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Kultur

Südtirols spitzeste Feder

Aus ff 14 vom Donnerstag, den 05. April 2018

Skizzenbuch von Hanspeter Demetz
Karikaturen für die ff, daneben die Skizze für einen Hotelbau, so sieht das Skizzenbuch unseres Karikaturisten Hanspeter Demetz aus: „Zeichne ich für die ff, gibt es nur einen Versuch, sonst würde es ja in Arbeit ausarten.“ © Alexander Alber
 

Hanspeter Demetz zeichnet seit Anbeginn die Karikaturen für ff. Jetzt wird er 70 und hat immer noch keine festen Überzeugungen.

Zum Gespräch kommt Hanspeter Demetz (in arte HPD) mit einem seiner Skizzenbücher. In ihm finden sich die Karikaturen für die ff ebenso wie die Entwürfe für ein ­neues Hotel. Den Rest der Skizzenbücher lässt er gerade digitalisieren – um die 10.000 Seiten sind es. Am 7. April wird er 70 („Es bricht ein Datum über mich herein, mit dem ich nicht viel anfangen kann.“), von Anfang an, seit 1980, arbeitet er als Karikaturist für dieses Magazin. Deshalb werden wir im Interview auch nicht so tun, als seien wir mit ihm per Sie.
Er hat ein paar Kärtchen aus der Schulzeit mitgebracht – die Jugend hat HPD in Feldkirch verbracht, auf der „Stella Matutina“, einer Internatsschule der Jesuiten. Auf diesen Kärtchen informierte die Schulleitung die Eltern über die Erfolge des Zöglings. Auf einem steht auf der Rückseite „Guter Kamerad mit glänzender karikaturistischer Begabung“, auf der Vorderseite über die Leistungen in Mathematik „Faul; nicht genügende Leistungen“, auf einem anderen wird nüchtern festgestellt „nimmt sich Freiheiten“, auf wieder einem anderen heißt es „zeigt zu wenig Ernst“. „Meine Mutter, eine Freidenkerin“, sagt er, „hat immer gemeint: Das heißt nichts anderes, als dass du noch Reserven hast.“
Das Treffen mit ihm dauert fünf Stunden, später kommen noch der Verleger Gottfried Solderer dazu, der ihn zur ff ­brachte (siehe Seite 44), und der Anwalt Hartmann Reichhalter. Die Zahl der Gläser Wein, die wir miteinander getrunken haben, ergab am Ende die Summe acht. Nach dem Essen reibt er sich den Bauch und sagt: „Ich habe eine Lebensmittelschwangerschaft“.
Hanspeter Demetz lebt in Völs, aber meistens ist er herum.

ff: Wie war der HPD als Kind?

Hanspeter Demetz: Eher schwer erziehbar. Meine Mutter hat immer gesagt: Man kann ihm alles sagen, aber es ist ihm wurscht.

Was hast Du angestellt?
Als Kind sucht man die Grenzen, manchmal auch das, was jenseits liegt. Als ich größer war, weiß ich, hat meine Mutter oft eine Kerze angezündet, obwohl sie keine Gläubige war. Alles Mögliche habe ich angestellt, Lausbübereien bis hin zum Fahren ohne Führerschein als Minderjähriger.

Du bist ein Gasthauskind.
Ich bin in St. Ulrich zwei Meter über einer Weinpippn im „Engl“ geboren. ­Meine Mutter stammte aus der Spiel­warenindustrie, der „Sevi“, der Vater war Gastwirt. Das Gasthaus hatte 1913 mein Großvater für meine Großmutter gekauft, damit sie ihn heiratet – sie wollte Wirtin werden, er wollte nie etwas davon wissen. Jetzt ist dort schon mein ­Neffe tätig.

Als Kind hat man Dich Ende der Fünfzigerjahre bis zur Matura in eine Internatsschule in Feldkirch gesteckt. Hat man gemeint, dass Du Pfarrer wirst?
Wenn schon Papst. Es war eine ausgezeichnete Schule, solche Schulen gibt es heute nicht mehr.

Auf katholischen Schulen sind die Schüler meistens ja richtig geschurigelt worden.
Die Schule war nicht repressiv oder ­religiös durchseucht, sondern weltoffen. Ich erinnere mich an einen Vortrag von Hans Küng, den später berühmt gewordenen Theologen, der von Papst ­Johannes Paul II. mit Berufsverbot belegt wurde. Es ging um das Thema Jesus Christus, Gottes Sohn. Küng hat Thesen präsentiert, für die er hätte exkommuniziert werden können. Luis Trenker, hat er gesagt, ist auch nicht von der Marmolata gezeugt worden, er war ein Sohn der Berge, weil er für die Berge gelebt hat, Jesus war Gottes Sohn, weil er Gott sein Leben gewidmet hat. Ich hatte nicht zu leiden, ich bin meinen Lehrern und Erziehern heute noch dankbar. Im Übrigen bin ich dann Atheist geworden. Nach dem Motto des Filmregisseurs Luis ­Buñuel: Ich bin Atheist, Gott sei Dank.

Wie hast Du damals ausgeschaut?
Schlank, sportlich, fesch unter ­Umständen.

Was ist nach der Matura aus Dir ­geworden?
Ich habe auf Drängen meines Vaters in den Sommerferien nebenher die Hotelfachschule absolviert, für alle Fälle. Zunächst bin ich aber über das Zeichnen in die Sakralkunst geraten, habe für Mailänder Firmen gemäß dem Zweiten Vatikanischen Konzil Altarräume umgebaut und umgestaltet. Dann bin ich sehr früh als Planer ins Hotelgewerbe eingestiegen, dort habe ich mich einfach ausgekannt.

Was wolltest Du tun?
Irgendetwas, was nicht ortsgebunden ist und wofür ich nicht mehr als ein Blatt Papier und einen Bleistift ­brauche. Wenn ich zurückrechne, werde ich an die 150 Hotels gebaut und umgebaut haben – in Italien, Slowenien, Österreich, Deutschland, der Schweiz und auch Brasilien.

Du warst ein aufstrebender Hotelplaner, ohne das je gelernt zu haben?
Aufstrebend war ich überhaupt nie. Aber ich bin mit den Firmen, an denen ich beteiligt war, etwa für Mobiliar im öffentlichen Raum und Beleuchtung, ­arbeitsmäßig sogar bis in den arabischen Raum vorgedrungen. Meine Hauptarbeit war aber das Projektieren von Hotels. 41 Jahre ist es her, dass ich das erste Hotel gebaut habe, das heißt, ich baue eigentlich heute noch immer wieder daran.

Hotels bauen ist ja eigentlich eine humorlose Angelegenheit.
Wenn du eine Wohnanlage baust, hast du nur Feinde. Der Hotelier hingegen will nur das Beste und das schnell.

Ich wollte eigentlich nur wissen, wo Dein Humor hingegangen ist.
Den habe ich im Leben immer gut brauchen können. Ich war nie ein Kind von Traurigkeit. Der Humor war Lebens­hilfe. Ich bin ein epikureischer Stoiker.

Erklär das jemandem, der philosophisch nicht so ausgebildet ist.
Epikur wird immer fälschlicherweise als Philosoph des Genusses etikettiert, die Christen haben aus ihm einen Menschen gemacht, der das übermäßige Essen und Trinken propagiert. Aber ihm ging es um Freiheit, Freiheit von Krankheit und Sorgen, Freiheit von Hunger und Durst, von den Niederträchtigkeiten, die dir im Leben begegnen. Er war einer der ersten Vertreter des positiven Denkens, kann man sagen. Und ein Stoiker ist im Sinne Senecas ein Mensch, der mit heiterer Gelassenheit an die Dinge herangeht und nichts zu ernst nimmt. Ich nehme nichts tierisch ernst und versuche, mich als ­freier Mensch zu bewegen.

Was heißt das, frei?
Ich lasse mich nicht einengen von vor­gegebenen Meinungen oder Stress­faktoren, ich habe keinen Vorgesetzten. Ich lebe mein eigenes Leben.

Wo haben dann Dein Humor und Dein zeichnerisches Talent ihren Ausfluss gefunden?
Meine Kritzeleien mache ich, seit ich denken kann. Die Vorgaben gibt ja meistens das Leben selber. Nur werden sie nicht als Steilvorlagen erkannt, weil sie zu ernst genommen werden.

Kritzeleien?
Es sind Geistesblitze, die vom Hirn über den Arm ins Papier einschießen. Und basta. Wenn ich für die ff zeichne, gibt es immer nur einen Versuch, sonst würde es ja in Arbeit ausarten. Das Zeichnen ist eine Ausdrucksform, ich tue mich beim Zeichnen oft leichter als beim Reden.

Wie alles hast Du Dir auch das Zeichnen selber beigebracht?
Ich habe mir nichts beigebracht, sondern gemacht, was mir Spaß macht. Und mit der Zeit ist beim Zeichnen und Hotelplanen ein ­großer Rucksack an Erfahrung zusammengekommen.

Bei der ff warst Du ja schon am Anfang dabei.
Schon bei der Nullnummer. Damals war die ff eine Fernsehzeitung, politisch sehr brav. Einer der Gründer, Klaus Dubis, hat sich versprechen lassen, dass nichts Politisches draus wird. Wir haben ihm schon bald nicht mehr gefolgt und die ff neu eingekleidet. Ich habe in der Nacht das neue rote Cover entworfen, angelehnt an den Spiegel.

Bist Du ein politischer Mensch, dass Du da mitgemacht hast?
Ich nehme auch die Politik nicht ernst. Ich misstraue Politikern, die die Welt retten wollen, Gutmenschen sind mir suspekt. Es gibt viele Beispiele von ­Weltenrettern, die die Welt in den Ruin gestürzt haben.

Von uns bekommst du immer am Freitag die Themen und dann zeichnest Du?
Da bin ich meistens im Auto unterwegs. Da habe ich Zeit zum Nachdenken, und wenn ich ankomme, setze ich mich eine Stunde hin und zeichne. Das ist ein synaptischer Vorgang, da werden eine Vielzahl von Gedanken kurzgeschlossen, und vor meinem geistigen Auge entwickelt sich die Zeichnung. Manchmal schreibe ich auch eine kleine Geschichte dazu.

Was mag der HPD?
Leben. Das heißt, das Dasein in all seinen Erscheinungsformen bewusst wahrnehmen.

Was mag er nicht?
Den verordneten Stumpfsinn, Überheblichkeit, Missgunst.

Deine Lieblingsfeinde sind Beamte, Lehrer oder Patrioten.
Die einen gehören in die Kategorie ­derer, die ihre Macht ausnützen, die anderen in die Kategorie der Menschheitsretter, der Heldengedenkfeirer. Ich habe persönlich gegen niemand etwas, aber oft etwas ­gegen die Gattung.

Hat Satire Grenzen?
Ich unterscheide immer zwischen Ironie und Zynismus. Ironie ist die Waffe der Schwachen, Zynismus kommt von oben, ist die Waffe der Mächtigen.

Aber was darf Satire, siehe Mohammed-Karikaturen, siehe Charlie Hebdo?
Satire darf nach einem Gerichtsentscheid in Italien alles. Meine Grenze ist die Würde des Einzelnen, aber nicht der Menschheit als Gattung. Ein Politiker setzt sich freilich in ein Glashaus, wenn er Politiker wird, also muss er Satire aushalten. Ab und zu habe auch ich eine Anzeige bekommen, etwa wegen Schmähung der italienischen Fahne, des sogenannten „Vilipendio“, aber es ist sich am Ende immer ohne Prozess ausgegangen.

Was tust Du am liebsten?
Ich wiederhole mich: leben. So, dass ich keine großen Gewissensbisse ­haben muss. Ich nehme die Welt, wie sie ist, wir haben nur die eine, und ich versuche, mich darin wohlzufühlen, auch wenn ich sehe, wo es hinten und vorne nicht passt.

2020 werden es 40 Jahre, dass Du für die ff zeichnest. Lass raten: Du bist entweder aus Faulheit dabeigeblieben oder aus Gewohnheit?
Ich empfinde das Zeichnen für ff weder als Last noch als Verpflichtung. Es ist wie eine schlechte Gewohnheit, von der man einfach nicht lassen kann. Es ist einfach passiert.

Und ich hatte schon gehofft, es sei aus Überzeugung gewesen.
Aus Überzeugung tue ich eigentlich gar nichts. Überzeugungen können sich ­erstens ändern und sind zweitens gefährlich. 

HPDs Bücher und Schriften

Jambo lernt fliegen. Ein ff-Kinderbuch, 1983
Bombenstimmung. Eine Auswahl von Markus Vallazza und Gottfried Solderer aus zehn Jahren ff, 1990
Das Bankwesen. Cartoons mit Texten von Jul Bruno Laner, Raetia 1992
Das Ende der Zeiten/The end of times. Grotesque in einem Aufzug, Raetia 1993
Lexikon Südtirolerisch-Deutsch. 1. Auflage, Raetia 1996. Es folgen zahlreiche weitere überarbeitete Auflagen
Rezepte gegen den Wahnsinn. Mit Texten von Jul Bruno Laner (auch in italienischer Sprache), Raetia 1998
Amandas Schrank und andere Geschichten, Raetia 2003
Südtiroler Kribes-Krabes. Daten, Fakten, Unwichtiges und Skurriles, Raetia 2005
Der U(h)rknall. Vom Umgang mit der Zeit. Nina editions, 2006
Südtirolerisch gsógg. Der ultimative Sprachführer, Raetia 2017

weitere Bilder

  • Hanspeter Demetz Karikatur von Hanspeter Demetz Karikatur von Hanspeter Demetz Karikatur von Hanspeter Demetz Karikatur von Hanspeter Demetz
  • Karikatur von Hanspeter Demetz

Der zeichnende Geselle

2.000 Cartoons, 10 Bücher und ein verschmitztes Lächeln. Gottfried Solderer über den Glücksfall HPD.

Glasklare Vorstellungen über Inhalt und Aussehen der ff hatten wir Blattmacher der ersten Stunde nicht. Wohl aber die Gewissheit, dass eine Portion Satire dem erst noch zu erobernden Leserpublikum nicht schaden würde. Dem Südtiroler, kein Spaßvogel von Haus aus und vor allem nicht, wenn es ums Eingemachte geht, ein bisschen Selbstironie beizubringen, das gehörte zur Grund­idee der ursprünglich noch braven und winzigen ff-Mann-/Frauenschaft.
So machten wir uns auf die Suche nach der geeigneten Person und fanden sie, ein Glücksfall, wie sich herausstellen sollte, in Hanspeter Demetz. Der spitzte seinen Bleistift auch zu einem Zeitpunkt schon gegen die Verursacher und Verwalter von Muff und Sumpf in diesem Lande, als die ff-Redaktion noch Artiges und Braves schrieb. Den Freiraum, den man Künstlern und fahrenden Gesellen auch in Ländern mit mittelmäßiger Demokratie einzuräumen pflegt, nützte Hapede, wie er von seinen Fans liebevoll genannt wird, für seinen hintergründigen Humor.
Selbst kein Ritter von trauriger Gestalt und ständig unterwegs, wo es was zu erlernen und erleben gilt, schöpft Hapede seither aus dem Vollen. Nur äußerst selten unterbrochen von einem Kreuzworträtsel, was vor allem jene immer wieder erstaunt, die Hapede von einer anderen Seite kennengelernt haben. Aber die wissen vielleicht von seinem Grundsatz nichts: „Pünktlich“, entschuldigt sich der Schalk in solchen Fällen, „heißt auch, keine Minute zu früh.“ Und so geschah es einmal zu Weihnachten, dass unser Karikaturist nirgendwo aufzufinden war. Die Druckmaschine stand still und wir wussten, jede Stunde Stillstand kostet ordentlich Pönale. Im letzten Augenblick kam mir die rettende Idee. Hapede ­hatte für die Unterlandler Weinkost auf der Grundlage der Wattkarten einen Weinkalender erstellt. Ich fuhr mit diesem in die Druckerei, nahm den Herzkönig mit seinem Glasl und schrieb darunter schlicht und einfach: „Ein fröhliches Weinachtl wünscht HPD“. Seither macht auch dieser Spruch ­unter Freunden die Runde. Heutzutage hat es Hapede einfacher. Von seinem Laptop oder Handy aus schickt er die Cartoons pünktlich sogar aus Sibirien, und wenn seine Seite hie und da noch einmal als letzte in die Redaktion flattert, so wird sie doch zumeist als erste gelesen.
Inhaltlichen Widerstand verträgt der Freigeist freilich nicht. Als er einmal in einer Karikatur dem Ötzi sein offensichtlich nicht mehr vorhandenes Pimperle verpasste, wurde dieses auf Verlangen meines Nachfolgers wegretuschiert. Wutentbrannt rief mich Hans­peter um 2 Uhr in der Nacht an, ich solle sofort in sein Studio kommen. Als ich unter den Bozner Lauben ankam, hatte er schon ein Kündigungsschreiben aufgesetzt, das ich ihm zum Glück für alle Freigeister und für uns wieder ausreden konnte. Ein bisschen gestört hat ihn auch einmal, dass die Südtirolreferentin bei der Tiroler Landesregierung, Frau Hofrat Viktoria Stadlmayer, das ff-Abo kündigte, als er anlässlich der damaligen Südtirolattentate einem Bildstock statt des Gekreuzig­ten eine Bombe verpasste. Sie war Freigeist genug, das Abo wieder zu erneuern.

Gottfried Solderer

Gottfried Solderer war Chefredakteur der ff von 1980 bis 1990 und verlegt heute Hanspeter Demetz beim Raetia-Verlag.

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