Gesellschaft & Wissen

Wo sollen wir uns treffen?

Florian Pallua setzt sich seit Jahren in der Jugendarbeit ein. Er ist auch Betreuer bei „AFZACK“, ein Programm für Persönlichkeits­entwicklung für Jugendliche. © Forum Prävention
 

Florian Pallua kennt die Jugend Südtirols gut. Er ist überzeugt, dass sie immer noch gerne feiert – nur die Orte ändern sich.

Als wir Florian Pallua anrufen, hält er sich mit einer Gruppe in der Ferienkolonie in Caorle auf. Der studierte Psychologe ist Koordinator der Fachstelle Jugend beim Forum Prävention.

ff: Was hat sich in der Jugendszene in den letzten Jahren verändert?
Florian Pallua
: Die Veränderung ist sehr vielschichtig. Auf der einen Seite haben wir das große Thema: weg vom Alkohol, weg von diesem früheren „Hauptsache sich abschießen“. Auf der anderen Seite bekommen Jugendliche erst Anschluss ans Nachtleben, sobald sie 18 sind – weil viele Lokale erst ab 18 zugänglich sind. Und danach kam auch noch Covid. Man muss die jungen Leute aber mitnehmen, auch die, die noch nicht volljährig sind.
Was passiert mit denen?
Ich habe erst gestern mit 15-Jährigen geredet, die fragen: „Wo sollen wir uns treffen?“ In die Disco kommen sie nicht rein – wenn die nicht gerade sowieso geschlossen ist. Also hängen sie auf dem Spielplatz rum und konsumieren dort, oder sie sitzen auf dem Fahrrad und spritzen die Leute mit einer Wasserpistole an. Sie wissen, dass es nicht okay ist. Aber ihnen ist einfach so langweilig.
Also testen die Jungen trotzdem ihre Grenzen aus, obwohl die Orte fehlen?
Ja, vor allem die Volksfeste bekommen wieder mehr Zulauf.
Warum?
Weil dort erstens das aufgespielte Sicherheitsthema nicht existiert – die Leute haben das Gefühl, unter sich zu sein. Zweitens kommen Jugendliche dort relativ einfach an Alkohol.
Also ist Alkohol trotzdem noch wichtig?
Ja, es ist traurig, dass die Wertebasis der Alkohol ist. Aber damit haben die Jugendlichen das Gefühl, sich als Teil der Gesellschaft zu fühlen.
Warum geht aber niemand mehr in die Clubs?
Ich glaube, die Antwort hat keiner. Es ist ein Zusammenspiel. Erstens das Grundgefühl der inneren Unsicherheit – die persönliche Unsicherheit im Umgang mit Menschen, aber auch das Setting: Wenn es dunkel wird, fühle ich mich automatisch unsicher. Dann die Kosten: Wenn man zehn Euro für ein Getränk bezahlt, überlegt man es sich zweimal. Und schließlich ein Bewusstseinswandel: eine neue Generation, die sagt: Vielleicht ist das doch nicht so cool, wenn man sich den nächsten Tag oder die nächsten Jahre anschaut.
Ist es nicht positiv, wenn die Jungen gesünder leben wollen?
Insgesamt schon. Aber man sollte es nicht zu oberflächlich sehen. Es ist eine riesige Entwicklungsaufgabe. Man muss nur schauen, wie viele Jugendliche vapen. Und man muss genauer hinschauen, was bei den Folgegenerationen passiert, die treffen sich häufig in privaten Räumen.
Und die sind noch schwieriger zu kontrollieren?
Ja, weil niemand einen Zugang hat. Wenn man die Jugendlichen nicht kennt, die einem den Partykeller zeigen, kriegt man das nicht mit. Man sieht es einfach nicht.
Mit der App Nizer können Jugendliche Events und Ausgehtipps teilen. Merkt ihr einen Umschwung?
Mit der App wollten wir wieder ins Ausprobieren investieren – neue Leute kennenlernen, ausgehen. Das zieht an: Allein in den letzten zwei Monaten gab es über 1.000 zusätzliche Downloads.
Also kommt die Lust wieder zurück?
Ja. Letztendlich ist es aber eine Grundsatzfrage: Wollen wir wieder in kollektive Erlebnisse investieren – mehr Menschen kennenlernen, mehr ausprobieren? Oder bleiben wir in diesem individuellen Gefühl der inneren Sicherheit, wo ich mich nur in dem Radius bewege, in dem ich mich wohlfühle – und der alles andere als gefährlich ist.

Matthias Hillebrand

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