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Grenzgänger

Endstation: Hier steht, wer mit dem Zug nach Nord oder Süd möchte. Jetzt steht hier niemand mehr.
Endstation: Hier steht, wer mit dem Zug nach Nord oder Süd möchte. Jetzt steht hier niemand mehr. © Andrej Werth
 

Immer wenn es in Europa Probleme gibt, gehen am ­Brenner die Balken runter. Ob ich in Österreich einreisen darf? Ein zwischenstaatlicher Spaziergang.

Es fällt bereits im Zug auf: Ab Gossensaß sitzen wir nur noch zu sechst im Regionalzug, in den ich in Bozen kurz vor 9 Uhr eingestiegen bin. Nicht dass er vor Gossensaß überfüllt gewesen wäre, aber jetzt, kurz vor dem Bahnhof Brenner, ist kaum noch jemand an Bord. Große Überraschung ist das keine; gibt es schon in normalen Zeiten nicht viele Gründe, auf den Brenner zu fahren, gibt es seit Corona gar keine mehr.

Normalerweise fährt man auch nicht auf den Brenner, sondern man fährt über ihn. Der Brenner ist ein Nichtort, dessen Schicksal an die italienisch-österreichische Grenze – und mittlerweile auch an das Outlet Center – geknüpft ist, ein Reise-Zwischenstopp, wenn man von Nord nach Süd will. Oder umgekehrt.

Der Zug hält. Es hat fünf Grad Celsius, der Nebel hängt tief. Eine 70-jährige Frau aus dem Pustertal steigt mit mir aus. Eine ihrer beiden Töchter wartet hinter der österreichischen Grenze im Auto, am Bahnhof abholen darf sie ihre Mutter nicht, die muss zu Fuß rüber. Die Frau hofft, dass die Grenzer sie passieren lassen, immerhin gehe es um eine schwerwiegende familiäre Angelegenheit, vorsichtshalber hat sie Kopien der Ausweise ihrer Töchter dabei.

Während sie ihr Gepäck Richtung Österreich schleppt, fragt mich Magdalena, 22, nach einem Shuttle. Seit März war sie nicht mehr in Innsbruck, wo sie Erziehungswissenschaften studiert, heute muss sie aber in die Stadt, sie will ihre Wohnung kündigen und hat einen Termin mit der Vermieterin. Als Studentin sollte sie problemlos über die Grenze kommen, sagt sie, und sucht dann nach dem Shuttle weiter. Seit März ist der Zugverkehr nach Österreich eingestellt.

Ich verlasse den Bahnhof und werde sofort von einem Beamten der Polizia ferroviaria aufgehalten. Woher und wohin, will der Beamte wissen, er trägt ein Gesichtsvisier, das mich an den Film Mars Attacks! erinnert. Ob er wegen Corona hier steht, frage ich zurück. Nein, die Polizia stehe immer hier. Mir ist das noch nie aufgefallen, aber ich kenne am Brenner auch nur das Gleis 7.

Bürgermeister Franz Kompatscher wartet auf mich, wir haben uns auf einen Kaffee verabredet. Max Wild, der Geschäftsführer des Outlet Center, kommt zufällig vorbei. Am 4. Juni will er die Grenz-Shopping-Mall wieder öffnen. Egal, mit wem ich am Brenner spreche, das Center gehört zu den bestimmenden Themen, es ist zur zweiten Lebensader des Ortes geworden, ohne Outlet und offene Grenze geht hier nichts.

In der Bahnhofsbar riecht es nach Desinfektionsmittel. Kompatscher rutscht immer wieder die Maske unter die Nase, der Bürgermeister hat nicht viel Zeit, aber einiges zu sagen. „Die Grenze“, sagt er, „muss aufgehen!“. Auf der österreichischen Seite werde rigoros kontrolliert, auf der italienischen Seite nicht, „will ja eh keiner rein.“ Während sich Österreich und Deutschland auf eine Grenzöffnung am 15. Juni verständigt haben, bleiben die Grenzbalken nach Italien erst mal noch zu.

Immer wenn es in Europa ein Problem gibt, wird die Brennergrenze wieder hochgezogen. Hier, zwischen Südtiroler und Nordtiroler Wipptal, lassen sich europäische Stärke und europäische Schwäche seit Jahrzehnten besonders gut beobachten, gerade ist es wieder sehr schlecht um die EU bestellt.

Kompatscher würde es jedenfalls reichen, wenn die Touristen zumindest bis nach Südtirol oder ins Trentino kommen könnten. Wir verabschieden uns, und ich gehe, an Outlet und Kreisverkehr vorbei, Richtung Österreich. Ich bin nicht der Einzige, der zu Fuß unterwegs ist.

Wer über die Grenze darf und wer nicht, das hat in den vergangenen Tagen für viel Aufregung und einige Anekdoten gesorgt – mitten in Schengen-Europa sind Grenzübertritte plötzlich wieder ein Abenteuer.

Wenige Meter hinter dem Schild Republik Österreich steht ein grauer Baustellencontainer, vor ihm vier Polizisten, die Fahrzeuge und Fußgänger kontrollieren. Aus dem Container schauen zwei Soldaten durch ein Plexiglas auf die Straße. Gibt es Unklarheiten, wird bei ihnen nachgefragt – beide dürften jeweils 18, maximal 20 Jahre alt sein, sie gehören zum Assistenzeinsatz des Bundesheeres.

Bei der Frau vor mir gibt es Unklarheiten, sie darf nicht einreisen. Dann bin ich an der Reihe. Wohin ich möchte, werde ich gefragt. Nach Innsbruck. Warum? Aus beruflichen Gründen, ich will über die Grenze berichten.

Die beiden Soldaten studieren Identitätskarte, Journalisten-Ausweis und redaktionelles Begleitschreiben, dann beraten sie sich. Einer fragt: „Das ist ja praktisch ein beruflicher Grund, oder?“ Ich nicke. „Dann passt das“, befindet der junge Mann und freut sich über die positive Antwort, während der andere einen Thermoscanner zückt. Temperatur messen und Daten aufschreiben gehört zum neuen Einreise-Protokoll. Ich frage, ob ich ein paar Tage in Innsbruck bleiben könnte. „Wo haben Sie ihren Wohnsitz?“ In Südtirol. „Das ist dann Sache der italienischen Behörden.“ Dann kann ich also ein paar Tage bleiben? „Hmm. Aber Sie sollten dort nicht einkaufen gehen. Vielleicht ist es überhaupt das Beste, wenn Sie noch heute zurückreisen.“ Ich frage, wen sie über die Grenze lassen und wen nicht, sie wiegeln ab, ein Polizist meint, ich solle mich doch bitte für Informationen an die Bezirkshauptmannschaft wenden.

Von den in der Zwischenzeit kontrollierten Autos musste eines umdrehen, alle anderen durften über die Grenze. Ich hingegen drehe freiwillig um, eigentlich will ich gar nicht nach Innsbruck. Die Soldaten schauen etwas verdutzt. Ein junger Mann versucht sich währenddessen hinter Soldaten, Polizei und Container, nach Österreich einzuschleichen. Eine Beamtin sieht ihn und hält ihn auf, die Soldaten sprechen mit dem Mann. Dann telefonieren sie. Sie telefonieren relativ oft, vielleicht mit der Bezirkshauptmannschaft – die beiden jungen Männer sehen nicht so aus, als ob sie sich ihrer Sache wirklich sicher wären. Ich gehe zum Outlet zurück.

Hinter dem Parkhaus gibt es einen kleinen Kiesweg, der zu einem Hinterhof führt. Für die Grenzer ist der Weg kaum einsehbar, ich spaziere über den Hinterhof und stehe vor einer österreichischen Shell-Tankstelle, meine Einreise hat niemand mitbekommen. Ich gehe zum Kreisverkehr, nach Italien zurück. Die Soldaten telefonieren immer noch, dann schicken sie wieder eine Frau weg.

Es ist eine Sterzingerin, die im Postamt gleich hinter der Grenze ein Paket abholen wollte, „alle lassen sich die Post auf den Brenner schicken“, erklärt sie mir. Ihre Argumentation hat Beamte und Soldaten aber nicht überzeugt. Sie wird jetzt zum Parkplatz gehen, sich in ihr Auto setzen und über die Grenze fahren. Die Grenzer werden sie passieren lassen müssen, denn im Handschuhfach liegt eine Bestätigung, dass sie rüber darf, weil ihr minderjähriger Sohn in einem Tiroler Schülerheim lebt. Sie wird dann aber zur Post und nicht zum Sohn fahren.

Während wir uns unterhalten, fährt ein Streifenwagen der Polizia di Stato vorbei und postiert sich auf der anderen Seite des Kreisverkehrs. Das Rondell neben dem Outlet ist der Dreh- und Angelpunkt zwischen Italia und Austria.

Ich frage die Beamten, warum die Österreicher so rigide kontrollieren und sie nicht. Sie kontrollieren sehr wohl, entgegnen sie, während drei Soldaten zu uns stoßen. Aber sie müssten auch in Sterzing, in Freienfeld und auf der Autobahn Präsenz zeigen, bei dem Personalmangel könnten sie nicht überall gleichzeitig sein.

Ende vergangener Woche kündigte Ministerpräsident Giuseppe Conte die Öffnung der italienischen Grenzen für den 3. Juni an. Hätte er vorher am Brenner vorbeigesehen, würde er wissen: So richtig zu war die Grenze Richtung Süden nie.

Es ist Mittag geworden, ich spaziere zum Bahnhof zurück. Auf einem kleinen Platz zwischen der Karl-von-Etzel und der St.-Valentin-Straße betreibt Karl Hofer einen Würstelstand. Seit 1989 steht er hier, Karl Hofer ist am Brenner eine Institution. Zwei Monate hatte er seinen Imbiss geschlossen, heute hat er das erste Mal wieder offen. Auf dem Grill brutzeln ein paar Brat- und Brennerwürste, viel weniger als sonst. „Wenn die Grenze nicht aufgeht, dann fehlen die Deutschen.“ Dem Imbissbetreiber droht dann ein Umsatzeinbruch von 70 bis 80 Prozent.

Keine Deutschen, kein Geschäft. Was für das Würstelstandl gilt, gilt für ganz Südtirol, nein, für ganz Italien – Karls Imbiss ist der brutzelnde Gradmesser der italienischen Tourismuswirtschaft.

Nach den letzten Pommes verabschiede ich mich und setzte mich in einen Regionale veloce, der Richtung Bologna fährt. Über den Lautsprecher fordert mich Trenitalia auf, ich möge Mitreisende, die Grippesymptome aufweisen, doch bitte beim Schaffner melden. Mir läuft es kalt über den Rücken, während der Zug anfährt, habe ich das Gefühl, zwischen Franz Kafka und den Schildbürgern zu sitzen.

Ich freue mich auf zu Hause.

weitere Bilder

  • Bahnhof Bozen: Kein offener ­Schalter, keine Passagiere, eine pünktliche Abfahrt. Alles ist anders. Regionalzug R 20710: Viel Beinfreiheit, aber wenig Bewegung. Den Schaffnern ist freigestellt, ob sie die Tickets ­kontrollieren oder nicht.  Der Bürgermeister: Franz Kompatscher ärgert sich über Europa und über die „santi“, die gegen die Sonntagsöffnung von Geschäften sind. An der Grenze: Ausweis und ­Temperatur bitte! Ins Ikea? Nein, das dürfen Sie nicht! Karls Imbiss: Am Donnerstag­ ­öffnete Karl Hofer seinen Imbiss, am Dienstag schloss er ihn wieder. Der Brenner ist derzeit tot.

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