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Leitartikel

Mit dem Krebs leben

Aus ff 06 vom Donnerstag, den 09. Februar 2017

Leitartikel
Leitartikel © ff-Media
 

Krebs hat sich mittlerweile zur öffentlichen Angelegenheit entwickelt. Trotzdem ist das Thema noch immer ein Tabu – weil es uns an den Tod und die eigene Endlichkeit erinnert.

Vor elf Jahren rief die Weltgesundheitsorganisation den Weltkrebstag ins Leben. Man will damit Vorbeugung, Behandlung und Erforschung von Krebserkrankungen verstärkt ins öffentliche Bewusstsein rücken. Es ist leider aber auch immer ein Tag, an dem das rhetorische Arsenal im Kampf gegen den Krebs gewaltig aufgerüstet wird. Immuntherapien, so kann man zurzeit lesen, seien künftig eine schlagkräftige Waffe gegen Krebs. Und dass Forscher große Hoffnungen setzen auf maßgeschneiderte Killerzellen. Oder dass es nun einen Krebsroboter gibt, der schon die kleinsten Metastasen erkennt.
Die Rhetorik folgt einem bekannten Muster: Der Krebs ist zwar immer noch nicht besiegt, aber der medizinische Fortschritt und vorsorgewillige Bürger werden es schon richten.
Das Gegenteil ist der Fall.
Richard Nixon hat 1971 den „Kampf gegen den Krebs“ ausgerufen. Innerhalb von 25 Jahren, so der damalige US-Präsident, solle ein Heilmittel gegen Krebs gefunden werden. Heute kann man sagen: Eine komplette Heilung gibt es nicht, der Krebs ist nicht besiegt. Trotz aller Anstrengungen und wichtiger Etappensiege steigt die Krebssterblichkeit an. Die Menschheit muss weiterhin mit dem Krebs leben, so bitter es klingt.

Jährlich sterben 8,8 Millionen Menschen weltweit an Krebs. In Südtirol leiden rund 27.000 Menschen an einer Tumorerkrankung. Pro Jahr kommen 3.350 Patienten dazu; und 1.350 Betroffene verlieren pro Jahr ihren Kampf gegen den Krebs. Tumore sind nach den Herzkreislauf­erkrankungen die häufigste Todesursache bei uns. Wie es den Kranken unter den Therapien tatsächlich geht, welche Spuren die Behandlungen hinterlassen – darüber aber reden die wenigsten. Oder darüber, dass die Lebensdauer oft zwar etwas hinausgezögert werden kann, die Würde der Patienten aber vielfach auf der Strecke bleibt.
Krebs ist unberechenbar und in den meisten Fällen nicht selbst verschuldet, sondern Schicksal. Krebs kann jeden treffen, zu jeder Zeit. Er schleicht sich langsam an, leise. Krebs ist nicht eine Krankheit, sondern ganz viele. Kein Arzt kann seriöserweise sagen, wie lange ein Mensch mit Krebs noch leben wird. Ärzte sollten klar sagen, was sie wissen und was nicht. Dass man manche Krebskrankheiten heilen kann, andere vermeiden. Dass manche Patienten lange mit ihrem Krebs leben können, wir uns nicht von jedem Krebs befreien können.
Der Imperativ, auch dann noch „etwas tun“ zu wollen, wenn Innehalten und Abschied vielleicht angemessener wären, ist im ärztlichen und gesamtgesellschaftlichen Denken tief verankert. Um die Ängste der Patienten kümmern sich die Mediziner zu wenig. Es fällt immer noch schwer, gemeinsam mit dem Patienten herauszufinden, was zum Schluss das Beste für ihn ist.
Ärzte und Patienten brauchen die Zeit und den Willen, sich vertrauensvoll auszutauschen. An beidem aber fehlt es häufig. Dem Arzt geht es um die Therapie des Körpers. Der Patient hat existenzielle Sorgen, er will wissen, was die Therapie für sein Leben bedeutet.

Es ist dieser Tage viel von der eigenen Verantwortung für die eigene Gesundheit die Rede, man weist auf Vorsorgeuntersuchungen hin, fordert zu einem gesunden Lebensstil auf. Wer für die Krebs-Vorsorge und -Früherkennung wirbt, darf aber nicht verschweigen, welch gravierende Nebenwirkungen sie haben kann. Vorsorge ohne Fürsorge trägt nicht zum Wohlbefinden bei. Warum redet man nicht auch vermehrt darüber, dass Krebspatienten von der Gesellschaft nach wie vor oft als todgeweiht gebrandmarkt werden? Dass Mitleid nicht hilft. Und dass es für die Genesung nicht nur medizinische Therapien braucht, sondern familiären und gesellschaftlichen Rückhalt?
Noch wird zu wenig getan, um jene, die bereits erkrankt sind, nicht nur wirksamer, sondern auch schonender zu behandeln und ihr Leiden zu lindern, wenn gegen den Krebs selbst nichts mehr hilft.
Wir verschließen gerne die Augen vor der einzigen Gewissheit, die das Leben bietet: dass an seinem Ende der Tod steht. Wir sind darauf ge­trimmt, den Tod klein zu halten. Verdrängen aber hilft nicht. Krebs lässt sich nicht mehr aus dem öffentlichen Raum verbannen. Künftig wird ein noch größerer Teil der Bevölkerung daran erkranken. Umso wichtiger ist es, Krebs zu einer Krankheit zu machen, mit der man leben kann.

Ärzte und ­Patienten ­brauchen die Zeit und den ­Willen, sich vertrauensvoll auszutauschen. An beidem aber fehlt es häufig.

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