Leserbriefe

Die 50 reichsten Südtiroler

Aus ff 49 vom Donnerstag, den 07. Dezember 2017

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Ein Heft über Armut und Reichtum im Land. Titelgeschichte in ff 48/17

Laut aktuell veröffentlichten Studien des Arbeitsförderungsinstituts (Afi) kann festgestellt werden, dass das Lohnniveau in Südtirol im Vergleich zu den Lebenshaltungskosten häufig zu niedrig ist. Die Unterschiede haben in den vergangenen Jahren zugenommen. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen laut Steuererklärung in Südtirol betrug 2016 genau 22.861 Euro und ist inflationsbereinigt gegenüber 2009 um fast 3 % gesunken. Vor allem Arbeitnehmer der unteren Einkommensgruppen sind von diesem Kaufkraftverlust betroffen. Wie kommt das zustande?
Viele Kollektivverträge sind an die nationalen Verträge gebunden. Die Lebenshaltungskosten liegen in Südtirol aber rund 20 % über dem gesamtstaatlichen Niveau. Die effektive Bruttoentlohnung ist aber nur 6 bis 7 % höher als im restlichen Italien. Gesteigert wird
diese Diskrepanz noch durch eine aktuell deutlich höhere Inflationsrate. Dazu kommt eine ungleiche Steuerbelastung – als Beleg: Obwohl 87,2 % der Einkommen aus lohnabhängiger Arbeit und 87,7 % der Renteneinkommen unter 35.000 € brutto liegen, wird gleichzeitig 77,7 % des Irpef-Steueraufkommens von Arbeitnehmern und Rentnern generiert. Von den Möglichkeiten der Abschreibungen nicht zu reden. Alle diese Umstände führen dazu, dass die Einkommensschere immer größer wird und sich durch den Verlust an realer Kaufkraft eine bedenkliche Gerechtigkeitslücke ergibt – die immer deutlicher spürbar ist. Auf viele Bereiche hat die lokale Politik kaum Einflussmöglichkeiten. So ist natürlich national die Politik gefragt, die übermäßigen Lohnnebenkosten zu senken. Trotzdem kann auch das Land Südtirol etwas tun, um für eine gerechtere Kaufkraft zu sorgen.
Die Arbeitgeber müssen in die Pflicht genommen werden. Die Irap-Reduzierung von 56,2 Millionen € im Jahr 2013 auf geplante 141 Millionen € im Jahr 2018 ist nicht bei den Arbeitnehmern angekommen. Diese fast 90 Millionen € aus dem Landeshaushalt sollten zum einen zur Überwindung der Wirtschaftskrise beitragen, zum anderen war es aber auch ein Gentlemans-Agreement zwischen der Politik und der Wirtschaft, dass vom Steuergeschenk auch etwas in den Geldtaschen der Arbeitnehmer landen soll. Das ist nicht passiert.
Heute kann man objektiv sagen, dass die Krise vorbei ist. Die Prognosen sind durchwegs positiv, die Wirtschaft wächst, und das ist gut so. Davon müssen auch die Arbeitnehmer profitieren. Die Irap-Millionen sollten für neue Betriebsabkommen zur Verfügung stehen, durch welche die Einkommen für die unteren und mittleren Lohnsegmente deutlich erhöht werden. Für diese Maßnahmen braucht es natürlich die Einsicht der Unternehmer, doch gegebenenfalls ist auch Druck vonseiten des Landes möglich. Anders sieht es bei der Erhöhung der regionalen Irpef-Freibeträge aus: Hier entscheidet der Landtag und könnte ein Zeichen setzen, indem er alle Einkommen bis mindestens 35.000 € befreit – als ersten Schritt zu einer „Südtiroler no tax area“.
Darüber hinaus sollte auch das Land als Arbeitgeber trotz der Anpassung der Kollektivverträge 2016 überprüfen, in welchen Bereichen die Löhne nicht einer gerechten Kaufkraft entsprechen, und nachbessern. Beide Maßnahmen zusammen wären wichtige Beiträge für eine spürbare Steigerung der Kaufkraft und damit für eine gerechtere Gesellschaft, in der jeder mit seinem Einkommen auch ein angemessenes Auskommen hat. Am Ende wird vor allem die Wirtschaft davon profitieren, da ja höhere Löhne in der Breite auch zu einer Stärkung des lokalen Binnenmarktes führen.
Zeno Christanell, Mitglied des SVP-Landessozialausschusses, Naturns

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