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Kultur

Segeln auf Sicht

Aus ff 12 vom Donnerstag, den 19. März 2020

Klaus Gasperi
Klaus Gasperi hat das Stadttheater Bruneck gegründet: „Jetzt endet meine letzte Spielzeit vorzeitig.“ © Alexander Alber
 

Kinos, Theater, Museen, geschlossen. Das halten wir aus, sagen die Veranstalter. Für einen Monat. Was, wenn es länger dauert?

Klaus Gasperi

Leiter des Stadttheaters Bruneck (das er mit der kommenden Spielzeit an seinen Sohn Jan Gasperi und an die Schauspielerin Christine Lasta übergibt).

Ich bin daheim, komme endlich dazu, die Wohnung aufzuräumen. Ich halte mich im Moment gut, auch wenn ich wahrscheinlich mit meiner Krebserkrankung ein Risikopatient bin. Es bleibt mir nichts anderes übrig und es ist richtig so.

Für das Theater ist die Schließung ein großes Problem. Auf dem Spielplan standen noch zwei Premieren, Koproduktionen, für die die Vorbereitungen schon länger laufen. „Das Versprechen“ von Dürrenmatt hätte am 15. Mai bei uns Premiere gehabt und ist im „Theater zum Fürchten“ in Wien schon 30 Mal mit Erfolg gelaufen. Wir haben die Premiere verschoben. Jetzt versuchen wir den Schaden zu begrenzen, indem wir schauen, ob die Schauspieler im Herbst verfügbar sind – es gab keine Chance, es noch im Frühjahr zu machen. Wir haben in diese Produktion mit sieben Profischauspielern schon viel Geld investiert.

Die andere Produktion, „Gift“ von Lot Vekemans, das wir mit „Theaterkahn/Dresdner Brettl“ produziert haben, hätte im April nach Bruneck kommen sollen – im Herbst haben wir in Bruneck die Proben gehabt und hier auch das Bühnenbild gebaut. Das Geld dafür ist schon ausgegeben und jetzt können wir nicht spielen, ich weiß ja nicht einmal, ob es möglich wäre, das Bühnenbild von Dresden nach Bruneck zu bringen. Beim „Versprechen“ sind es 30.000, bei „Gift“ 15.000 Euro, die wir schon ausgegeben haben. Das ist happig für uns.

Sollte es zu einem Totalausfall kommen, hoffen wir, dass wir die Kosten wenigstens beim Land abrechnen können – wir haben das Geld ja schon ausgegeben. Sollten wir auf den Schulden sitzenbleiben, weil beide Produktionen ausfallen, steht die nächste Saison wirtschaftlich auf der Kippe. Gastspiele hingegen sind kein Problem, man kann sie verschieben, dadurch entstehen keine Kosten. Aber für die Eigenproduktionen ist das Geld schon weg – und wir können nicht spielen. Allein für „Das Versprechen“ hatten wir 12 Schüleraufführungen eingeplant, es stand zwei Wochen lang auf dem Spielplan.

Ich bin grad an ein paar Bühnenbildern dran, für Wien und Landshut, ich muss halt schauen, wie ich sie per Telearbeit hinkriege. Meine letzte Spielzeit, so schaut’s aus, ist jetzt frühzeitig zu Ende.

Peter Silbernagel

Direktor des Südtiroler Kulturinstitutes

Am Vormittag (Donnerstag, 12.3.) war ich noch im Büro, als Letzter. Wir haben zu, vorerst bis 25. März, die Mitarbeiter arbeiten zuhause. Es geht auch niemand mehr ans Telefon. Wir sind so organisiert, dass jeder Mitarbeiter von außen Zugriff auf das System hat, also von daheim aus arbeiten kann.

Das Programm, die Theater-Gastspiele, haben wir bis Mitte April abgesagt. Die letzten Gastspiele sind für Anfang Mai geplant, aber ich gehe davon aus, dass die Saison gelaufen ist. Wir planen für den Herbst, erledigen die Buchhaltung, bereiten die Mitgliederversammlung vor – in der kleinen Hoffnung, dass sie stattfinden kann – oder bauen überhängenden Urlaub ab.

Das Thalia-Theater aus Hamburg hat das Gastspiel bei uns schon abgesagt, als es in Deutschland noch keinen einzigen Coronafall gab. Die Begründung war: Wir können es uns nicht leisten, dass sich jemand ansteckt, sonst können wir das Theater zusperren, das wäre eine finanzielle Katastrophe. Jetzt hat das Thalia bis 30. April den Betrieb eingestellt. Die Theater sind in Italien zu, in Österreich und in Deutschland auch.

Ein Sonderfall ist die Absage der Leipziger Buchmesse, die Fahrt dorthin ist eine Aktion der „Sprachstelle“ im Kulturinstitut, organisiert von einem Reisebüro. Da geht es jetzt darum, ob Reiserücktrittversicherungen greifen und ob die Leute ihr Geld zurückbekommen.

Was die finanziellen Verluste angeht, sind wir eher in einer glücklichen Lage. Wenn Gastspiele ausfallen, haben wir keine Einnahmen, aber auch keine Ausgaben. Wenn Vorstellungen aufgrund von höherer Gewalt ausfallen, zahlt jeder die Kosten, die bis dahin aufgelaufen sind. Das ist anders als bei einem produzierenden Betrieb, der Regisseure, Schauspieler und Techniker bezahlen muss und die Inszenierung nicht auf die Bühne bringen kann.

Für die nächste Spielzeit sind die Verträge schon großteils unterzeichnet. Jeder geht davon aus, dass sich die Lage bessert. Aber wissen wir es?

Walter Zambaldi

Leiter des Teatro Stabile Bozen

Wir arbeiten, mehr als vorher. Weil wir uns einerseits neu aufstellen müssen, andererseits schon die kommende Spielzeit planen. Wir wollen die abgesetzten Vorstellungen nachholen und vorbereitet sein, wenn wir wieder spielen dürfen. Wir sind vorsichtig, aber wir wollen mit kühlem Kopf vorgehen.

Wir haben an die 30 Vorstellungen abgesetzt, im Haus am Verdiplatz und national – mit zwei unserer Produktionen waren wir gerade auf Tournee durch Italien. Wir erheben gerade, wie hoch der wirtschaftliche Schaden ist – er wird nicht zu vermeiden sein, aber er wird uns nicht umhauen, unsere Struktur hält. Und wenn wir weniger spielen, haben wir auch weniger Kosten. Wir haben an die 116.000 Zuschauer im Jahr, also lässt sich ungefähr errechnen, wie viele uns fehlen werden: Circa 24.000, wenn die Theater im März und auch im April geschlossen bleiben – wir segeln alle auf Sicht.

Für die Schauspieler, die zeitlich befristete Verträge haben, bedeutet die Schließung, dass sie ohne Arbeit dastehen. In unserem Fall sind es um die 50: Laut Kollektivvertrag kann bei höherer Gewalt das Ensemble für die jeweilige Produktion aufgelöst werden.

Ein bisschen werden wir versuchen, den Stillstand im Netz aufzufangen, mit Information zu den Stücken, Texten, Podcasts. Theater im Streaming? Schrecklich. Theater ohne Besucher funktioniert nicht. Aber vielleicht werden hinterher die Leute zu schätzen wissen, was sie an der Kultur haben.

Raimund Obkircher

Programmleiter Filmclub Bozen

Ich bin heute (Donnerstag, 12.3.) noch schnell ins Büro, um die Arbeit dann von daheim aus erledigen zu können. Es ist antrisch in der Stadt, wie in einem schlechten Katastrophenfilm – so fangen diese Filme meistens an. Man sieht, wie jeder überlegt: Bin ich weit genug vom anderen weg?

Wir müssen jetzt bis zum
3. April geschlossen halten, wie alle Kultureinrichtungen. Was bedeutet das finanziell? Oswald Lang, unser Geschäftsführer, hat schon eine grobe Rechnung angestellt und dabei die Besucherzahlen von März 2019 als Vergleich hergenommen: circa 10.000 Besucher weniger, das macht bei einem Durchschnittspreis von 6,50 Euro 65.000 Euro. Die Hälfte davon bekommt der Verleih, das heißt, uns fehlen gut 30.000 Euro im Monat. Einen Monat werden wir überleben, aber was dann? Denn vermutlich ist die Sache mit 3. April nicht erledigt.

Vor dem Dekret der Regierung, alle Kinos zu schließen, haben wir es 3 Tage mit Abstandsregelungen versucht – wir haben nur jeden zweiten Platz besetzt. Es waren auch nie mehr als 50 Leute da im großen Saal mit 200 Plätzen. Aber die Regelung war ständig mit Stress und Diskussionen verbunden: Was ist ein Meter, was tun, wenn die Leute sich nicht daran halten? Lieber ist es mir so, wie es jetzt ist: eindeutig.

Eines ist klar: Das, was wir jetzt verlieren, werden wir hinterher nicht ausgleichen können – die Leute werden nicht 5 Mal öfter ins Kino gehen.

Eine wichtige Frage, die sich für uns stellt, ist: Was ist mit dem Filmfestival, das vom 21. bis 26. April geplant ist und für das das Team schon lange arbeitet? Findet es statt? Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Termin im April zu halten ist.

Valeria Told

Generalsekretärin der Haydn-Stiftung

ff: Wo sind Sie, Frau Told?

Valeria Told: Ich bin daheim. Schön, dass Sie anrufen. Jede soziale Inter­aktion ist in dieser Lage willkommen. Ich habe schon am Dienstag
(10. März. Anm. der Red.) verfügt, dass, wenn irgendwie möglich, alle Mitarbeiter zuhause bleiben.

Die Musik spielt auch nicht mehr?

Wir habe gut 35 Veranstaltungen abgesagt, auch das Konzert vom 31. März, das wir im im Radio übertragen wollten. Die Opernsaison, „Toteis“ oder „Curon/Graun“, ist aprupt zu Ende gegangen. Das künstlerische Personal ist vom Dienst abgemeldet, die Mitarbeiter von Technik und Verwaltung sind entweder im Urlaub oder arbeiten von daheim aus. Wir haben unser System schon vor Jahren so eingerichtet, dass wir von überall darauf zugreifen können.

Was heißt das konkret für die Leute?

Wir schichten Urlaub um, verrechnen Überstundenzahlungen gegen freie Tage. Wir prüfen auch schon, was eine Lohnausgleichskasse für unsere Mitarbeiter bedeuten würde – wir stehen ja bis 4. April still. Lohnausgleichskasse würde eine Gehaltszahlung von 900, 1.000 Euro im Monat bedeuten und alle 65 Mitarbeiter betreffen. Wir können nicht spielen, die nächste Saison ist auch irgendwann vorbereitet – wir haben dann nichts mehr zu tun.

Haben Sie gerechnet, wie viel Geld die Stiftung verliert?

Mindereinnahmen und Kosteneinsparungen halten sich die Waage.
Wir werden pro Monat sicher 5.000 bis 6.000 Besucher weniger haben. Aber ein heikler Punkt sind die ­Verträge mit den Sponsoren.

Heikler Punkt?

Wir sorgen uns um die mittel- und längerfristige Zusammenarbeit mit den Sponsoren. Denn eines ist der kurzfristige Ausfall eines Konzerts, etwas anderes sind Einbrüche in der Wirtschaft. Das wird uns, wie seinerzeit die Finanzkrise, noch ein paar Jahre begleiten. Wir brauchen das Geld der Privaten, um die Qualität anbieten zu können, die wir haben wollen. Auch ist das nationale Fördersystem zunehmend darauf aufgebaut, dass wir private Förder­gelder einwerben. Mein Appell an die Politik ist: Bauen wir den Kulturbonus für Schüler noch weiter aus, schaffen wir noch mehr steuerliche Vorteile für Unternehmen, die Kunst und Kultur unterstützen.

Und was machen Sie?

Ich arbeite für das Übermorgen, mein Job ist es sowieso, zwei, drei Jahre voraus zu planen. Ich hoffe, dass die Leute wieder das Vertrauen finden und zu uns kommen, wenn Italien nicht mehr Sperrzone ist.

Wie lenken Sie sich ab?

Durch Yoga und Meditation. Es hilft, ein paar Stunden am Tag offline zu sein.

Das Interview fand am Donnerstag vergangener Woche statt, inzwischen sind das Orchester und Valeria Told in Quarantäne. Ein Mitglied des Orchesters wurde positiv auf das Virus getestet. Am 4. März hatte es in Tione (Trentino) noch ein Konzert gegeben.

Rainer Schölzhorn

Inhaber der Buchhandlung Alte Mühle in Meran

Sie erwischen mich gerade beim Ausliefern von Büchern, ich spiele den Fahrradkurier. Wir haben geschlossen, aber dürfen Kunden, die auf unserer Homepage bestellen, per Fahrradkurier oder Frächter beliefern. Finanziell ist die Schließung, die für uns vorerst bis zum 25. März dauert, eine Herausforderung – der Buchhandel steht ja eh schon unter Druck. Wir haben schon in den Tagen zuvor gemerkt, dass der Umsatz sinkt – um circa 30 Prozent – Touristen sind ja auch keine mehr in der Stadt und die Leute von auswärts sind schnell wieder heim.

Wir können Mitarbeiter und Spesen nur zahlen, wenn wir verkaufen, wir bekommen ja keine öffentlichen Beiträge. Wie eng es wird, hängt davon ab, wie lange wir geschlossen halten müssen. Sollte uns das Geschäft zu Ostern wegbrechen, wo nach Weihnachten die größte Bewegung im Laden ist, könnten wir wirklich in Liquiditätsschwierigkeiten kommen – die Ware ist ja schon eingekauft und liegt im Laden.

Ich hoffe, dass es im Notfall Überbrückungshilfen gibt.

Hertha Torggler

Präsidentin von Kunst Meran

Leider bin ich noch nicht smart, also muss ich mich erst organisieren, damit ich von zuhause aus arbeiten kann, ich muss zum Arbeiten ja das Dorf wechseln. Jetzt kann ich die Sachen erledigen, die man sonst wegschiebt.

Dass jetzt alles zu ist, ist furchtbar, auch wenn man an die Allgemeinheit denken, sich und die anderen schützen muss. Aber es ist alles tot. Und virtuell sind wir noch nicht so weit, dass wir die Ausstellung, die wir gerade eröffnet haben (sie geht eigentlich bis Juni) und nur ein paar Tage offen war (ff 11/20), im Netz zeigen oder ein Video dazu produzieren könnten. Die Kuratorin der Ausstellung sitzt in Zürich und wer kommt mir jetzt ins Haus, um ein Video zu produzieren oder ein Gespräch aufzunehmen? Die Situation hat uns überfallen. Die Kunstwerke hängen allein im Haus, auch wenn wir manchmal kontrollieren, ob alles in Ordnung ist. Es ist eine große Umstellung und nicht immer kann man alles „smart“ erledigen, es genügt nicht immer, nur mit den Leuten zu telefonieren.

Ich frage mich, was passiert in den nächsten Monaten, wann kommen die Touristen wieder, die auch zu uns ins Haus kommen? In Österreich und Deutschland ist der Höhepunkt an Ansteckungen ja noch nicht lange erreicht, die Gäste könnten also länger ausbleiben.

Notiert von Georg Mair

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