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Gesellschaft & Wissen

Der Wunsch nach Freiheit

Aus ff 24 vom Donnerstag, den 14. Juni 2018

Libardoni
„Ich bin kein Penner“, sagt Luca Libardoni. „Ich bin ein Clochard.“ Seit fast 40 Jahren lebt der 61-Jährige auf der Straße. © Ludwig Thalheimer
 

Luca Libardoni lebt seit 40 Jahren auf der Straße, weil er frei sein will. Das gibt er auch nicht auf, als sein Sohn es ihm gleichtut. Welchen Preis bezahlt man für so ein Leben?

Hupend fährt ein Motorradfahrer durch die Perathonerstraße. Die Stadt versinkt in der Mittagshitze. Laute Stimmen, Abgase, Musik, die aus einem Auto dröhnt. Luca Libardoni reibt sich mit beiden Händen das Gesicht. Im Schneidersitz sitzt er auf ein paar Wolldecken, sie sind schmutzig und riechen stark. Hier, gegenüber vom Hotel Adria, ganz nah am Busbahnhof in Bozen, ist sein Platz. Seine Heimat, seine Wohnung, sein Leben.
An der Wand hinter ihm hat jemand mit schwarzem Filzstift „Vor dem Gesetz ist jeder gleich“ gekritzelt. Luca lacht abfällig, als er den Satz vorliest. „Das stimmt nicht“, sagt er, greift zu einem Tetrapak mit Rotwein und trinkt einen Schluck. „Die Carabinieri versuchen mich zu verjagen. Aber von hier bis zur Bordsteinkante gehört der Gehsteig nicht dem Land oder der Gemeinde. Dieses Stück Land nennt sich ‚Benko‘. Erst wenn Benko kommt und sagt, bitte geh, stehe ich auf und gehe.“
Luca Libardoni, 61, ist obdachlos. Tag und Nacht verbringt er draußen, lebt von der Hand in den Mund. Manchmal versorgt ihn jemand mit einer warmen Mahlzeit. Manchmal bringt ihm seine 96-jährige Mutter einen frisch gewaschenen Pullover. Vor fast 40 Jahren hat Luca die Entscheidung für dieses Leben getroffen. Ein Leben auf der Straße. Für ihn ist das der einzige Ort, an dem sich die Menschen mit Respekt begegnen, an dem niemand über den anderen urteilt und er wirklich frei sein kann.
Die Zahlen über Obdachlose im Land variieren, genaue Statistiken gibt es nicht. 350 sind es, die einen Platz in den Einrichtungen im Land haben, die Chance nutzen, wieder Teil der Gesellschaft zu sein. Fast acht Monate hat auch Luca im vergangenen Jahr im Haus der Gastfreundschaft in Bozen gewohnt. Doch die Regeln waren ihm zu starr: kein Alkohol, keine Drogen. Damit konnte er nicht umgehen. Dann musste er gehen.
Auf der Mauer hinter ihm hat Luca gestapelt, was er im Alltag braucht. Plastikbecher, Wasser. Zwei Bücher, ein Croissant, drei Kartons mit billigem Rotwein. Ohne den Stoff kann Luca schon lange nicht mehr. Mit 13, sagt er, habe er begonnen, regelmäßig Alkohol zu trinken. Seine Augen sind glasig, die Stimme bricht. Rotwein, Weißwein – ihm ist egal, welchen Wein er trinkt. Hauptsache, er wirkt. Dann kann er manchmal tagelang schlafen, bei Hitze und bei Kälte. Er ist das Erste, wonach er greift, wenn er aufwacht. Das Letzte, was er sieht, bevor er einschläft.
Die Sucht ist ein großes Thema unter Obdachlosen, sagt ­Danilo Tucconi, zuständig für Obdachlose bei der Caritas in Bozen. Sie sei es, die Menschen oft auf die Straße treibe. Dann, wenn sie ihre Arbeit verlieren, die Wohnung nicht mehr halten können, die Frau sich getrennt hat. Ein Teufelskreis, aus dem es schwer sei auszubrechen. Ein Leben auf der Straße – für Tucconi hat das nichts mit Romantik zu tun. „Niemand entscheidet sich freiwillig für solch ein Leben“, sagt er. In den Einrichtungen können solche Menschen zwei Jahre bleiben, danach sollten sie bereit sein für ein intaktes Leben. Gehen sie vorher, um sich wieder allein auf der Straße durchzuschlagen, machten sie dies aus Angst vor dem Scheitern. Aus Angst, doch keine Arbeit zu finden, doch kein geregeltes Leben führen zu können.
„Das Sandlerleben“, sagt Tucconi, „das gab es vielleicht vor vielen Jahrzehnten.“ Heute habe sich das Bild des Obdachlosen verändert. Niemand sei glücklich, der auf der Straße lebe und jeden Tag fünf Liter Wein trinke. „Das Bild des Clochards ist eine romantische Vorstellung. Aber die ist nicht Realität.“

Luca zieht an einer Zigarette. Seine langen Haare sind verfilzt. Die braunen Augen sehen müde und mitgenommen aus. „Ich bin kein Penner“, sagt er. „Ich bin ein Clochard.“
Ein Vagabund zu sein, das hat ihm einer vorgelebt, den er damals in seiner Heimat im Trentino kennenlernt. Ein Mann, der in den Feldern lebt, der sich ohne Arbeit durchs Leben schlägt. Eines Nachmittags sieht Luca ihn auf einer Parkbank sitzen. Er ist neugierig, setzt sich zu ihm und fragt: „Wie geht es dir?“ –„Ich habe Hunger“, sagt der andere. Also geht Luca nach ­Hause, plündert den Kühlschrank und bringt ihm etwas zu essen. „Wie geht es dir?“, fragt er ihn noch mal. „Gut“, sagt der andere. „Ich bin ein freier Mensch. Das kannst du sein, wenn du auf der ­Straße lebst.“
Luca hatte zuvor seinen Vater an Krebs verloren. Kurz darauf stirbt seine Freundin bei einem Autounfall. Er will sein wie der andere, verabschiedet sich von seiner Familie und geht.
Luca arbeitet mal hier, mal dort. Schläft unter Brücken, unter Bäumen. Lernt Freunde und Feinde kennen. Er schwängert vier Frauen und heiratet eine andere. Er führt ein Leben ohne Verantwortung. Ohne Zwang, ohne Regeln. Tanzt im Regen auf dem Waltherplatz, richtet eine Pistole auf jemanden, der seine Mutter beleidigt. Luca bricht mit den Gesetzen – und bricht letztendlich mit sich selbst.
Dort auf seiner Decke vor dem Busbahnhof erinnert er sich an diese prägenden Ereignisse, die Wunden in seiner Seele hinterlassen haben. Er sagt: „Ich habe viele Fehler gemacht. Dafür bezahle ich.“ Mit dem Finger zeigt er nach oben. „Wenn er seine Rechnung mit mir macht, muss ich mich schämen.“ Oft fragt er sich: Hätte sein Leben eine andere Wendung nehmen können?
„Die Verantwortung“, sagt Elias Siviglia und reibt sich die Handflächen, „liegt ganz bei dir selbst. Du allein kannst es schaffen, herauszukommen. Du musst es nur wollen.“ Elias kann niemanden begrüßen, weil er sich gerade die Hände eingecremt hat. „Hygiene ist wichtig“, sagt er. „Die braucht der Mensch.“ In seiner Einzimmerwohnung in einer Reihenhaussiedlung hat ­alles seinen Platz: die Tagesdecke mit Leoparden-Muster auf dem Bett, die eingerahmten Fotos auf dem Nachttisch, das Geschirr im Schrank. An den Wänden hängen Bilder von Südtiroler Panoramen, im Fernsehen läuft lautlos eine 3-Sat-Tierfilm-Produktion. Elias lebt seit sechs Jahren in dieser Wohnung, davor war er in Lana – bis ihn seine Frau rausschmiss. „Sie hat mir einfach nicht geglaubt, dass ich jetzt ein anständiges Leben führen kann. Ein geregeltes, ein normales Leben.“ Dabei tut er genau das, sagt er. Und das seit elf Jahren. Und die Jahre davor? „Oouuuh“, Elias zieht das ‚u‘ ganz lang und dreht den Kopf weg. Alles, was davor war, hatte wenig mit Anstand zu tun. Sondern mit Saufen, Lügen und Sich-Gehenlassen. Elias kennt Luca von früher. Und er kennt die Straße. Sie war lange sein Zuhause.
„Ich habe eigentlich nie eine Wohnung gehabt“, sagt er, der im Juli 72 Jahre alt wird. Als er 14 war, schickten ihn seine Eltern nach Bregenz zur Lehre. Verwandte, bei denen er unterkommen konnte, hatten eine Metzgerei. Nach den drei Jahren schmiss er den Job und ging die Welt erkunden. Er sagt, er wollte etwas erzählen können, wenn er mal alt sei. Elias hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, bleibt hier ein paar Wochen, da ein paar Monate. Österreich, Deutschland, Italien. Er schläft dort, wo er arbeitet, er vertrinkt das Geld dort, wo er es verdient.
„Da rutscht man einfach rein“, sagt er. Und kommt auch nicht so schnell wieder raus. Weder aus der Alkoholsucht, noch aus dem Sandlerleben. Lange schaut er auf den Tisch. Er ist bereit, über seine Vergangenheit zu sprechen. Aber nicht ohne oft zu betonen, wie gut es ihm heute geht. Wie stolz er auf sich ist.
Sechs Jahre hat Elias im Leerlauf verbracht. Ohne Arbeit, ohne Wohnung, ohne Zukunftspläne. Er bricht in Museen ein und vertickt die Wertsachen, fährt ohne Führerschein und wird verhaftet. Neun Tage wandert er über die Autobahn von Bozen nach München, weil er nicht weiß, was er mit seinem Leben anfangen soll. Er schläft unter freiem Himmel, wäscht sich in Flüssen, gibt jeden Cent für Rotwein in Kartons aus.
Seine Geschwister finden, er ist ein Versager. Nie haben sie an ihn geglaubt. Gebrochen glaubt auch Elias nicht an sich. Im Alkohol findet er, was er sucht: Einen Freund, der Gedanken stilllegt.
Sie kreisen immer wieder um den gleichen Brei: Geld, Arbeit, Essen, Alkohol. Täglich hängt er in einer Bar in der Streitergasse in Bozen rum. Dort findet er Freunde, die die Welt genauso rot sehen wie er. Dort findet er Verbündete, die ihm den Wein zahlen, wenn er wieder mal keinen Cent in der Tasche hat. „Ich habe oft gelogen“, sagt Elias. „Wer mir Geld geliehen hat, hat es nie wieder bekommen.“
Heute den Elias von damals zu beschreiben, fällt ihm schwer. „Tiefer hätte ich nicht sinken können“, sagt er. „Ich war Dreck, eine Null, ein Nichts. Hätte ich so weitergemacht, würde ich jetzt neben Luca sitzen.“

An einem Nachmittag, als er wieder mal am Tresen in seiner Kneipe sitzt, drückt der Chef ihm einen Briefumschlag mit einer Million Lire in die Hand. Da, schau, dass du mir das Geld bei der Bank einzahlst. Elias will nicht. Warum willst du mir das Geld geben? – Zahl es für mich ein, drängt der Chef.
Elias nimmt den Brief und hat nur einen Gedanken: Der Mensch vertraut dir eine Million Lire an. Mach jetzt bloß keinen Fehler. Er rennt zur Bank, stellt sich in die Schlange und wartet. Damit niemand denkt, er sei abgehauen, ruft er den Chef an und sagt: Es ist viel los. Ich muss anstehen. Als er an der Reihe ist, zahlt er ein, nimmt die Quittung, verlässt die Bank, betritt die Bar, gibt die Quittung ab und weiß: Jetzt wird sich etwas ändern.
An seinem 49. Geburtstag stellt sich Elias auf die Loreto-brücke. In der Tasche Tabak, in der Hand einen Becher Rotwein. Als die Uhr zwölf schlägt, schnupft er seinen Tabak, trinkt den Wein und macht dies zum letzten Mal in seinem Leben.
Kurz darauf vermittelt ihm ein Bauarbeiter in Bozen einen Job, Elias sagt sofort zu. Er will das Geld nicht mehr versaufen, er will arbeiten. Sieben Jahre bleibt er im Betrieb und arbeitet auch danach so viel, dass er seine 42 Jahre zusammenbekommt, um Rente zu beziehen. Es kostet ihn Kraft. In seiner Wohnung in der Reihenhaussiedlung, vor dem Panorama des 3-Sat-Tierfilms klopft er sich auf die Schulter: „Aber ich habe es geschafft, darauszukommen. Und darauf bin ich sehr stolz.“
Heute hat Elias ein Auto, hilft ab und zu beim Äpfelklauben. Demnächst macht er eine Reise nach Rumänien, Lettland und Moldawien. „Ich habe Verantwortung für mein Leben übernommen“, sagt er. „Früher dachte ich, nur wer auf der Straße lebt, ist ein freier Mensch. Heute weiß ich es besser: Ich habe alles, was ich brauche: Gesundheit, gutes Essen, Urlaube und Freunde. Ich habe es mir selbst verdient. Das ist Freiheit.“
Noch einmal zurück zum Busbahnhof in Bozen. Luca schaut auf seine Hände. Unter seinen vergilbten Fingernägeln hat sich schwarzer Dreck festgesetzt. „Ein Clochard hat nie schmutzige Hände, nie“, sagt Luca. „Schmutzige Haare, schmutzige Kleidung, ja. Aber saubere Hände.“
Er bereut nicht, dieses Leben zu führen. „Ich will keine Wohnung“, sagt er. Luca will weitermachen wie bisher, sich nicht helfen lassen, frei und ungebunden sein.
Auch nach dem Tag im März. An diesem Tag kam ein Mann zu Luca, 18 Jahre alt, dunkle Haare, dunkle Augen. Er schaute ihn an und sagte: Hallo, ich bin Mario, dein Sohn. Seit drei Wochen hat auch er keine Arbeit, keine Wohnung mehr. Zugedröhnt liegt er neben Luca auf einer Decke. 

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