Eine Wahl, eine Demo, ein umstrittener Gastredner: Das Landestreffen der jungen Südtiroler Freiheit sorgte im Vorfeld für viel Aufregung. ff hat daran teilgenommen.
Gesellschaft & Wissen
Der erregte Mann
Aus ff 38 vom Donnerstag, den 17. September 2026

Muskeln, Reichtum, patriarchales Lebensmodell: Auch in Südtirol erklären Influencer, was „echte Männer“ ausmacht.
Daniel Lintner ist 20, Emil Kola 21. Die beiden Südtiroler Influencer wollen auf TikTok und Instagram unterhalten. Auf Dialekt natürlich. Unter anderem geben sie Tipps, was man beim Date mit einer Frau beachten sollte.
Emil Kola sagt zum Beispiel, dass man beim ersten Treffen „etwas Männliches“ wie einen Espresso oder einen doppelten Espresso bestellen sollte, am besten ohne Zucker. Als sich die Autorin dieser Zeilen mit den beiden Influencern trifft, bestellt Kola naturgemäß einen „männlichen“ Espresso.
Muskeln, Reichtum und patriarchales Lebensmodell: Das Phänomen Manosphere ist längst in Südtirol angekommen. Was einst ein dunkles Randphänomen des Internets war, ist in den vergangenen Jahren massentauglich geworden. Das internationale Forschungszentrum The Movember Institute of Men’s Health berichtet, dass etwa zwei Drittel der befragten Männer Inhalte von Manosphere-Influencern konsumieren.
Manosphere ist ein vager Sammelbegriff für verschiedene Gruppen, die sich auf sozialen Netzwerken und Online-Foren austauschen. Es geht, wie der Name „Sphäre der Männer“ schon sagt, um Männer und ihre Probleme.
Wo Tipps für Männer aufhören und wo frauenfeindliche und radikale Gesinnungen anfangen, ist oft schwer zu unterscheiden. Was die Gruppen verbindet, ist der grundlegende Gedanke, dass der Feminismus zu weit gegangen sei: Männer seien Opfer einer liberalen, feministisch geprägten Gesellschaft, die sie ihrer Rechte beraubt.
Die Szene verwendet ein eigenes, ideologisch aufgeladenes Vokabular. Incels (involuntary celibate, deutsch: „unfreiwillig sexuell enthaltsam) zum Beispiel glauben, dass Männer ein Recht auf Sex haben, das ihnen durch die Emanzipation der Frau verweigert wird. Männerrechtler wollen Frauenrechte rückgängig machen und Geschlechter-
hierarchien wiederherstellen. Pick-up-Artists verfolgen das Ziel, möglichst viele Frauen mit manipulativen Techniken zu Sex zu verführen. Und Men Going Their Own Way wollen nichts mit Frauen zu tun haben.
In der Manosphere werden krude Thesen vertreten. Eine davon ist, dass Frauen hypergam seien, das heißt besessen darauf, „nach oben“ zu heiraten. Es gibt die 80-20-Regel: Demnach seien
80 Prozent der Frauen nur an den attraktivsten und finanziell erfolgreichsten
20 Prozent der Männer interessiert, also an Männern mit einem hohen sexuellen Marktwert.
Dann gibt es noch den Trend des Looksmaxxing: Wie in einem Videospiel soll der eigene Körper ständig optimiert werden, durch Sport und Kieferübungen bis hin zum Missbrauch von Steroiden und chirurgischen Eingriffen. Wer diese Ideologie verinnerlicht hat, hat die rote Pille geschluckt.
Es ist eine Anspielung auf den Film „The Matrix“: Wer die rote Pille schluckt, erkennt die Wahrheit hinter allem. Wer die blaue Pille schluckt, bleibt weiterhin im System, der Matrix, gefangen.
Nicht selten wird dieses Vokabular zum Einfallstor für weitere Radikalisierung und Gewalttätigkeit. Vorstellungen aus der Manosphere gehen oft fließend in andere radikale Theorien wie antisemitische Verschwörungstheoreien oder Rassismus über.
Fragen zu Fitness, Karriere und Sex werden nicht mehr in der realen Welt beantwortet, sondern auf Instagram und TikTok. Dass junge Menschen das Bedürfnis haben, sich zu profilieren, sei nichts Neues, sagt Florian Pallua, Koordinator der Fachstelle Jugend beim Forum Prävention.
Früher seien Identität und Geschlechterbilder durch das unmittelbare Umfeld geformt worden: etwa durch die Familie, die Freunde oder die Schule. Heute erfolge ein großer Teil davon über Online-Plattformen. Und welche Inhalte einen von dort erreichen, steuere ein Algorithmus.
Wie schnell das gehen kann, zeigt eine Studie der Dublin City University. Mit Fake-Accounts, sogenannten Sockenpuppen, haben Forschende das Nutzverhalten von 16- und 18-jährigen Jungen auf Tik-Tok und Youtube-Shorts simuliert.
Ergebnis: Nach weniger als neun Minuten wurde den 16-Jährigen Männlichkeits-Content empfohlen, bei den 18-Jährigen dauerte es 15 Minuten. Und nach 23 Minuten erhielten alle männlich-codierten Accounts frauenfeindliche Inhalte.
Aus der Studie geht auch hervor, dass nach dem Ansehen von rund 400 Videos drei Viertel der empfohlenen Inhalte aus „toxischem“ Material bestehen würden. Die Grundbotschaft der Männlichkeits-Influencer ist dabei nicht per se falsch: „Geh hinaus, treibe Sport und mach etwas aus deinem Leben.“
Emil Kola sagt zum Beispiel in einem Video, das an seinen siebenjährigen Cousin gerichtet ist, Gaming sei „schwul“. Das gefalle den Frauen nicht. Er solle lieber seinen Körper trainieren oder
Fußball spielen. Daniel Lintner meint in einem Video „an die Jungs“, wenn sie mit einer Frau unterwegs seien, müssten immer sie am Steuer sitzen – weil sie der Mann sind und sie die Beziehung führen.
Die Videos, sagen sie, machen sie für ihr jüngeres Ich. Dieses jüngere Ich habe damals niemanden gehabt, der „authentischen Content für die Südtiroler Jugend“ veröffentlicht hat. Gleichzeitig wollen Kola und Lintner unterhalten. Ihr Programm solle nicht wie jenes in der Schule sein, sondern „als würde ein Kollege mit dir reden“. Sie sagen, das Problem sei, dass viele junge Männer orientierungslos
seien.
Hier setzt die Manosphere an, sie verspricht Ruhm, Reichtum und Erfolg bei Frauen. Die Videos der Manosphere-
Influencer sind voll mit Statussymbolen, sie zeigen ihren durchtrainierten Oberkörper, posieren mit Sportautos und schönen Frauen. Das würde bei vielen jungen Männern ziehen, sagen Emil Kola und Daniel Lintner.
Die alten Rollenbilder, was ein Mann ist und was eine Frau ist, gebe es nicht mehr, sagt Oscar Giovanelli. Der Psychologe ist Koordinator bei Young Hands, der Anlaufstelle für Suchtverhalten bei Jugendlichen. Das Patriarchat, sagt Giovanelli, habe Männern neben materiellen Vorteilen auch einen Rahmen für männliche Identität geboten.
Heute hätten Frauen mehr Handlungsfähigkeit über ihr Leben und ihren Körper, hätten eine bessere Bildung, seien wirtschaftlich unabhängiger und hätten mehr Freiheit in der Partnerwahl. Mit all dem habe sich auch verschoben, was die Gesellschaft von einem Mann erwartet. Junge Männer hätten es nicht geschafft, bei diesem Wandel mitzuziehen und würden oft diesen verlorenen Privilegien hinterhertrauern.
Dieses Gefühl von Verlust werde verstärkt durch eine schlechte wirtschaftliche Situation. Sie macht es schwerer, das Bild traditioneller Männlichkeit zu erfüllen. Das Bild ist eng an die Vorstellung gekoppelt, ein Mann müsse in der Lage sein, Haus, Auto, Hochzeit und Kinder finanzieren zu können.
Das Internet und die sozialen Medien tun ein Übriges. Dort wird den jungen Männern das Aussehen des perfekten Mannes vorgegaukelt; und auf Pornoseiten sehen sie, wie Sexualität vonstatten geht. Der Psychologe Giovanelli sagt, dass Jugendliche durch Pornografie zwar den Konsum von Sexualität lernen würden. Daraus gehe aber nicht hervor, wie man eine Partnerschaft aufbaut und lebt. Und dann sind da noch die Dating-Apps. Sie machen eine Beziehung zu etwas Kommerziellem. Die eigene Beliebtheit wird auf Kennzahlen reduziert und der Selbstwert abhängig gemacht von quantifizierbaren Merkmalen.
Manche Männer fühlen sich auf solchen Apps zum Scheitern verurteilt, vom Leben entmachtet. Da sei es oft einfacher, sagt Oscar Giovanelli, sich über einen Waschbrettbauch zu identifizieren. Seinen Körper zu optimieren. Denn in diesem Bereich bestehe größerer Handlungsspielraum.
Simple Botschaften machen die Manosphere bei jungen Männern beliebt. Sie vermitteln Handlungsfähigkeit, Stabilität, Sicherheit und Kontrolle.
Doch die Lösungen, die vorgeschlagen werden, laufen oft darauf hinaus, die Uhren zurückzudrehen, traditionelle Geschlechterrollen wieder aufleben zu lassen.
Nur ein starker Mann sei ein guter Mann. Er müsse seine Familie verteidigen und finanziell absichern können. Das ist die Botschaft des Kampfsportlers Raphael Federico. Er kommentierte damit ein Video der Rai-Rubrik „Kontrovers“ auf Instagram. Federico bekam dafür viel Zustimmung.
In einem weiteren Kommentar ergänzte er, dass der Feminismus den Männern ihren Nutzen und ihren Respekt nehme. Und sie letztlich depressiv mache. Zitat: „Wir reden ständig davon, eine Frau soll stark sein, eine Frau soll Karriere machen. Und was ist der Mann dann noch? Der Mann hat dann in der Familie so gut wie keine Funktion mehr.“ Männer würden eine Berufung brauchen. Da Frauen körperlich das schwächere Geschlecht seien, sollten Männer fähig sein, ihre Emotionen zu kontrollieren und ihre Partnerin in einer Gefahren-
situation zu beschützen: „Ein harmloser Mann ist kein guter Mann. Ein guter Mann ist ein gefährlicher Mann, der sich unter Kontrolle hat.“
Das Bild des Beschützers und die biologischen Unterschiede werden genutzt, um die Machtposition der Männer in Beziehungen zu rechtfertigen, sagt der Psychologe Giovanelli. Diese alten Beziehungs- und Rollenbilder seien aber nicht mehr realistisch.
Der Unterschied zwischen Frau und Mann sei nicht nur auf das Biologische zu reduzieren: dass die eine Kinder bekommen kann und der andere nicht. Er findet, Erwachsene sollten Jugendliche bei ihrer Identitätsfindung besser begleiten und sich mit ihren Problemen auseinandersetzen.
Einen Generationenkonflikt, sagt Giovanelli, gebe es seit jeher: Jugendliche haben immer schon das Gefühl gehabt, Erwachsene würden nichts verstehen. Nur sei es diesmal tatsächlich so: Viele Erwachsene haben schlicht keine Ahnung, was sich in den sozialen Netzwerken abspielt.
Hier würden die Jungen allein gelassen: „Es gibt kaum jemanden in der älteren Generation, der ihnen sagt, das ist richtig und das ist falsch, weil sich eh keiner auskennt mit den neuen Phänomenen.“
Florian Pallua vom Forum Prävention schlägt die Schaffung von mehr neutralen Gesprächsräumen vor: Hier sollen sich junge Menschen austauschen und mit älteren Leuten treffen können. Im richtigen Leben also und nicht in abgesonderten Online-Gruppen, in denen ein Algorithmus das Sagen hat. Davon würde die ganze Gesellschaft profitieren, sagt Pallua. Junge Männer könnten hier offen über ihre Probleme sprechen – und bräuchten sie nicht mehr in Wut und Feindbilder verpacken.
Susanna Barchetti
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