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Gesellschaft & Wissen

Überspannt Italien den Bogen?

Aus ff 11 vom Donnerstag, den 12. März 2020

Ministerpräsident Giuseppe Conte
Ministerpräsident Giuseppe Conte hat ganz Italien zum Corona-Risikogebiet erklärt. Er möchte, dass alle Menschen zu Hause bleiben; die soziale Isolation soll die weitere Ausbreitung des Virus verhindern. © Tiziana Fabi/AFP
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Ministerpräsident Giuseppe Conte erklärte das Land am Montag zum Risiko­gebiet. Damit soll das Virus gezähmt und sollen Menschenleben gerettet werden. (Artikel zur Titelgeschichte)

Am Freitag vergangener Woche schlüpfte Michl Ebner kurzerhand in einen Arztkittel. Der Präsident der Handelskammer ließ eine Pressemitteilung „mit der höflichen Bitte um Veröffentlichung“ verschicken. Das Robert-Koch-Institut (RKI) in Deutschland hatte Südtirol zuvor zum Corona-Risikogebiet erklärt.

„Diese Einstufung Südtirols als Risikogebiet entbehrt jeglicher Grundlage, wir fordern eine Neubewertung und haben bereits in diesem Sinne beim RKI interveniert“, ließ Michl Ebner wissen. Unverantwortlich sei auch, dass das Auswärtige Amt aufgrund eines einzigen bestätigten Corona-
falls in Südtirol eine Reisewarnung für Südtirol ausgesprochen hat.

Der Präsident der Handelskammer und Direktor des Athesia-Konzerns Ebner machte sich Sorgen um Südtirols Wirtschaft, die stark vom Tourismus abhängt. Müssen Hotels schließen, verlieren Menschen ihre Arbeit und ihr Einkommen. Davon betroffen sind auch der Handel, die Bauwirtschaft und die Landwirtschaft.

Es stellt sich die Frage: Ist die Wirtschaft wichtiger als die Gesundheit der Menschen? Sicher, die Wirtschaft ist wichtig. Aber das Coronavirus bedroht das Leben vor allem von älteren Menschen und Menschen mit Erkrankungen etwa am Herzen oder an der Lunge. Diese Menschen müssen geschützt werden. Zwei Tage später, am Montagabend, wurde Michl Ebner von der Wirklichkeit eingeholt. Ministerpräsident Giuseppe Conte erklärte ganz Italien zum Risikogebiet. Und damit auch Südtirol. Inzwischen war die Anzahl der Menschen mit Coronavirus auf über 9.000 geklettert, davon sind mehr als 450 gestorben.

In Südtirol geht die Zahl der Infizierten ebenso nach oben. Bis Dienstagmittag waren es 52 positiv getestete Fälle.

Mit der neuen Verordnung von Conte kommt das wirtschaftliche, soziale und gesellschaftliche Leben in Italien praktisch zum Erliegen. Viele fragen sich: Sind solch drastische Maßnahmen wirklich notwendig? Oder wird hier der Bogen überspannt?

Wissenschaftler und Virologen sind sich einig: Nein, hier werde der Bogen nicht überspannt. Italien tue das Richtige. Sie berufen sich dabei auf Erfahrungswerte bei früheren Epidemien und auf mathematische Modelle.

Beispiel Grippewelle in den USA vor 100 Jahren. Damals starben dort mehr als 650.000 Menschen. Amerikanische Städte trafen damals unterschiedliche Maßnahmen: Saint Louis schloss zum Beispiel zwei Tage nach dem ersten Grippefall die Schulen und sagte öffentliche Veranstaltungen ab. Philadelphia wartete damit mehr als zwei Wochen zu.

Die Folgen waren fatal: In Philadelphia starben achtmal so viele Menschen wie in Saint Louis. Das heißt: Je früher Städte oder Länder eine „soziale Isolation“ durchsetzen, desto besser lässt sich der Verlauf einer Epidemie bremsen und abschwächen.

Das zeigt auch die Grafik auf dieser Seite: Die Anzahl der Infektionen steigt stark an, wenn keine Gegenmaßnahmen getroffen werden. Werden jedoch nicht medikamentöse Gegenmaßnahmen getroffen, wird die Kurve nach oben deutlich abgemildert. Die Epidemie dauert dann zwar länger, aber es müssen wesentlich weniger Menschen intensivmedizinisch behandelt werden. Auch die Zahl der Todesfälle fällt weit niedriger aus.

Genau das versucht Premier Giuseppe Conte mit seiner Verordnung zu erreichen: Alle Italiener sollen bis wenigstens 3. April zu Hause bleiben; Schulen, Kindergärten und Unis bleiben zu; kein Sport, kein Theater, kein Ausgehen. Das soll die Verbreitung des Coronavirus eindämmen. Und helfen, dass die Anzahl der schweren Fälle sinkt.

Wie schnell sich das Virus verbreitet, zeigt eine Modellrechnung für Südtirol. Fachleute gehen davon aus, dass ein Infizierter im Durchschnitt jede Woche zwei weitere Menschen mit dem Virus ansteckt.

In der ersten Woche haben wir also 1 Infizierten, in der zweiten Woche 3, in der dritten 7, in der vierten 15, in der fünften 31, in der sechsten 63, in der siebten 127, in der achten 255, in der neunten 511, in der zehnten 1.023, in der elften 2.047, in der zwölften 4.095, in der dreizehnten 8.191, in der vierzehnten 16.383 …

Der Großteil dieser Fälle verläuft unproblematisch. Die Menschen zeigen entweder gar keine oder nur leichte Symptome: Fieber, Husten, Atemnot. Das Problem sind die Infizierten, bei denen sich diese Symptome auswachsen etwa zu Lungenentzündung, Multiorganversagen, Sepsis.

Menschen mit schwerem Krankheitsverlauf müssen intensivmedizinisch behandelt werden. Auch hier ist wiederum die Anzahl der Patienten entscheidend, denn die Anzahl der Betten auf den Intensivstationen ist begrenzt. In der Lombardei, dem Epizentrum des Virus in Italien, sind die Intensivplätze mehr als voll, Ärzte und Pfleger am Anschlag.

Nimmt man an, dass 5 Prozent der Infizierten auf die Intensivstation müssen (das ist vorsichtig geschätzt, in Italien spricht man derzeit von rund 10 Prozent der Fälle), sind das bei 1.000 Infizierten 50 Personen. Damit würden Südtirols Kapazitäten bereits knapp. Bei 8.000 Fällen wären es 400 Intensivpatienten.

Um eine solche Überforderung zu vermeiden, wird auf die soziale Isolation gesetzt. Die Menschen sollen zu Hause bleiben, Abstand zu anderen Menschen halten und keine Hände schütteln.

Das soll auch helfen, die Anzahl der Toten zu verringern. Verglichen mit der Anzahl der Infizierten, liegt die Sterblichkeit in Italien derzeit bei 5 Prozent. Für Mediziner ein viel zu hoher Wert – verglichen auch mit den Zahlen in anderen Ländern.

Eher sei davon auszugehen, sagen Virologen, dass zwischen 0,3 und 0,7 Prozent der Infizierten sterben. Zum Vergleich: Am jährlich wiederkehrenden Grippevirus (Influenza) sterben im Durchschnitt 0,1 bis 0,2 Prozent der Infizierten. Das sind 1 bis 2 Tote auf 1.000 Fälle.

Im Falle des Coronavirus in Italien sind es derzeit 50 Tote auf 1.000 Fälle. Eigentlich dürften es „nur“ 3 bis 7 sein. Warum es so viel mehr sind, lässt sich zum Beispiel mit einer hohen Dunkelziffer an Infizierten erklären. Das heißt, jene, die keine oder nur leichte Symptome haben, werden nicht getestet. Zugleich sind sie aber potenzielle Überträger der Krankheit. Das macht die Sache so verzwickt.

Auch daher die soziale Isolation. Denn nur wenn das Virus nicht weiterhin von einem Menschen zum anderen überspringt, kann es gestoppt werden.

weitere Bilder

  • Ein Schrecken mit Ende Der klassische Verlauf einer Epidemie

Leserkommentare

2 Kommentare
DerAlteVomBerg
16. März 2020, 17:28

An die FF: Ihr habt die Flattening-the-Curve Grafik nicht korrekt. Die horizontale Linie kennzeichnet die Kapazitäten des Sanitätsbetriebes, nicht die Anzahl der Bedürftigen. Die Fläche kennzeichnet die Anzahl der Patienten, nicht die der Neuinfektionen.

Das wäre jetzt nicht Quantenphysik. Mit grundlegenden Kenntnissen in Mathematik sollte dies eigentlich logisch sein.
Quelle: https://media.npr.org/assets/img/2020/03/13/flatten-curve-promo_wide-c45d9e9228e0f75542c94240cb4fc2b050224adc.jpg?s=1400 antworten

DerAlteVomBerg
16. März 2020, 17:29

Edit: Die Vertikale ist die Anzahl der Patienten, nicht die Fläche..

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