Gesellschaft & Wissen

„Mir ist vergeben worden“

Aus ff 51 vom Donnerstag, den 20. Dezember 2018

Abt Eduard Fischnaller
„Ich denke, die Sache ist abgeschlossen“: Abt Eduard Fischnaller im Besprechungszimmer der Propstei von Neustift beim Interview mit ff. © Othmar Seehauser
 

Abt Eduard Fischnaller über die Vorwürfe der Säuberung und den dunklen Schatten, der über ihm liegt: seine Fälschung von Zeugnissen.

Beim Interview mit ff wird Eduard Fischnaller vom neuen Gutsverwalter ­Fabian Schenk flankiert. Der Abt bemüht sich um ein freundliches, offenes Gespräch, wirkt allerdings etwas unsicher: Er weiß, dass die vielen personellen Wechsel Fragen aufwerfen, die nicht leicht zu beantworten sind. Nervös ist er aber auch, weil er ahnt, dass er mit einer Frage konfrontiert wird, die sein Studium an der Theologischen Hochschule Brixen betrifft – und die das Renommee des Abtes von Neustift nachhaltig schwächen könnte.

ff: Nach der Wahl haben Sie gesagt, am liebsten wären Sie Pfarrer geblieben.

Eduard Fischnaller: Ja, weil ich eindeutig Pfarrer bin. Das Amt des Prälaten stellt allerdings zusätzliche Anforderungen. Deshalb habe ich mittlerweile in Wien einen Lehrgang absolviert – das Thema: Leiten und Führen einer Gemeinschaft. Dort habe ich das nötige Rüstzeug für diese meine neue Aufgabe als Abt erhalten.

Das heißt, Sie mussten völliges Neuland betreten.

Ich bin ja Seelsorger, kein Intellektueller. Das muss ich klar sagen. In meiner Jugend war ich Bäcker, dann habe ich Theologie studiert und nebenher als Erzieher gearbeitet. Kurzum, ich stehe mit beiden Beinen im Leben und weiß, dass ein Abt mehr sein muss als Seelsorger.

Wie kann man sich das vorstellen? Sie sind Seelsorger, gleichzeitig stehen Sie als Propst einem Unternehmen vor, sind also sozusagen ein Manager.

Genau deshalb habe ich ja die Ausbildung gemacht. Ich bin froh, dass ich mit Fabian Schenk einen neuen Stiftsverwalter habe. Er ist neu, ich bin neu – und so können wir gemeinsam starten. Jeder Propst hat eine eigene Handschrift. Ich kann und will nicht kopieren, was mein Vorgänger gemacht hat. Das ist in der Seelsorge so, das ist in ­jedem Betrieb so.

Salopp gefragt: Bereitet Ihnen der neue Job auch Spaß?

Jeder Tag bringt eine neue Herausforderung. Spaß? Nein, so kann ich es nicht bezeichnen. Es ist eine Aufgabe, eine interessante Aufgabe. Meine Mitbrüder haben mich in dieses Amt gewählt, ich habe dankend angenommen und will jetzt mein Bestes geben.

Aber sind Sie in das neue Amt inzwischen hineingewachsen? Sind Sie sozusagen angekommen?

Noch nicht ganz. Ein Kollege aus Österreich, ebenfalls Propst, hat mir gesagt, man brauche mindestens drei ­Jahre, um in dieses Amt hinein­zuwachsen.

Die ersten drei Jahre wären jetzt um.

Ja, ich benötigte diese Zeit, um die einzelnen Bereiche, Betriebe und Mitarbeiter kennenzulernen. Da gibt es das Schülerheim, das Bildungshaus, die Verwaltung, die Landwirtschaft, die Kellerei ... Und dann – nicht zu vergessen – vielleicht das Wichtigste: die Seelsorge. Auch darum muss und will ich mich natürlich weiterhin kümmern.

In diesen drei Jahren hat es große personelle Veränderungen gegeben: Zumindest vier führende Mitarbeiter haben Neustift verlassen – verlassen müssen. Warum diese Wechsel?

Urban von Klebensberg hat nach dreißig Jahren an der Spitze der Gutsverwaltung beschlossen, eine neue Richtung einzuschlagen. Er hat gekündigt. Er hat Hervorragendes geleistet, aber er suchte etwas Neues. Es war schwierig für mich, einen dermaßen guten Arbeiter zu verlieren, aber inzwischen haben wir Ersatz gefunden.

Es ist kein Geheimnis, dass Klebelsberg die Kündigung nahegelegt wurde. Warum konnten Sie mit ihm nicht?

Einen direkten Konflikt zwischen uns hat es nicht gegeben. Wir haben ihm die Kündigung nicht nahegelegt, er ist zu mir gekommen und hat gesagt, dass er so nicht weitermachen könne. Auf Details will ich nicht eingehen.

Haben Sie sich zu sehr in die Gutsverwaltung eingemischt?

Es handelte sich um einen normalen Vorgang: Ein Wechsel an der Spitze hat Auswirkungen auf die unteren Positionen. Für jeden Betrieb gilt: Wenn ein neuer Chef kommt und langgediente Mitarbeiter mit diesem nicht können, kommt es zu einem Wechsel.

Mit Klebelsberg hat die Direktorin der Stiftsbibliothek das Haus verlassen.

Bei Ursula Stampfer wurde der 3-Jahres-Vertrag nicht verlängert: ein, wie ich finde, normaler Vorgang.

Der delikateste Abgang dürfte jener von Artur Schmitt sein.

Hier möchte ich schon klarstellen, dass es keinen Fall Schmitt gibt. Artur ist einer meiner Mitbrüder. Er trägt sich schon seit längerer Zeit mit dem Gedanken, zurück in seine Heimat zu gehen, im Grunde, seit vor fünf, sechs Jahren sein Vater gestorben ist. Jetzt ist es eben so weit. Er tritt nicht aus dem Stift aus, er bleibt Mitbruder, aber er nimmt sich eine Freizeit und wird in der Erzdiözese Köln arbeiten. Schmitt ist ein sehr heller Kopf, ein charismatischer Mensch. Mir tut es leid, dass er diesen Weg gewählt hat, hoffe aber, dass er irgendwann zurückkommt, weil es noch viele Dinge gibt, die wir gemeinsam durchführen könnten.

Das klingt nach Einvernehmen. Tat­sache ist, dass Schmitt nicht mehr als Präsident des Bildungshauses vorgeschlagen wurde. Ein deutliches Signal, dass er nicht mehr erwünscht ist.

Artur Schmitt hat im Pfarrbrief die Gründe für seinen Abschied dargelegt. Es sind dieselben Gründe, die ich Ihnen bereits genannt habe.

Gab es auch inhaltliche Differenzen?

Wir sind dabei, das Bildungshaus neu aufzustellen. Bei der heurigen Mitgliederversammlung wurde ein neuer Vorstand gewählt. Artur Schmitt wurde nicht mehr in dieses Gremium gewählt. Über die Gründe kann ich nichts sagen.

Ist Schmitt zu liberal, zu weltoffen?

Wer mich kennt, weiß, dass man mich nicht in die konservative Ecke drängen kann. Bestätigen können das die Mitglieder der Pfarreien, in denen ich gewirkt habe. Im Übrigen bedauere ich, dass man von liberalen und konservativen Geistlichen spricht, wobei dem sogenannten Konservativen meist ein negativer Beigeschmack angeheftet wird.

Mit Artur Schmitt verlässt ein Hoffnungsträger der jungen Kirche unser Land. Es heißt, Sie hätten ihn vergrault.

Ich wiederhole, was er selbst im Pfarrbrief schreibt: Er wollte heim zur kranken Mutter und sich neu verwirklichen. Ein Mitbruder ist jetzt leider
gegangen, aber gleichzeitig haben wir derzeit drei neue hier in Neustift – was eine sehr positive Sache ist. Man könnte auch dies hervorheben.

Gibt es in Neustift eine Konkurrenzsituation zwischen Südtirolern und Bundesdeutschen?

Nein, könnte ich nicht sagen. Die Mentalität ist verschieden. Aber das ist bei Ahrntalern und Eisacktalern nicht anders. Egal, wer woher kommt, jeder ist hier herzlich willkommen.

Bei der Abtwahl soll der entscheidende Faktor gewesen sein, dass Sie Südtiroler sind. Man wollte verhindern, dass ein Deutscher zum Abt gewählt wird.

Das weiß ich nicht. Das glaube ich nicht.

Es heißt, im Stift schwelen Konflikte.

Könnte ich nicht sagen. Es wird geredet und getuschelt. In religiösen Orten, in denen die Leute von außen wenig Einblick haben, wird viel herumspekuliert. Es genügt, dass einer etwas düster dreinschaut, und schon wird etwas hineininterpretiert.

Direktor Wild ist auch weg.

Wild war rund zwanzig Jahre Direktor des Bildungshauses. Der neue Verwalter wollte alles neu durchleuchten und eine Bestandsaufnahme durchführen. Wir haben neue inhaltliche Schwerpunkte gesetzt – und Andreas Wild hat daraufhin gesagt, dass er nicht der richtige Mann ist, diese Ziele umzusetzen. Ja, es ist zu Unstimmigkeiten gekommen. Wie es dann so ist im Leben, hat man sich getrennt. Kurze Zeit später haben wir einen Nachfolger gefunden, der die von uns definierten Ziele weiterträgt. Also ich denke nicht, dass dies ein Wechsel war, den man als spektakulär bezeichnet könnte.

Dann wäre da noch die Sache mit dem Literaturfestival WeinLesen. Dessen Organisatorin, die Autorin Sabine Gruber, hat in einem Gastbeitrag in diesem Magazin schwere Vorwürfe gegen die Stiftsverwaltung erhoben.

Wir sind ein offenes Haus. Unser Vorschlag war, weiterhin den Saal zur Verfügung zu stellen, allerdings wollen wir nicht mehr Träger dieser Veranstaltung sein. Daraufhin haben unsere Partner gesagt, dass sie nicht weitermachen.

Konkret ist es also ums Geld gegangen?

WeinLesen war eine super Veranstaltung. Die Kosten hat großteils das Land getragen, allerdings hat auch das Stift einen beträchtlichen Teil beigetragen. Unser Vorschlag war, die Kosten auf alle Beteiligten aufzuteilen, das war aber nicht gewünscht.

Fürchten Sie nicht, dass der Verlust solcher Veranstaltungen den Bemühungen, das Kloster nach außen hin zu öffnen, einen Bärendienst erweist?

Wir haben nie gesagt, dass wir die Veranstaltung nicht wollen. Wir sind nach wie vor bereit, die Räumlichkeiten zu vermieten, genauso wie für andere Gastveranstaltungen. Das gilt selbstverständlich auch für WeinLesen. Allerdings müssen wir schon auch auf die Kosten achten. Wir wollen nichts verdienen, aber auf die schwarze Null müssen wir schon achten. Das ist für jeden Betrieb so.

Herr Abt, in Neustift heißt es, über dem Abt liege ein schwerer Schatten.

Warum dies?

Stimmt es, dass Sie als Student an der Theologischen Hochschule in Brixen Prüfungsscheine gefälscht haben?

Das meinen Sie also mit dem Schatten!

Sie bestätigen die Fälschung?

Ja, ich habe einen Fehler begangen.

Es handelte sich nicht nur um einen Prüfungsschein, sondern um sieben Scheine.

Ich habe damals eine schwere Zeit durchgemacht – familiär und auch persönlich. Ich wusste mir nicht mehr zu helfen, war jung – und hab’ dann diese Fälschung gemacht.

Man wollte Sie von der Hochschule schmeißen.

Ich habe alle Prüfungen nachgeholt. Daraufhin ist mir vergeben worden.

Sie haben recht: Offiziell wurde die Angelegenheit tatsächlich saniert. Inoffiziell scheint die Fälschung allerdings heute noch eine nicht
unwesentliche Rolle zu spielen. Es heißt sogar, der Abt von Neustift sei erpressbar.

Ich denke, die Sache ist abgeschlossen. Ich habe eine Sünde begangen, ich habe gebüßt, mir ist vergeben worden. Für uns Christen ist die
Vergebung der Sünden ein zentrales Element. Ich habe mich vor 25 Jahren nicht korrekt verhalten, die ­Sache konnte ich bereinigen. Ich
würde mich freuen, wenn mich die Menschen in den Pfarreien und in unserer Region danach beurteilen, wie sie mich erlebt haben und heute erleben. Lassen Sie uns nach vorne schauen und unsere Kraft in die Weiterentwicklung des Klosters stecken.

weitere Bilder

  • Andreas Wild Urban von Klebelsberg

Leserkommentare

Kommentieren

Sie müssen sich anmelden um zu kommentieren.