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Leben

Die Zurückhaltende

Aus ff 11 vom Donnerstag, den 12. März 2020

Anneliese Kompatscher
Anneliese Kompatscher, 1953 in Völs am Schlern geboren, arbeitet hauptsächlich als ­freiberufliche Fotografin. © Privat
 

Anneliese Kompatscher wurde als Kochbuchautorin bekannt. Das verdankt sich einer „Notlösung“, wie sie sagt. Denn eigentlich ist die gebürtige Völserin Fotografin.

Anneliese Kompatscher spricht den Südtiroler Dialekt so, als ob sie nie weg gewesen wäre. Dabei ist die gebürtige Völserin schon vor über 40 Jahren ausgewandert. Dorthin, wo man ebenso einen markanten Dialekt spricht – nach Bayern. „Ich hatte und habe beruflich immer wieder mal in Südtirol zu tun, und seit meine Tochter hier lebt und selbst Mutter geworden ist, komme ich öfter hierher. Nein, den Südtiroler Dialekt verlernt man nicht so schnell“, sagt Kompatscher und lächelt.

Wir treffen die 67-Jährige im Bozner Café Laurin auf der Durchreise in ihre Wahlheimat. Nur zögerlich hat sie die Einladung dieses Magazins zu einem Porträt-Termin angenommen. Sie habe nichts Spannendes oder gar Spektakuläres aus ihrem Leben zu berichten, hatte sie vorab am Telefon erklärt.

Mit Anneliese Kompatscher begegnen wir einer zierlichen, freundlichen Frau. „Ich bin eher ein scheues Wesen“, sagt sie zur Begrüßung. Dabei ist Kompatscher hierzulande alles andere als unbekannt, denn sie hat unter anderem einen der allerersten Südtiroler Bestseller geschrieben – ein Kochbuch. Sein Titel: „Die Küche in Südtirol. Ein Bildkochbuch“, erschienen im Jahr 1984. Ein früher lokaler Klassiker, zu einer Zeit, als Kochbücher als Lehrmaterial für Knödel­akademien herhielten und noch keine Lifestyle-Bücher waren. Zusammen mit weiteren Kochbüchern wie dem „Südtiroler Backbuch“ hat Kompatscher samt den ins Italienische übersetzten Titeln seitdem rund 500.000 Bücher allein im Athesiaverlag verkauft. 2017 hat sie ihren Klassiker überarbeitet und neu aufgelegt.

„Dass ich als Kochbuchautorin gelte, ist einer Notlösung zu verdanken, denn eigentlich bin ich von Beruf Fotografin“, sagt Kompatscher. Notlösung?, fragen wir ungläubig nach. Anneliese Kompatscher hat die jüngste Neuauflage ihres Erfolgsbuches zum Termin mitgebracht. „Schauen Sie sich die Fotografie darin an“, sagt sie und lächelt ein wissendes Lächeln. Tatsächlich sind es die Fotografien im Buch, die durch Niveau und Atmosphäre bestechen.

Die „Notlösung“ hängt eng mit der Biographie Kompatschers zusammen. Als Tochter der alteingesessenen Gastwirtsfamilie des Hotels „Heubad“ in Völs zusammen mit vier weiteren Geschwistern aufgewachsen, wollte sie nach der Zisterzienserinnen-Internatsschule Mariengarten in Bozen das Gymnasium besuchen. Weil das die Eltern ablehnten, nahm Kompatscher mit der Kindergärtnerinnenschule vorlieb – ein Kompromiss, mit dem auch die gestrenge Mutter einverstanden war. Doch es war die berufliche Empfehlung einer Ordensschwester in der Mittelschule, die sich tief in Annelies Kompatscher eingegraben hatte: „Willst nicht Fotografin werden?“, hatte jene sie damals gefragt. Die junge Völserin wollte, auch nach ihrer Ausbildung zur Kindergärtnerin – ein Beruf, den sie im Übrigen nie ausübte. Es folgten einige Zwischenstationen, so etwa im Fotolabor der Durst oder in einer Gärtnerei. Nachdem ihr zwei Fotografen im Lande beschieden hatten, dass eine Lehre für eine Frau bei ihnen nicht infrage käme (O-Ton: „Nicht ideal für eine Frau, man muss viel schleppen“), packte sie alsbald ihre Koffer und machte sich 1977 mit 24 Jahren alleine nach München auf.

„Ich wusste, ich muss hier weg, wenn ich meinem Ziel als Fotografin näher kommen wollte“, erinnert sich Kompatscher an ihren damaligen Aufbruch. Ihr Plan, sich zwischenzeitlich vor Ort mit Gelegenheitsjobs über Wasser zu halten, bis sich eine Ausbildungsstelle zur Fotografin gefunden hat, ging relativ schnell auf. Es war ein Münchner Food-Fotograf, der sie schließlich zur Fotografin ausbildete.

„Ich wollte das Gelernte umsetzen und kam auf die Idee, ein Bildkochbuch zu machen – aber mit Südtiroler Rezepten, weil die in Bayern keine richtigen Knödel machen können“, meint Kompatscher halb im Ernst, halb im Spaß. Weil sich für ihr Projekt kein Textautor fand, kam es zur besagten „Notlösung“: Sie begann selbst zu schreiben, recherchierte, suchte nach bewährten Rezepten und probierte sie immer wieder aus. „Meiner Mutter, einer gelernten Köchin, habe ich zum Beispiel Löcher in den Bauch gefragt“, erzählt sie. Es war wohl der unerwartete Erfolg ihres Bildkochbuches, der in der Folge auch hierzulande einen ersten Kochbuch-Trend auslöste. Die Publikation führte auch dazu, dass Kompatscher selbst zur Hobbyköchin wurde – und finanziell unabhängig auch von ihrem späteren Mann, einem Rheinländer.

Doch es gab auch eine Schattenseite des Erfolgs: Kompatscher wurde als Fotografin zunächst nur mehr für Kochbuch-Projekte gesucht. Aus der Sackgasse führte sie die Geburt ihrer zwei Töchter.Weil sie mit ihren Kindern viel Zeit im eigenen Garten zubrachte, wandte sie sich der Kinder- und Gartenfotografie zu, besuchte europaweit zahlreiche Gärten und realisierte Mitte der Neunzigerjahre neben etlichen Fotobeiträgen in diversen Zeitschriften alsbald ihre ersten Gartenbücher. So etwa jenes über Bauerngärten. Die Natur lehrt Kompatscher bis heute das Schauen und Sehen. Auf ihrer Hompage bekennt sie: „Die wichtigste und inspirierendste Quelle für meine Arbeit als Fotografin ist die Natur. Sie begeistert mich täglich, öffnet mir die Augen für das wunderbar Schlichte in der Schönheit, schärft meine Sinne für das Wesentliche.“ Als sie 2008 für eine Innenarchitektin anfängt, Hotels zu fotografieren, erschließt sich Kompatscher abermals ein neues Fotografiefeld: Die (Hotel-)Architektur- und Interieur-Fotografie. „Diese hat mich so sehr begeistert, dass ich mich darin weitergebildet habe und nach und nach immer mehr Kunden gewinnen konnte“, sagt sie. Akquise betreibt Kompatscher keine, vertraut darauf, dass Menschen oder Betriebe, zu denen ihr Bildstil passt, sie im weltweiten Netz „finden“. Bisher scheint ihr dies gelungen zu sein.

„Ich bin eine Arbeiterbiene“, sagt sie. Sie sei begeisterungsfähig, detailversessen, und perfektionistisch veranlagt, sagt sie von sich selber. Bei ihrer Arbeit versuche sie durch das Umkreisen von Räumen, Pflanzen, Menschen mit der Kamera zum Wesentlichen vorzudringen und dieses festzuhalten. „Dies ist manchmal ein mühevoller Prozess, aber auch sehr erfüllend. Wenn ich mit meinen Bildern Freude schenken kann, hat meine Arbeit Ihren Zweck erfüllt“, so Kompatscher.Dass sie es gewohnt ist, auch unabhängig zu sein und meist gegen den Strom schwimmt, zeigt ihre Biografie. Heute lebt Anneliese Kompatscher als Single in Glonn in Oberbayern, einem kleinen Dorf nahe München – nachdem ihre Töchter flügge geworden sind und sie sich von ihrem Mann getrennt hat. „Mir fehlt es an nichts, ich lebe gerne allein, zumal in wunderschöner Natur rundherum“, sagt sie. Als Fotografin wünscht sie sich, Menschen emotional zu berühren.

Im Café Laurin nippt sie an ihrem – mittlerweile kalt gewordenen – Cappuccino. Nach einer kurzen Denkpause meint sie noch: „Ich weiß, Schönheit in all ihren Facetten festzuhalten, ist ein Privileg.“

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Anneliese Kompatscher, 1953 in Völs am Schlern geboren, arbeitet hauptsächlich als ­freiberufliche Fotografin. Ihre Schwerpunkte sind Food, Interieur und (Hotel-)Architektur. Sie ist vor allem durch den Bestseller „Die Küche in Südtirol“ und durch diverse weitere Kochbücher und kulinarische Reiseführer bekannt geworden. Die Mutter zweier erwachsener Töchter („sie sind das Gelungenste meines Lebens“) beschreibt sich selbst als unabhängig und meist gegen den Strom schwimmend, zurückhaltend, naturverbunden, begeisterungs­fähig, perfektionistisch veranlagt.

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