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Gesellschaft & Wissen

„In der Ruhe bleiben“

Familie
„Es ist wichtig, dass man eine Struktur in den Tag hineinbringt. Das Gehirn braucht Struktur“, sagt Elisabeth Kußtatscher. © Alexander Alber
 

Wenn eine Familie wochenlang aufeinanderhockt, kann es schon mal krachen. Muss es aber nicht – mit Struktur und einer positiven Denkweise, sagt Kinder- und Jugendcoach Elisabeth Kußtatscher.

Elisabeth Kußtatscher ist Kinder- und Jugendcoach, sie leitet die Elternkurse „Starke Eltern – starke Kinder“. Gemeinsam mit ihrem Mann Reinhard Feichter und den Kindern Sophia, Katharina und Jonas lebt sie in Bozen. Wir erreichen sie am Telefon. Sie hat soeben eine Online-Vorlesung an der Unibz in Brixen hinter sich, wo sie derzeit ihr Zweitstudium abschließt. Jeden Morgen um sieben Uhr starten sie und ihr Mann mit einer Mediation in den Tag. Eine Online-Guten-Morgen-Meditation, organisiert von ihrer Schwester über Facebook. Das Motto: „Bleibe positiv – werde nicht positiv“.

ff: Frau Kusstatscher, Sie haben drei Kinder, Sie und Ihr Mann arbeiten im Homeoffice. Gibt es schon Lagerkoller?

Elisabeth Kußtatscher: Wir haben zum Glück eine große Wohnung samt Garten. Ich frage mich oft, wie andere Familien das jetzt schaffen in sehr viel kleineren Wohnungen, mitten in der Stadt. Die gesperrten Spielplätze und jetzt auch noch die Ausgangssperre sind eine große Belastung für Kinder. Kinder haben einen natürlichen Bewegungsdrang, sie müssen sich bewegen. Was den Lagerkoller betrifft: Unsere zwei Mädchen, Zwillinge, sind von der Montessori-Schule selbständiges Arbeiten gewohnt. Sie können sich im Moment gut und konzentriert auf die Matura vorbereiten.

Der Heimunterricht gestaltet sich demnach gut?

Ja! Was toll ist: Die neue Situation kommt dem Biorhythmus von Kindern und Jugendlichen entgegen. Nicht alle lernen effizient, wenn sie um acht Uhr in der Schule sitzen. Die Lehrer unserer Kinder, so finde ich, machen es zurzeit sehr gut. Sie stellen Aufgaben, in denen es mehr um die großen Zusammenhänge geht, auch interessante Dokumentarfilme werden empfohlen. Unser 12-Jähriger braucht öfters einen kleinen Anstupser. Es ist wichtig, dass man eine Struktur in den Tag hineinbringt. Das Gehirn braucht Struktur. Aber klar, unsere Kinder sind etwas größer, da fällt vieles leichter. Wenn man Kinder vom Kindergarten-Alter aufwärts hat, potenzieren sich die Geschichten.

Wie regelt man das alles, ohne den Verstand zu verlieren?

Indem man versucht, innerlich ruhig zu werden, sich nicht zu viele Nachrichten anschaut, insgesamt weniger Medien wie Fernsehen, Computer, Smartphone konsumiert. Wenn die Eltern in ihrer Ruhe bleiben, übertragen sie diese Ruhe auch auf ihre Kinder. Und, wie gesagt, es hilft, den Tag zu strukturieren, zu organisieren: Wer macht was wann wo? Diese Situation wird nämlich nicht nur zwei, drei Wochen andauern, sondern sehr viel länger. In dieser außergewöhnlichen Zeit dürfen die Kinder selbständiges Arbeiten lernen. Dieses Homeschooling lässt gerade das alte Schulsystem zusammenbrechen.

Weil wir merken, dass wir auf jegliche Form von Selbstorganisation nicht vorbereitet sind?

Genau. Wir haben ein Schulsystem aus dem 19. Jahrhundert mit Lehrpersonen aus dem 20. Jahrhundert für Kinder aus dem 21. Jahrhundert. Das passt alles nicht mehr zusammen. Jahrgangsklassen haben oft große Wissensspannen, es gibt jene, die in bestimmten Fächern weit voraus sind, andere hinken hinterher. Mehr Kleingruppen oder altersdurchmischte Klassen könnten eine Abhilfe sein. Es gibt auch immer mehr hochsensible Kinder – vielleicht brauchen wir diese für die neue Zeit, die jetzt kommt. Viele dieser Kinder haben in den vergangenen Jahren einen Kollaps erlebt: Schulängste, Panikattacken, körperliche Symptome wie Kopfschmerzen, Bauchweh. Der Druck, der auf dieses Schulsystem ausgeübt worden ist, ist ein Wahnsinn. Immer mehr Inhalte, bei mehr oder weniger denselben alten Methoden.

Wir haben in der Schule heute mit sozialen Problemen zu kämpfen, weil die Kinder in ein veraltetes System hineingepfercht und oft zu wenig individuell begleitet werden. Bitte nicht falsch verstehen: Ich mache keiner Lehrperson einen Vorwurf, diese müssen unter erschwerten Bedingungen arbeiten. Viele haben sich ja schon auf den neuen Weg gemacht, ansonsten würde das jetzt innerhalb so kurzer Zeit nicht schon so gut funktionieren.

Sie wirken sehr gefasst und ruhig.

Ja, weil ich beobachte, dass es hier die Chance für eine völlig neue Ordnung gibt – in allen Bereichen des Lebens. Klar, wir befinden uns jetzt in einem riesengroßen Wirbelsturm, vieles geht noch drunter und drüber. Aber lassen wir das Ganze in Ruhe sacken – ich bin überzeugt, in diesem Umbruch steckt eine riesengroße Chance. Umso wichtiger ist es für uns Eltern, jetzt ruhig und im Vertrauen zu bleiben.

Sie meinen, man kann diese Situation auch genießen?

Der Großteil von uns hat jetzt einen leeren Terminkalender, wir haben keine To-Do-Liste abzuarbeiten. Wir befinden uns in einer surrealen Situation, die zugleich ein großes Geschenk ist. Nutzen wir das und ja, wenn es geht, genießen wir es. Ich glaube, dass die Menschen nach einer Krise bereit sind, sich solidarisch und ökosozial neu zusammenzufinden. Nach dem Zweiten Weltkrieg beispielsweise wurden die Menschenrechte niedergeschrieben. In unserer aktuellen neoliberalen Weltordnung wäre das so nie mehr möglich gewesen! Es braucht eine kritische Masse, dann können alte Systeme abgelegt werden. Ich hoffe stark, dass es künftig neue Wirtschafts- und Steuersysteme geben wird, keine Steuerparadiese mehr, Transaktionssteuern auf Spekulationen, eine Ökosteuer, eine Luxussteuer für nicht nachhaltige Produkte. Es ist genügend Geld da, es ist Essen für alle da, wir leben in einer Fülle. Das ist jetzt wirklich unsere große Chance.

Was darf man Kindern in dieser Zeit zumuten?

Je älter die Kinder sind, desto mehr kann man mit ihnen natürlich in der Erwachsenensprache über dieses Thema sprechen. Je kleiner die Kinder sind, desto wichtiger ist es, dass sie nicht ständig mit den neuesten Nachrichten konfrontiert werden, nicht die aktuellen Zahlen von Toten und Infizierten mitbekommen. Das sind immer Momentaufnahmen, die ja schon vielen von uns Erwachsenen Angst machen. Ich habe eine kleine Umfrage unter Freunden und Bekannten mit Familien gemacht: Einige haben erzählt, dass ihre Kinder nachts nicht mehr gut schlafen, Ängste haben. Auch deshalb noch einmal mein Tipp: Handys aus, Radio und Fernsehen aus, dafür gemeinsam Spiele spielen oder gemeinsam kochen. Wir hier zu Hause haben eine Seilhüpf-Challenge gestartet: Wer schafft wieviel Einheiten pro Minute und wer kann sich am meisten steigern? Das macht allen Spaß und hält uns fit. Die Frage ist doch immer: Worauf richte ich meinen Fokus? Betrachte ich das Leben und die Welt mit der Angst- und Kritikbrille oder doch lieber mit der positiven Brille?

Sie wollen sagen: Gedanken können Realität erschaffen?

So ist es. Gedanken werden zu Worten, Worte zu Handlungen und Handlungen zu Gewohnheiten. Es ist spannend, sich in dieser Zeit genauer die Mikro-, Meso- und Makroebene anzuschauen. Die Mikroebene ist das Individuum, also jeder einzelne von uns. Wem schenke ich mehr Aufmerksamkeit, der Freude oder der Angst? Jeder von uns hat es selbst in der Hand, worauf er seinen Fokus legt.

Manche fühlen sich wie im Alptraum. Für sie ist es mehr Katastrophe denn Geschenk.

Klar. Ich will den Ernst der Lage auch nicht schönreden. Ich will nur aufzeigen, dass zurzeit auch sehr viel Gutes entsteht. Kinder basteln wieder, treffen sich mit Freunden zum Online-Watten, Geschwister untereinander spielen wieder mehr miteinander. Wir befinden uns jetzt auf der Mesoebene, das ist die Familie, das sind Kleingruppen oder Firmen. Auch für mich ist es zurzeit eine Umstellung, ich will nichts verniedlichen. Es ist auch ein Stück Arbeit, ein Familiensystem auf einen neuen Kurs zu bringen. Jedes Familienmitglied muss seinen Beitrag leisten, in der Küche oder beim Saubermachen helfen. Aber es ist auch die Chance, neu als Familie zusammenzuwachsen.

Was ist wahrscheinlicher: Dass in Südtirol in neun bis zehn Monaten deutlich mehr Babys auf die Welt kommen als sonst oder dass die Scheidungsrate ansteigt?

Wenn in einer Beziehung bereits eine destruktive, negative Dynamik herrscht, dann ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie in solchen Ausnahmesituationen zerbricht. In China hat man gesehen, dass die Scheidungsrate eher ansteigt. Familiensysteme, die gut aufgestellt sind, werden gestärkt aus dieser Zeit herausgehen.

Was kann Eltern in Zeiten wie diesen helfen?

Bei meinen Elternseminaren ist eines der Leitmotive: „Schaut auf die positiven Seiten eures Kindes!“ Dasselbe gilt auch jetzt, wenn man den ganzen Tag als Familie zusammen ist. Viele Familien geben mir zurzeit die Rückmeldung, dass sie wieder näher zusammenrücken. Wir Südtiroler haben oft einen Freizeitstress, immer unterwegs zu sein, auf einen Berg zu kraxeln, auf dem Rad zu sitzen, den Skiern zu stehen,… Vor allem ruhigere Kinder wird es oft zu viel, sie haben keine Lust auf diesen Aktionismus. Sie genießen diese Zeit jetzt um so mehr. Lassen wir sie!

Und was passiert auf der Makroebene, der gesellschaftlichen Ebene?

Da schauen jetzt neben den gesundheitlichen Auswirkungen alle auf die wirtschaftlichen Folgen. Aber auch hier sage ich: Müssen wir wirklich immer von Krise reden? Oder benutzen wir lieber das Wort Chance? Das chinesische Schriftzeichen für Krise besteht aus zwei Teilen: der eine symbolisiert Gefahr, der andere Chance.

Erwachsene verarbeiten ihre eigenen Ängste ja oft auch, indem sie darüber Witze machen. Sollten sie ihre eigenen Befürchtungen am besten gar nicht zeigen?

Mit Kindern soll man über jene Fragen reden, die sie einem konkret stellen. In einer einfachen Sprache und in ruhigem Ton. Man soll sein Kind aber nicht als gleichwertigen erwachsenen Gesprächspartner hernehmen. Dafür sollte man Freunde, Verwandte oder die Telefonseelsorge anrufen und denen sein Herz ausschütten. Das Gegenüber muss nur achtsam zuhören. So kann man die innere Unruhe wieder etwas beruhigen – reden hilft. Wenn jemand große Ängste hat, hat das immer mit seiner Vergangenheit zu tun. Jeder kennt wahrscheinlich das Eisbergmodell: Was man sieht, ist nur die Spitze des Eisberges, aber der ganze Block, der liegt unter dem Wasser. Das sind die Erfahrungen und Geschichten aus der eigenen Vergangenheit, sie werden in solchen Krisenzeiten angetriggert. Vielleicht bin ich ängstlich erzogen worden, vielleicht habe ich als Kind die Welt als bedrohlich empfunden – das könnten Gründe sein, warum ich in dieser Zeit besonders große Ängste entwickle. Umso wichtiger ist es in solchen Fällen, sich vor all zu vielen Nachrichten und bewegten Bildern zu schützen.

In Zeiten von Smartphones und Social Media ist das für viele schwierig, gerade für Jugendliche.

Wir alle wissen um die Genialität, aber auch um die negativen Verlockungen dieses Geräts. Man muss wirklich darauf achten, dass die Kinder nicht ständig im Internet herumtoben. Da sollte man als Eltern auch streng sein, gemeinsame Regeln vereinbaren für die Medien-Nutzung. Und sie sollten für alle gelten: Kinder und Eltern. Man hat jetzt ja viel Zeit. In den Handy-Pausen könnte man beispielsweise einmal eine Familienkonferenz einplanen. Man legt ein Blatt in die Mitte und jeder darf seine Wünsche und seine Kritik äußern: Was ärgert mich? Was wünsche ich mir (anders): „Spielen wir doch mehr gemeinsam! Mama, du schimpfst zu oft! Wer kocht heute?, …“.

So eine schwierige Zeit kann auch die Kreativität fördern und erfinderisch machen.

Absolut. Und es ist heutzutage ja so vieles möglich. Diese Krise ist wie eine Reset-Taste, also ein Neustart. In einer Familie. In der Wirtschaft. In allen Systemen. Wenn wir ehrlich sind, hatte man schon lange den Eindruck, dass alles in unserer Gesellschaft überladen und überdreht ist. Wir waren alle „außer uns“, jetzt haben wir die Möglichkeit, wieder „in uns“ zu kommen. Im vergangenen Jahr hat uns die Fridays for future-Bewegung ständig gesagt, so kann es mit der Welt nicht weitergehen, es brauche einen Richtungswechsel. Heute bleiben die jungen Menschen zu Hause, auch aus Schutz gegenüber den älteren. Wenn das alles überstanden ist, sollten auch die Erwachsenen endlich auf die Wünsche und Vorschläge der Jüngeren eingehen. Das wäre ein wundervolles Bild der gelebten Solidarität.

Kinder haben andere Ängste als Erwachsene und formulieren sie auch nicht immer unbedingt. Was sind Anzeichen dafür, dass es ihnen in Zeiten von Corona nicht gut geht?

Kinder verstecken ihre Gefühle nicht. Sie sind in ihren Gefühlsäußerungen unmittelbar. Wenn sie wütend sind, dann genau in diesem Moment, wenn sie traurig sind, bricht in diesem Moment die Welt zusammen. Eltern können davon ausgehen, dass die Kinder ihnen offen und ehrlich ihre Gefühle zeigen. Als Eltern rationalisieren wir diese Gefühle meistens zu sehr, erklären, warum das Kind keine Angst haben braucht oder lenken es ab. Besser wäre es, das Kind in den Arm zu nehmen, nachzufragen, wo genau es seine Angst fühlt. Kinder erzählen glasklar, ob es im Bauch drückt oder in der Brust oder im Hals. Dann kann man seine Hand auf diese Selle legen und atmet mit dem Kind tief ein und aus. Das Gefühl will gefühlt werden! Und nicht nach unten ins Unterbewusste gedrückt werden – da entsteht dann ein Eisblock. Auch wenn ein Kind nachts schlecht schläft, Alpträume hat: Auch da braucht es Körperkontakt, Nähe. Das Kind nicht alleine lassen. Die Urvölker haben nicht umsonst ihre Kinder auch nachts immer bei sich.

Könnte die psychische Wirkung dieses neuen Virus drastischer sein als die Symptome?

Davon bin ich überzeugt. Auch Wirtschaftssysteme und Betriebe werden daran zerbrechen. Andere wiederum werden gestärkt hervorgehen, ganz neue werden entstehen. Viel Betriebe haben sich bis vor kurzem noch gegen Home-office und Telearbeit gewehrt. Nach diesem Reset kann niemand mehr behaupten, das funktioniere nicht. Da muss ein Chef dann klar sagen: Ich will es nicht. Homeoffice aber bietet riesige Chancen. Aber klar, zurzeit sind viele Familien überfordert, auch, weil sie zu wenige Geräte zu Hause haben. Das führt zu Konflikten. Familien müssen sich jetzt neu organisieren. Es ist nicht immer leicht, ich weiß das aus eigener Erfahrung. Aber es lohnt sich. Es kann etwas wunderbar Neues entstehen – wenn man es zulässt, wenn man in der Ruhe bleibt und sich nicht dagegen wehrt.

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  • Elisabeth Kußtatscher

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