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Kultur

Fenster zur Kunstwelt

Aus ff 47 vom Donnerstag, den 21. November 2019

Kathrin Oberrauch im Park von Schloss Gandegg
Eingetaucht in Kunst: Kathrin Oberrauch in der „Mini Capsule“ des Ateliers Van Lieshout im Park von Schloss Gandegg, St. Michael/Eppan. © Alexander Alber
 

Kathrin Oberrauch betreut eine der größten privaten Kunstsammlungen des Landes. Die ihres Vaters und Finstral-Gründers Hans Oberrauch. Porträt einer Kosmopolitin.

Kathrin Oberrauch hält einen riesigen Schlüssel in einer Hand. In der anderen führt sie einen nicht minder riesigen Hund am Halsband. Ihn bringt sie außer Reichweite ihrer Gäste. Dann kehrt sie zurück und sperrt mit dem Märchenbuch-Schlüssel tatsächlich auch eine schwere Holztür auf. Es ist die Eingangstür eines Schlosses. Im Innenhof sticht ein modern anmutendes, beiges Sofa ins Auge. Ein erratisches Kunstwerk ganz aus Travertin, porösem, hier aber geschliffenem Kalkstein. Aus einem Raum nebenan dringen sanfte Töne, wie von einem Windspiel generiert. Erst von nahe erkennt man Porzellanschüsseln unterschiedlicher Größe, die in einem großen Wasserbecken schaukeln und – angetrieben von der Strömung einlaufenden Wassers – in unregelmäßigen Zeitabständen immer wieder aufeinanderstoßen.

Willkommen auf Schloss Gandegg in St. Michael/Eppan. Es ist der Wohnsitz der Familie Hans Oberrauch, der Finstral-Oberrauchs, wie die Südtiroler gerne sagen, wenn sie die großen Unternehmerdynastien gleichen Namens im Lande auseinanderhalten wollen.

Kathrin Oberrauch ist eine der drei Töchter von Hans Oberrauch, Gründer und Verwaltungsratschef des Fenster- und Türenherstellers Finstral. Wenn es heißt, dass das Elternhaus prägend für junge Menschen ist, dann gilt das für die junge Oberrauch-Generation ganz besonders. Kathrin Oberrauchs älterer Bruder und ältere Schwester arbeiten in leitenden Positionen im Unternehmen, seit geraumer Zeit hat auch Kathrin und ihre jüngere Schwester (Sarah, sie lebt in Berlin) beruflich mit dem Familienunternehmen zu tun. Beide sind nämlich Kuratorinnen. Als solche betreuen beide nebenher sowohl die Kunstsammlung des internationalen Familienunternehmens als auch die Privatsammlung des Vaters. Hans Oberrauch ist nämlich einer der bedeutendsten Kunstsammler im Lande (auch wenn der Unternehmer diese Bezeichnung bekanntermaßen ganz und gar nicht mag, weil sie ihm zu nahe an Wertvermehrung und Spekulation zu liegen scheint).

Und so kommt es nicht von ungefähr, dass Kathrin Oberrauch ihre Gäste engagiert und auskunftsfreudig durch die Ausstellung im Schloss führt. Eine Ausstellung, die sie anlässlich des heurigen 50-jährigen Firmenjubiläums mitkuratiert hat. Wer jedoch glaubt, dass sich die mittlere der Oberrauch-Töchter gewissermaßen ins gemachte Nest gesetzt hat, muss sich eines Besseren belehren lassen. Kathrin Oberrauch arbeitete bereits zuvor als Kuratorin und hat fernab heimatlicher Gefilde auch schon über mehrere Jahre eine Galerie geleitet – in Tel Aviv, Israel.

Also zurück auf Start: Die Kunst wurde Kathrin, heute 38, gewissermaßen in die Wiege gelegt. „Meine erste Begegnung mit der Kunst war nicht in einem Museum, bei einer Ausstellung oder über eine Zeitschrift – sie fand im Wohnzimmer statt, mit den Bildern, die mein Vater erworben hat. Selbst in seinem Betrieb wollte er immer von Kunst umgeben sein“, sagt sie. Und fügt hinzu, dass sie sehr früh gewusst hätte, dass sie etwas mit Grafik und Kunst zu tun haben wollte.

Kathrin Oberrauch wuchs am Ritten auf, ehe sie im Grundschulalter mit ihrer Familie nach Eppan zog, wo der Vater Schloss Gandegg erworben hatte. Zwar hatte sie am Ritten durch die Nähe zum Wald und die Naturverbundenheit ihrer Mutter eine große Freiheit erlebt, wie sie es nennt, doch in ein großes Dorf eingebettet zu sein und die vibrierende Nähe zur Stadt fand Kathrin Oberrauch spannender. „Als Jugendliche hatte ich dadurch eine größere Bewegungsfreiheit“, sagt sie. Nach der Oberschule in Brixen mit Grafikschwerpunkt absolvierte sie die Hochschule für Gestaltung, Kunst und Medien in Stuttgart, besser bekannt als Merz-Akademie.

In der Folge arbeitete Kathrin Oberrauch für verschiedene Kunstinstitu-tionen wie die Biennalen von Venedig und Istanbul, die Forum Factory in Berlin oder ArtBus in New York. Oder für Kunstgalerien wie die Galleria Con-tinua in San Gimignano, wo sie auch drei Jahre lebte. Dort hatte es ihr vor allem das Projekt „Arte e paesaggio“ angetan, sprich das Konzept, Künstler einzuladen, um sie vor Ort arbeiten zu lassen.

Dann der Wunsch, noch einen Master im Studiengang „Raumstrategien“ an der Kunsthochschule Weißensee in Berlin anzuhängen. Ihre Abschlussarbeit führte sie nach Singapur zum Kunstschaffen von Charles Lim, der sich mit Video, Installation, Sound, Text, Zeichnung und Fotografie einen Namen als Medienkünstler gemacht hat.

Dieser arbeitete zu dieser Zeit unter dem Titel Sea State an einer Reihe von Werken, die die politischen, physischen und psychischen Konturen des Stadtstaates Singapur durch die Optik des Meeres betrachten. „Der künstlerische Perspektivenwechsel zwischen Architektur, Land und Meer hat mich sehr interessiert“, bringt es Kathrin Oberrauch auf den Punkt. Sea State wurde im Singapur-Pavillon der 56. Biennale von Venedig (2015) gezeigt; auch Oberrauch wirkte als nunmehr ausgewiesene Lim-Expertin (für sich selbst würde sie das wohl anders formulieren) an der Ausstellung im Pavillon mit. Auch in Schloss Gandegg findet sich eine Video-Arbeit Lims. Just als wir davor stehen, fällt ein unerwarteter Satz: „In Singapur habe ich auch meinen Ehemann kennengelernt“, sagt sie.

Kathrin Oberrauch ist eine sehr freundliche, offene Frau, die jedoch zurückhaltend erscheint, wenn sie von sich selbst erzählen soll. Also haben wir nachzuhaken. Wir erfahren, dass sie mit einem Israeli verheiratet ist und bereits drei Jahre in Tel Aviv gelebt hat. Dort hat sie auch eine von der Stadt unterstützte Galerie direkt am Strand geleitet. „Eine spannende Zeit“, wie sie im Rückblick meint. Doch Ausstellungen mit internationaler Kunst zu kuratieren, entpuppte sich zusehends als mühsam: der bürokratische Aufwand, der Zoll, die organisatorischen Schwierigkeiten in einem doch sehr speziellen Land außerhalb der EU. Also entschied sich Oberrauch und ihr Gatte, ein Software-Entwickler, nach Europa zu kommen. Und – warum nicht? – in Südtirol die Zelte aufzuschlagen.

2014 ist Sarah zurück im Lande und baut mit ihrer Schwester Sarah das Projekt der Künstlerresidenz „Eau & Gaz“ in Eppan auf. Dabei handelt es sich um ein Haus mitten in der Fraktion St. Michael, das einer Handvoll Kunstschaffender als Werkstatt und Wohnraum zur Verfügung steht. Vier bis acht Künstlerinnen von auswärts kommen so im Zweijahresrhythmus für begrenzte Zeit zusammen.

Der Preis: Für ihren Aufenthalt ist der Residenz das vor Ort entstandene Kunstwerk zu überlassen. „Die Residency schafft nicht nur einen intensiven Austausch, sondern es entsteht auch ein Netzwerk“, sagt Oberrauch. Mittlerweile hat sich das Projekt nicht nur in Eppan zu einer anerkannten (und geförderten) Institution gemausert. Kathrin sieht sich dabei mehr als Impulsgeberin, während Schwester Sarah die Praktikerin der beiden ist.

Ach ja: Und wie würde sich Kathrin Oberrauch selber beschreiben? „Man muss nicht immer in Kategorien denken und Schubladen bemühen. Oder?“, stellt sie eine rhetorische Frage und lacht.

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  • Die Kuratorin und die Kunstwerke

Kathrin Oberrauch: Jahrgang 1981, Kunstkuratorin, ist am Ritten und in Eppan aufgewachsen. Die Absolventin der ­Hochschule für Gestaltung, Kunst und Medien in Stuttgart, hat im In- und Ausland Ausstellungen kuratiert und in Tel Aviv (Israel) eine Kunstgalerie geleitet. Vor einigen Jahren ist sie mit ihrem israelischen Mann nach Südtirol zurück­gekehrt. In Eppan hat sie zusammen mit ihrer Schwester Sarah das Artist-in­residence-Projekt „Eau & Gaz“ aufgebaut, das Künstler aus dem Ausland (und der Region) zum Kunstschaffen vor Ort einlädt. Nebenbei betreut Kathrin die Kunstsammlung Finstral sowie die Privat­sammlung ihres Vaters Hans Oberrauch.

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