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Gesellschaft & Wissen

A bissl norret muas man schun sein

Aus ff 02 vom Donnerstag, den 10. Januar 2019

Dominik Paris
Auf dem höchsten Treppchen: In Bormio gewann Dominik Paris nach seinem Triumph in der Abfahrt auch den Super-G. © Miguel Medina/AFP
 

Mit 17 war er drauf und dran, dem Leistungssport Adieu zu sagen. Dann gab er sich einen Ruck. Über den fantastischen Weg des Ultner Skirennläufers Dominik Paris von ganz unten nach ganz oben.

Die Sektkorken knallen, Tausende Zuschauer jubeln, im Hintergrund die italienische Nationalhymne, an seiner Seite stehen sein Mannschaftskollege Christof Innerhofer, der Zweitplatzierte, knapp geschlagen, und Beat Feuz, die Schweizer Speed-Legende, diesmal Dritter. Dominik Paris, 29, aus St. Walburg im Ultental, hat soeben die Weltcupabfahrt in Bormio gewonnen, wie auch schon das Jahr zuvor. Es ist der 28. Dezember 2018.
Die komische Sonnenbrille mit den blauen Spiegelgläsern, die er dem Sponsor zuliebe auch bei solchen Gelegenheiten tragen muss, verdeckt die Augen. Deshalb weiß man nicht, ob er, der knallharte Bursche, in diesen Minuten des Triumphes doch die eine oder andere Träne unterdrücken muss. Verständlich wäre es allemal: Spätestens jetzt ist Dominik Paris – Freunde und Fans nennen ihn Domme – ganz oben angelangt. Er ist nicht mehr bloß einer der Stars im Skiweltcup. Mit seinen elf Siegen, neun davon in der Abfahrt und davon wiederum fünf in Kitzbühel und Bormio, also dort, wo es am schwierigsten ist zu gewinnen, ist Paris jetzt ein Superstar. In den Speed-Disziplinen gibt es weltweit nur wenige, die mehr gewonnen haben als er.
In der Abfahrt, seiner Paradedisziplin, scheint Franz Klammer unerreichbar: Mit 25 Siegen ist der heute 65-jährige Kärnt-
ner der erfolgreichste Abfahrer aller Zeiten. Hinter Klammer klafft aber eine Lücke. Sogar der große Hermann Maier, von dem Paris sagt, er sei immer sein Vorbild gewesen, stand bei 54 ersten Plätzen im Ski-Weltcup „nur“ 15 Mal bei einer Abfahrt am obersten Treppchen. Kristian Ghedina, mit 12 Abfahrtsiegen bislang der beste Italiener, ist nur mehr knapp vorne.
Landsmann Herbert Plank, der zwischen 1973 und 1980 fünf Mal gewinnen konnte, aber nicht in Kitzbühel und Bormio, hat er bereits abgehängt. Und sein Mannschaftskollege ­Peter Fill hat zwar in der Abfahrtswertung gleich zweimal die kleine Kristallkugel geholt, aber in dieser Disziplin kurioserweise erst zwei Siege eingefahren. Fill ist 36 Jahre alt, Paris erst 29 – im besten Abfahreralter.
Heute klopft ihm ganz Südtirol auf die Schultern, ist stolz auf seine Erfolge, bezeichnet ihn als Vorbild für die Jugend. Vor 13 Jahren mussten sich zwei Leute – Hans Staffler und Rainhard Plancker – mächtig ins Zeug legen, um zu verhindern, dass Dominik Paris, der heutige Superheld, nicht aus dem Landeskader geworfen wurde.
Man schrieb das Jahr 2006. Domme, damals 17 Jahre jung, hatte 2002 und 2004 bereits die Topolino-Trophäe gewonnen. Wer sich dort durchsetzt, sagen Experten, hat das Zeug, sich auch im Skiweltcup durchzusetzen. Auch ein Alberto Tomba begann als Topolino-Sieger.
Die Trainer, die mit Paris arbeiteten, darunter im Ultental sein Vater Albert sowie Gustav und Gottfried Paris (trotz Namensgleichheit besteht kein Verwandtschaftsverhältnis) oder auch Reinhard Tumpfer, der Präsident des Ulter Sportvereins, waren von seinem Talent überzeugt. Hans Staffler, damals Skiclubpräsident in Ulten und Wintersportreferent im Verband Südtiroler Sportvereine VSS, erkannte in Paris ebenfalls ein ­Supertalent und förderte ihn. Geradezu begeistert vom jungen Domme war schon früh Rainhard Plancker, damals Cheftrainer im Landeskader. Er sagt, ein Bursche, der einerseits „wahnsinnig athletisch“ ist und gleichzeitig „ein unglaubliches Gefühl auf den Skiern“ hat, war ihm noch nicht untergekommen.
Im März 2005 war Paris noch Juniorenmeister in der Abfahrt geworden, aber 2006 konnte er nicht mehr an die Erfolge anknüpfen. Nur wer ihm nahestand wusste, dass familiäre und persönliche Gründe hinter der „Formkrise“ steckten. Domme war in jenes kritische Alter gekommen, in dem viele Jugendliche straucheln: Bis vor Kurzem galten sie als Supertalent, dann trifft man sie öfter in der Disko als am Trainingsplatz. Das mag an „falschen Freunden“ liegen, an Eltern, die nicht über die finanziellen Mittel verfügen, die für eine Sportlerkarriere nötig sind, an Lehrern, die das Talent verkennen, an fehlendem Ehrgeiz, an einer zerrüttelten Familie, oft auch an den sprichwörtlichen Flausen, die im Kopf der „ewigen Talente“ herumschwirren. Bei Dominik Paris dürfte ein Mix aus all diesen Gründen dazu geführt haben, dass er kurz davor stand, seine Laufbahn als Skifahrer frühzeitig zu beenden.
Es heißt, an der Sportschule in Mals wäre er hinausgeschmissen worden, wenn er nicht freiwillig die Koffer gepackt hätte. Heute hängt im Foyer der Schule ein Foto von Paris – wie um zu sagen: Seht her, was aus unseren Schülern wird. Damals sahen die Lehrer freilich in ihm eher einen lästigen Radaubruder, nicht einen zukünftigen Champion.
Im Frühjahr 2006 eröffnete Paris seinem Trainer im Landeskader Rainhard Plancker, dass er das Sommertraining auf den Gletschern nicht mitmachen werde. Stattdessen habe er vor, sich auf eine Alm zurückzuziehen. Plancker verstand: Sein Schützling steckte in einem Loch. Zu­ Hause ging es drunter und drüber, Dominik, der oft bei seinen Großeltern wohnte, arbeitete nebenher als Maurer und schlug sich oft mit seinen Kumpeln die Nächte um die Ohren. Dass seine sportlichen Leistungen nachließen, war nicht verwunderlich.
Raimund Plancker: „Ich sagte zu ihm, überleg es dir gut. Du hast die besten Skifahrerfüße, die ich je gesehen habe. ­Deine Füße sind dein Kapital. Mit solchen Füßen kannst du nicht Maurer werden.“ Daraufhin habe er Domme einen Deal vorgeschlagen: „Geh ruhig auf die Alm, aber nutze dort die Zeit, um dich wieder fit zu machen. Wenn du im September zurückkommst und den Konditionstest schaffst, sorge ich dafür, dass du wieder in den Landeskader aufgenommen wirst.“
Die Wahrscheinlichkeit, dass Dominik dies schaffen würde, war gering. Wie viele 17-Jährige besitzen eine dermaßen eiserne Disziplin, dass sie, auf sich alleine gestellt, vom Halodri zum Leistungssportler mutieren? Paris bewies, dass er diese Disziplin hatte. Hans Staffler: „Ich hatte es gehofft, aber ich hatte nicht daran geglaubt, dass er es schafft. Vor dem Sommer war ­Domme schlicht und einfach zu dick, im September war er ein neuer Mensch: Er hatte nicht nur abgespeckt, sondern war topfit.“ Dermaßen topfit, dass er den schwierigen Leistungstest als Drittbester bewältigte.
Jetzt stellte sich ihm allerdings eine unerwartete Hürde in den Weg. Plancker war vom Landeskader zur Nationalmannschaft gewechselt, an seiner Stelle war Markus Ortler Landestrainer geworden. Und der wollte keinen Athleten, der das Sommertraining „geschwänzt“ hatte. Das sei ungerecht gegenüber den anderen Jungs.
„Der Fall Paris“ wurde zum Gegenstand heftiger Diskussionen. Plancker und Staffler argumentierten, dass man einem großen Talent wie Paris eine zweite Chance geben müsse. Außerdem habe man ihm das Wort gegeben. Die Gegenseite wollte nicht einlenken. Im Verlauf des verbalen Hickhacks soll auch die Aussage gefallen sein: „Wir sind ein Sportverein und kein Sozialverein.“
Schließlich wurde abgestimmt: Mit knapper Stimmenmehrheit wurde Dominik Paris wieder in den Landeskader aufgenommen. Wer damals dabei war, sagt, „es hat nicht viel gefehlt, und die höchste Kaderschmiede Südtirols in Sachen Skirennsport hätte das größte Talent, das wir seit Gustav Thöni besitzen, zum Teufel gejagt.“ Drei Jahre nach jenem in letzter Minute vereitelten Hinausschmisses holte Dominik Paris seine ersten Punkte im Weltcup, am 29. Dezember 2012 feierte er seinen ersten Weltcupsieg – auf der ebenso legendären wie berüchtigten Stelvio-Piste in Bormio.
Paris ist Sternzeichen Widder. Die Leute, die viel mit ihm zu tun haben, wissen, dass es Tage gibt, an denen man ihn lieber nicht anspricht, „am besten macht man einen weiten Bogen um ihn“. Aber ansonsten gelte, was er von sich selber sagt: „Ich bin ganz a Feiner – wenn man mich in Ruhe lässt.“
Vor allem ist er „zum Vollprofi gereift“, als den der Dolomiten-Sportreporter Otto Schöpf ihn kennt: „Ich erinnere mich, wie Domme bei seinem ersten Antreten bei der Lauberhornabfahrt sieben Sekunden aufgebrummt bekam. Das war 2009. Aber Paris hat nicht nur ein Wahnsinnstalent, er hat bewiesen, auch lernfähig zu sein. Er wurde zum Vollprofi.“
Rainhard Plancker beschreibt ihn als „typischen Renntypen“. Das seien solche, die im Training nicht ganz vorne dabei sind, im Rennen aber eine Schippe drauflegen können: „Wenn Domme spürt, dass etwas möglich ist, wenn er sich auf jenem ­Gelände befindet, auf dem er sich richtig wohl fühlt, wenn es also hart, eisig und steil ist wie in Kitzbühel oder Bormio, dann versteht er es, jene Zehntel rauszupressen, die den Unterschied machen.“ Nur einem Kraftpaket wie Paris (Formgewicht 100-102 Kilo bei einer Körpergröße von 183) kann es gelingen, bei einer extrem kräfteraubenden Abfahrt wie in Bormio im Schlussteil, wo alle anderen müde sind, die Konkurrenz abzuhängen.
Dahinter steckt viel Arbeit und Fleiß. Paris trainiert mit der italienischen Nationalmannschaft. Dort stehen ihm und seinen Kollegen Christof Innerhofer, Peter Fill und Emanuele ­Buzzi neben Plancker drei Trainer zur Verfügung: Alberto Ghidoni, Christian Corradino und Walter Ronconi. Im athletischen Bereich arbeitet er vor allem mit dem 38-jährigen Gargazoner Sportlehrer Mattias Schnitzer zusammen, der auch die Rodel-Nationalmannschaft betreut.
Zwischen April und September steht Schnitzer nahezu jeden Tag an der Seite von Dominik Paris: „Mein Part ist es, ihn körperlich dermaßen vorzubereiten, dass er sich im Winter nicht mehr auf den Körper, sondern auf die Rennen konzentrieren kann. Dass er verletzungsfrei ist und sich körperlich wohl fühlt. Kurzum: dass er es tuschen lassen kann.“ Schnitzer attestiert Domme die seltene Kombination aus Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit und Geschicklichkeit. Außerdem habe er „das richtige Mainsetting“, sei also klar im Kopf, voll konzentriert und habe die nötige Selbstbeherrschung. Mattias Schnitzer: „Einer wie Domme braucht keinen Psychologen.“ Der zweite persönliche Trainer ist Physiotherapeut Paolo Cadamuro. Er und Schnitzer haben es zuwege gebracht, dass Paris heuer erstmals schmerzfrei ist: Lange Zeit hatte er mit Rücken- und Bandscheibenproblemen zu kämpfen.
Zentraler Dreh- und Angelpunkt im Paris-Team ist Georg Pircher, sein Manager. Pircher betreut seit 13 Jahren Armin Zöggeler, vor sieben Jahren – nach dem ersten Podestplatz in Chamonix – heuerte Paris bei ihm an. Pircher handelt die Kontakte mit Medien und Fans, verhandelt mit den Sponsoren.
Bis vor Kurzem war das Südtiroler Unternehmen Finstral Hauptsponsor. Paris und die Familie Oberrauch sind auch persönlich gut befreundet. Im vergangenen Jahr erlaubte die Fisi einen zusätzlichen Sponsorvertrag – und Pircher gelang es, den attraktivsten Partner, den es für Spitzensportler gibt, an Land zu ziehen: Red Bull. Im vergangenen Jahr wurde der zweijährige Vertrag unterzeichnet: Dominik Paris ist einer von nur drei Athleten im Skiweltcup (die anderen sind Mikaela Shiffrin und Alexis Pinturault), die Red Bull als Hauptsponsor haben. Es heißt, nicht erst der kolportierte Betrag (300.000 Euro) sei das Bedeutende am Vertrag, sondern die Tatsache, „Mitglied der Red Bull-Family“ zu sein. Damit sind Privilegien und Leistungen verknüpft, von denen andere Sportler nur träumen können.
Dominik Paris ist nicht einer, dem solche Zahlen zu Kopf steigen. Zwischen Sponsoren- und Preisgeldern dürfte er inzwischen einen siebenstelligen Betrag verdienen. Aber einer wie er bleibt bodenständig: Mit dem Geld hat er sich in St. Walburg den Traum eines Eigenheimes verwirklicht. Dort im Keller befindet sich ein Fitnessraum – und das Probelokal seiner „Heavy Power Metal Band“. Sie nennt sich Rise of Voltage, demnächst soll die erste CD erscheinen – mit Texten, geschrieben von Leadsänger Dominik Paris. Der macht sich einen Spaß daraus, bei Interviews seinen Ultner Dialekt auszupacken („Wer will, versteat mi“). Allerdings kann er jederzeit in perfektes Hochdeutsch, Italienisch oder Englisch wechseln.
Da ist Paris der Siegertyp, der ziemlich wütend werden kann, wenn er nicht vorne steht – wie zuletzt in Gröden, eine Strecke, die er nicht mag. Da ist Paris, „der noch lange nicht genug hat“ (Raimund Plancker). Jetzt, wo es läuft, sei er „richtig heiß“: Ende Jänner steht Kitzbühel auf dem Programm, im Februar die Weltmeisterschaft. In der Rolle des Favoriten: Dominik Paris.
Freitag vergangener Woche an der Talstation der Schwemm­alm in Ulten: Zu Hunderten stehen sie in der Schlange, Junge, Ältere, italienische und deutsche Touristen, um sich von Domme dessen Schriftzug auf Fotos, Helme, Skijacken kritzeln zu lassen.“ Dominik Paris, sagt Hans Staffler, „ist der erste Ultner seit Spitzenkoch Giancarlo Godio, der eine solche Ausstrahlung hat, dass die Leute seinetwegen hier Urlaub machen.“
Nicht erst hier in seiner Heimat sieht man: Paris hat die Gabe, auf die Leute zu wirken. Er ist das, was man als authentisch bezeichnet, ein Sympathieträger. In einem Interview hat er einmal gesagt: „A bissl norret muas man in diesem Sport schun sein.“ Es ist diese Verrücktheit und zugleich Bodenständigkeit, die ihm die Herzen der Fans zufliegen lassen. Bei einem wie Domme haben alle das Gefühl: Er ist das, was alle gern wären. Er ist einer von uns.

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  • Dominik Paris und Georg Pircher

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