise und Distelfink, es ist fast wie in Süditalien. Aber eben nur fast.“

„insalata mista“ , Produkt- und ­Kommunikationsdesign

Ihr Aufstieg: Sie gehören zur jungen Designszene Südtirols: Ada Keller und Matthias Pötz haben bereits während ihrer Studienzeit an der Fakultät für Design an der Uni Bozen zusammengearbeitet.
2017 gründeten sie das multidisziplinäre Designstudio „insalata mista“. Der Name ist Programm. Er steht für ihre Fertigkeit, mit ­unterschiedlichen Materialien und Techniken zu arbeiten. Er steht aber auch für ihre Kunst in unterschiedlichen Feldern erfolgreich zu sein, vom Möbel- oder Produktdesign über die Kunst bis hin zur visuellen Kommunikation.

Ihre Entwürfe: Sinnbildlich für ihre Wendigkeit und Kreativität steht ihr Re-Design-Projekt in Zusammenarbeit mit dem Verein Magari in Meran: Nutzlose, wenig beachtete Objekte werden funktionell und ästhetisch umgestaltet und erhalten einen neuen Nutzwert.

Ihr Corona-Alltag: Diese Zeit ist für alle ­besonders. Auch für Keller und Pötz: „Man ist immer in derselben Umgebung, ­begegnet keinen anderen Menschen – außer virtuell, aber das ist nicht dasselbe.“ Diese „klaustrophobe“ Situation bringe sie dazu, neue Gewohnheiten, Aktivitäten und Bedürfnisse zu erfinden. Abgesehen vom Versuch, ihre Arbeiten am Laufen zu halten, nutzen sie diese ­„Corona-­Time“ auch für Aktivitäten, für die sie sich sonst nicht so sehr die Zeit nehmen. Ihre persönliche Herausforderung: Sie wollen Orte oder kleine Objekte verschönern, verbessern und ­reparieren – aber nur mit vorhandenem Material und Improvisationsgeist. „Diese Zeit ist bei uns also von Neuverwendung, Neugestaltung und Verwandlung geprägt. Das ist schön, aber auch etwas anstrengend. Und wir freuen uns vor allem darauf, unsere Freunde wieder zu ­treffen und den öffentlichen Raum mit ganz anderen Augen wahr­zunehmen“, so die beiden Kreativen.

Lip Comarella, Animationsdesign

Sein Aufstieg: „Wenn wir die Geschichte nicht erzählen ­können, dann kann’s niemand,“ so lautet das selbstbewusste Motto von Salon Alpin mit Sitz in Wien und ­Lissabon. Zu den Kunden des vor acht Jahren ­ge­gründeten Studios zählen namhafte inter­nationale Unternehmen wie Montblanc, Turtle Entertainment, der Falter, Die Presse und Green­peace. Zu den Gründern des ­Studios zählt der Bozner Lip Comarella. Der Animations­designer schaffte 2019 den Sprung über den großen Teich und ­arbeitet seither als Copro­duction Designer bei Netflix in New York.

Seine Entwürfe: Gemeinsam mit seinem Jugendfreund und Entwickler Christian Baumgartner holte sich Comarella 2019 den renommierten Apple Design Awards (ADA). Mit diesem ­Awarad zeichnet Apple jedes Jahr neun talentierte iOS-­Entwickler aus, wohlgemerkt von insgesamt 100.000 Apps. Comarella hat den Award für „ELOH“ ­gewonnen.
Es handelt sich dabei um ein musikalisch angehauchtes Puzzle-Spiel mit ästhetischer Optik, das Animationen konzipiert, entwirft und umsetzt.

Sein Corona-Alltag: So wie alle anderen Mitarbeiter von Netflix Animation arbeitet auch Comarella schon seit drei Wochen von zuhause aus. An und für sich kein großes Problem, würde er nicht in einem nur
25 Quadratmeter großen Studio-Apartment-Mause­loch in Manhattan wohnen. „Da kann dir die Decke schon recht bald auf den Kopf fallen. Ich habe mich während dieser Corona-Time also willentlich einer Zeitreise unterzogen. Ich zocke mit meinem Bruder und meinen Jugendfreunden online Videogames. Ganz so wie in meinen Teenager-Jahren, nur mit bedeutend besserer ­Hardware. Ganz unverschämt und exzessiv, ohne Bücher, ohne neue Sprachapps, ohne Yoga. Einfach mega zocken“, erzählt ­Comarella schmunzelnd.

Studio Mut, Grafikdesign

Ihr Aufstieg: Thomas Kronbichler und Martin Kerschbaumer sind die Gründer von Studio Mut, einem der einflussreichsten Grafikdesignstudios Italiens. Von Bozen aus arbeiten sie für Kunden in der ganzen Welt. In Südtirol für das Museion in Bozen, für Barth Innenarchitektur in Brixen oder die Architekturzeitschrift Turris Babel. International für das Victoria & Albert Museum London, die Fondazione Sandretto Re Rebaudengo oder das Modelabel Louis Vuitton.

Ihre Entwürfe: 2018 wurden die beiden Designer in die Alliance Graphique Internationale (AGI) aufgenommen. Dem Eliteverein weltweit renommierter und einflussreicher Grafik- und Kommunikationsdesigner gehören über
500 Mitglieder aus über 40 Nationen an. Im Masterstudiengang für ­Kommunikationsdesign an der Raffles Universität in Mailand haben die beiden Südtiroler in diesem Jahr ein Engagement als Gastprofessoren.

Ihr Corona-Alltag: Thomas Kronbichler geht es gut. Er arbeitet im Gartenhaus, da steht sein iMac, seine Lieblingsmusik spielt und vor dem Fenster blüht der Mandelbaum. Das Studio Mut ist online: Kronbichler in Bozen, Kerschbaumer zuhause in Brixen, ihre Mitarbeiter in Stuttgart und Mainz im Homeoffice, die Projekte sind schon seit Jahren in der digitalen Wolke gespeichert. Alles gut? „Nein,“ meint Kronbichler, „ich kann mich nicht konzentrieren, bin oberflächlich, begeistere mich schwer. Ich spüre, dass die Welt nicht stimmt. Kreativität entsteht nicht im luftleeren Raum, das hat mir der große Grafikdesigner Paolo Tassinari aus Triest am Telefon gesagt. Auch tue er mehr so, als ob er arbeiten würde, er organisiert sein zehn­köpfiges Team, so gut es eben geht. Aber an Kreativität sei nicht zu denken. Der Designer spürt eine Stimmung und übersetzt sie in Form. Wenn die Stimmung schlecht ist, gibt es keine neue tolle Form.“ Obwohl Studio Mut im Moment an vielen Projekten arbeitet, fällt es den beiden Grafikdesignern schwer, Begeisterung zu entwickeln. „Doch scheiß auf die Stimmung, lasst uns tolle neue Sachen machen“, meint Kronbichler.

Marco Dessí, Produktdesign

Sein Aufstieg: Der zweisprachige Meraner und Wahlwiener ließ sich ursprünglich zum Zahntechniker ausbilden. Das verhalf ihm zu einem ausgeprägten handwerklichen Geschick sowie zu Verständnis für Material und dessen Verarbeitung. Nach diversen Projekten und Arbeiten für Architekten und Designer studierte er Industrial Design an der Universität für Angewandte Kunst in Wien. Seit 2008 führt er sein eigenes Designstudio in Wien mit renommierten internationalen Kunden. Konstante Zusammenarbeit pflegt er mit Lobmeyr, einem Wiener Traditionsunternehmen für Glaskultur und Lichtgestaltung. Das Entwurfsspektrum von Dessí ist umfangreich: Neben Glas­objekten und Lampen designt er auch Sessel, Sofas und Tische. Darunter für so bekannte Unternehmen wie Wittmann Möbelwerk­stätten, Richard Lampert oder Thonet. Der Designer ist aber auch für ganzheitliche Raumkonzepte für Kulturinstitutionen wie das Museum für Angewandte Kunst und die Kunsthalle in Wien verantwortlich.

Seine Entwürfe: Erst im Jänner 2020 hat Dessí seinen neuesten Entwurf ­präsentiert: den Polsterstuhl 520, designt für die Traditions­marke Thonet. Dessí lehnte sich dabei an die Kultur des klassischen ­Thonet-Bugholzsessels an, den Michael Thonet Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelt hat und der seit 200 Jahren für vergnügliches Zusammensitzen und Feiern mit Freunden steht. Der Südtiroler Designer hat in seinem Entwurf die Flächen zwischen den Bugholz­elementen durch komfortable Polster ersetzt.

Sein Corona-Alltag: „Jeder Tag fühlt sich ein bisschen an, wie arbeiten am ­Sonntag,“ meint Dessí auf die Frage, wie er die Corona-­Situation erlebt. Damit das Ruhigsitzen im Homeoffice leichter fällt, ­startet er den Tag mit einer Laufrunde im Wiener Prater. „Das gemeinsame Kochen in der Familie hält uns bei Laune. Schön ist, dass die meisten Projekte zwar ein bisschen langsamer vorangehen, aber von den ­Kunden und von mir weiterhin verfolgt werden.“

weitere Bilder

  • Gabi Veit, 51, ist Schmuck- und Löffelmacherin: Sie pendelt zwischen Bozen und der Schweiz, wo sie ihre Werkstatt hat. Sie gehören zur jungen Designszene Südtirols: Ada Keller, 27, und Matthias Pötz, 29, die Gründer des multidisziplinären Designstudios „insalata mista“. insalata mista - Werke Der Bozner Lip Comarella, 35, arbeitet als Co-Production Designer bei Netflix in New York.
  • Thomas Kronbichler, 34,  und Martin Kerschbaumer, 31, sind die Gründer von Studio Mut, einem der einflussreichsten ­Grafikdesignstudios Italiens. Produktdesigner Marco Dessí Schutzmaske von Marco Dessí

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