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Gesellschaft & Wissen

#COVID-19

Andrej Werth
© FF Media
 

In diesen Tagen muss ich oft lachen und oft weinen. Vor allem, wenn ich online bin.

Der DJ scratcht auf den Kochfeldern des Gasherdes, er dreht an den Drehknöpfen und macht Feuer, dann geht seine rechte Hand nach oben, er knipst die Lampe über dem Herd im Rhythmus des Technosounds an und aus, an und aus, an und aus. Segundo dia casa, zweiter Tag zuhause, steht in roter Schrift über dem Video, das – Sie verzeihen – viral ging. Das Video, wo auch immer gedreht, steht auf meiner Hitliste witziger Coronavideos ganz oben.

Ganz im Gegensatz zu den dämlichen Videos, die Kollege Hinterwaldner unaufgefordert täglich in der ff-WhatsApp-Gruppe postet. Egal, poste weiter, Karl, ich schaue sie mir alle an. Karl, wie auch die anderen Kollegen, habe ich seit über zwei Wochen nicht mehr gesehen. Zumindest nicht analog, wir treffen uns digital. Über meine Laptopkamera lerne ich Schnipsel des privaten Umfelds meiner Kollegen kennen, Markus Larcher sitzt etwa gerne in der Küche, Norbert Dall’Ò und Georg Mair gerne vor dem vollen Bücherregal.

Auch die mir vertrauten Küchen, Wohnzimmer und Balkone von Freunden sehe ich derzeit nur als Ausschnitt am Monitor; am Samstagabend hatte ich einen Skype-Aperitiv mit Freunden in Bozen, Auer, Neumarkt und Berlin. Die erste Viertelstunde war komisch, dann liefen Übertragung und Gespräch, der Abend hat länger gedauert – trotz analoger Trennung.

In der häuslichen Isolation gibt es gerade viel digitale Nähe. Die Bilder und Videos, die in meine Twitter-Timeline gespült werden, lösen Emotionen aus, die Bilder aus den Krankenhäusern der Lombardei und die Videos aus Bergamo schockieren mich. Aber sie lassen uns auch zusammenrücken.

Als ich die ersten Videos italienischer Balkonkonzerte sah, kamen mir die Tränen. Genauso als das serbische National-
orchester, jeder Musiker von zuhause aus, Bella Ciao spielte. Und auch in Bamberg spielten sie ein Solidaritätskonzert, mit besonderem Gruß nach Vahrn. Im Netz gibt es in Coronazeiten noch mehr als sonst zu sehen: Wohnzimmerkonzerte des Pianisten Igor Levit, virtuelle Führungen durch das Bozner Museion. Und während die Berliner Staatsoper Carmen streamt, kann, wer will, dazu Dosenbier trinken. Offengestanden, ich habe Levit, Museion und Carmen noch nicht gesehen, und ich mag auch kein Dosenbier. Aber die Krise soll ja noch etwas dauern, da ist Abwechslung willkommen.

Vor allem nachdem der italienische Zivilschutz oder der Südtiroler Sanitätsbetrieb mitgeteilt haben, wie viele Menschen gestorben sind, wie viele Patienten auf der Intensivstation liegen, wie viele Neuinfizierte es gibt. Oder, wenn ich an die Zeit nach Corona denke. Dann finde ich jedes einzelne der ganzen bescheuerten Coronavideos absolut genial.

Dann muss ich lachen, wenn ich sehe – und höre – wie in Wien ein Mann von seinem Fenster aus „Volare“ anstimmt und eine Frau „Ruheeeee, so schen ist des net“, schreit. Ich muss lachen, wenn die Berliner Verkehrsbetriebe das Foto einer Klopapierrolle auf dem Boden eines Busses posten und dazuschreiben: „Wer hat seine Wertsachen im M85 vergessen?“ Ich muss weinen, wenn in Spanien die Bewohner eines Mehrfamilienhauses einer älteren, alleinstehenden Frau einen Kuchen vor die Tür stellen und dann aus den Fenstern „Alles Gute zum Geburtstag“ singen. Und ich weine, wenn ich sehe, wie kubanische Ärzte in Italien landen, weil sie helfen wollen.

Und dann lache ich wieder, wenn der DJ auf den Kochfeldern seines Gasherdes scratcht. Und ich freue mich, dass endlich die Schutzausrüstung in Südtirol eingetroffen ist. Es sind komische Momente, emotionale Momente, in einer verdammt antrischen Zeit. Eine Zeit, die wir überstehen werden. Und bis dahin, ihr da draußen, postet bitte bis das WLAN brennt.

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