Leben

Franz, der Gerade

Aus ff 25 vom Donnerstag, den 18. Juni 2020

Franz Breitenberger
Deserteur im Zweiten Weltkrieg: Franz Breitenberger (1926–2020). © Privat
 

Er hat sich dem Nationalsozialismus verweigert. Und hat bis zuletzt Zeugnis abgelegt. Jetzt ist Franz Breitenberger gestorben. Ein Nachruf.

Mit Franz Breitenberger ist nicht nur ein ausgesprochen weltzugewandter, offener und freundlicher Mensch gestorben, sondern auch einer der letzten Südtiroler Deserteure des Zweiten Weltkrieges.

Franz Breitenberger wurde als sechstes von 13 Kindern am 28. Januar 1926 auf dem Bastele-Hof in St. Nikolaus/Ulten geboren. 1939 entschied sich die Familie überzeugt fürs Dableiben und war deshalb vielen Anfeindungen ausgesetzt. Dem Vater wurde nach erfolgter Option im Gasthaus ein Kübel mit Schweinefutter für den „walschen Fock“ vorgesetzt. Auch die Kinder wurden „walsch gegrüßt“, beschimpft und auch verprügelt. Das hat ihn fürs Leben geprägt: Er hat seinen aufrechten Gang und sein selbstständiges Denken nie aufgegeben, um statt dessen mit der Mehrheit zu gehen und mit dem Strom zu schwimmen.

Mit 18, im Mai 1944, erhielt er den Einberufungsbefehl zum Polizeiregiment Alpenvorland. Gleich nach dem Ende der Ausbildung setzte er sich ab, ging allein über die Berge nach Ulten und versteckte sich dort. Sein um drei Jahre älterer Bruder Josef war zu diesem Zeitpunkt auch schon desertiert. Wie viele andere der insgesamt etwa 25 Ultner Deserteure hielten sich die Brüder immer wieder eine Zeit lang in Rabbi im Nonstal (Trentino) auf, weil sie von der dortigen Bevölkerung, im Gegensatz zu Südtirol, versteckt und geschützt wurden.

Franz war zeit seines Lebens ein politischer Mensch, er engagierte sich nach dem Krieg in der Südtiroler Volkspartei, war 22 Jahre lang Ortsobmann der SVP St. Nikolaus und von 1960 bis 1974 Gemeinderat in der Gemeinde Ulten. 1959, als in Südtirol durch die Anschläge des Befreiungsausschusses Südtirol (BAS) bereits die ersten Strommasten in die Luft flogen, begann Franz Breitenberger, der das Sattler- und Tapezierhandwerk gelernt hatte, bei der Elektrizitätsgesellschaft Enel zu arbeiten. Seine italienischen Arbeitskollegen sah er als Menschen, die nicht mit Gewalt aus Südtirol vertrieben werden mussten, sondern denen, wie ihm selbst, die Familie und ihr Auskommen wichtig waren.

Franz erzählte gerne von seinen Erlebnissen und Erfahrungen. Seine Kinder und Enkelkinder, aber auch zahlreiche Schülerinnen und Schüler in Mittel- und Oberschulen hörten ihm gerne und interessiert zu. Er sprach ohne Scheu, mit natürlichem Charme und mit Autorität auch vor größerem Publikum wie zum Beispiel 2008 auf Einladung des Regionalrates in Trient gemeinsam mit dem Wehrdienstverweigerer und KZ-Häftling Franz Thaler und Renato Ballardini. Ballardini hatte sich, nach der Verhaftung seines Vaters, mit 18 Jahren den italienischen Partisanen angeschlossen und sich als Jurist und Politiker immer für die Autonomie Südtirols eingesetzt.

Obwohl Franz durch sein Aufwachsen unter der Diktatur des italienischen Faschismus eine fundierte Schulbildung versagt blieb, hat er sich als neugieriger und kritischer Mensch im Laufe seines Lebens dennoch ein breites Wissen angeeignet. Er hatte etwas zu sagen und er wird uns fehlen. n

Martha Verdorfer

Literaturtipp: Leopold Steurer, Martha Verdorfer, Walter -Pichler, Verfolgt, verfemt, vergessen. Lebensgeschichtliche Erinnerungen an den Widerstand gegen -National-sozialismus und Krieg. Südtirol 1943–1945.
Eine ausführlichere lebensgeschichtliche Skizze zu Franz Breitenberger findet sich in: Skolast. Widerstand,
54. Jg./2009, S. 68–72.

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