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Gesellschaft & Wissen

„Tranquilli! So schlimm ist es nicht“

Aus ff 11 vom Donnerstag, den 12. März 2020

Klaus Widmann
Wo hört das Sicherheitsbedürfnis auf, wo beginnt die Risikobereitschaft? Diese Frage sollten wir uns infolge des Virusausbruchs stellen, sagt Klaus Widmann. © Alexander Alber
 

Der Bozner Hausarzt Klaus Widmann fordert eine gesellschaftliche Debatte über das Verhältnis von Freiheit und Sicherheit. (Interview zur Titelgeschichte)

ff: Wie sehen Sie die Lage?

Klaus Widmann: Schwierig, klar. Wir sind mit etwas konfrontiert, was wir in diesem Ausmaß noch nicht gehabt haben. Einerseits wissen wir viel, andererseits aber nicht genug.

Was heißt das?

Oft ist ja genau das das Problem: Sobald man etwas weiß, wird man nervös. Vielleicht würde ohne unser Wissen das Virus an uns vorübergehen wie sonst eine stärkere Grippe. Dann hätten wir die ganze Aufregung nicht.

Wie handhaben Sie es in Ihrer Praxis?

Ich rate etwa bei einem Husten nicht sofort zu einem Test. Ich sage: Bleiben Sie zu Hause, waschen Sie sich die Hände, halten Sie Abstand. Ich schreibe Sie krank. Ein Problem ist ja bei uns in Südtirol auch die große Arbeitsmoral. Alle wollen um jeden Preis arbeiten.

Aber: Wenn Professor Bernd Gänsbacher sagt, in Amerika schüttelt man sich nicht mehr die Hand – was ist das für eine Zukunft? Wir kommunizieren nur noch übers Handy, keine Berührungen, keine Umarmungen. Sex geht wahrscheinlich auch nur noch virtuell. Da kann ich froh sein, meine Jugend schon gehabt zu haben.

Was ist mit der Dunkelziffer?

Die Dunkelziffer ist sicher viel höher, aber um das festzustellen, bräuchte es Screenings. Das macht man aber nicht, was auch gut so ist. Wüssten wir nichts, wäre auch nichts Spezielles los. Es wären halt ein paar Kranke, die würden nicht weiter auffallen.

Was ist mit den zehn Prozent, die intensive Betreuung brauchen?

Das ist sicher eines der Hauptprobleme, weil dadurch unsere Strukturen überlastet werden könnten. Deshalb auch die einschneidenden Maßnahmen.

Durch die hohe Dunkelziffer reduziert sich aber auch die Mortalität. Klar: Sollten ebenso viele die Krankheit bekommen, wie die Grippe bekommen, wird es viele Tote geben. Das ist alles noch nicht endgültig. Aber auch die Grippetoten werden ja mit den Sterberaten während der Wintermonate kalkuliert.

Was heißt das?

Da wird statistisch nur geschaut, wie viele Menschen mehr sterben, wenn die Grippe grassiert. Das sind Schätzungen.

Haben Sie bereits einen Test verschrieben?

Nein. Auch weil in Südtirol Tests relativ restriktiv verschrieben werden. Natürlich gibt es Fälle, wo man Tests machen sollte: Bei Menschen, die in Bereichen arbeiten, wo eine Nichtinfektion

unbedingt gewährleistet sein muss.

Aber insgesamt gibt es schon ein Problem, auch wenn alle zu beruhigen versuchen?

Ja, und das Problem muss zweifellos gelöst werden. Grundsätzlich stellt sich aber vor allem eine Frage: Welchen Preis zahlen wir für maximale Sicherheit, und welches Risiko sind wir bereit in Kauf zu nehmen, um uns unsere Freiheit zu bewahren? Ein gesellschaftlich-ethischer Diskurs, der weit über den biologischen hinausgeht. Natürlich ist ein Menschenleben unersetzbar. Aber hier braucht es auch die Perspektivierung: Wie viele Leute sterben an Unfällen, im Krieg, an Hunger, an anderen Krankheiten? Wir haben in unserer zivilisierten Welt geradezu den Anspruch, den Tod zu besiegen.

Hängt damit die Angst zusammen?

Ja. Aber genau das wird nicht gehen. Und das müssen wir uns vor Augen halten. Wir müssen uns fragen, wie viel Freiheit wir aufgeben wollen.

Das Virus als Moment des Umdenkens?

Ja. Das haben ja, so schlimm es klingt, früher die Kriege gemacht: Sie haben für einen Maßstab, für Perspektive gesorgt. In einer solchen schwierigen Situation ist vor allem Solidarität und Maß gefragt. Es geht darum, die Menschen zu beruhigen. Im Moment schaut es so aus, als hätte das Virus kaum mehr Mortalität als ein Grippevirus. Das ist kein Ebola, tranquilli! Wir müssen zusammen­halten, es braucht Solidarität.

Raten Sie das auch Ihren Patienten?

Genau: Tranquilli. Habt Geduld mit den Maßnahmen. Die Politik muss natürlich alle Auswirkungen abwägen. Es hat sich ja gezeigt, wie verletzlich wir sind, auch psychologisch. Alles hängt zusammen.

Wie geht’s weiter?

Ich glaube und hoffe, dass das bald vorbei sein wird. Als Gesellschaft sollte uns dieses Ereignis aber zu denken geben. Da steckt wahnsinnig viel dahinter: Die Spirale, immer alles besser machen zu müssen, fehlerfrei zu werden. Man wird angeprangert, wenn man da nicht mitmacht. Können wir uns das überhaupt leisten? Oder müssen wir zurückschrauben? Das ist ein großes Thema, das nun diskutiert werden sollte.

Diese Diskussion wird wohl im Nachhinein geführt werden. Zurzeit herrscht doch die Dringlichkeit?

Gewiss, die Maßnahmen sind nicht ganz falsch. Aber ein Mensch mit Hausverstand sieht, was sonst noch passiert auf der Welt. So schlimm kann es nicht sein. Der Zingaretti (Chef des Partito Democratico, der positiv auf das Virus getestet wurde, Anm. d. Red.) sitzt quickfidel vor dem Fernseher, da geht’s mir mit meiner Grippe, die ich seit 10 Tagen habe, schon viel schlechter.

Interview: Alexander van Gerven

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