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Leitartikel

Es staut im Kopf

Aus ff 18 vom Donnerstag, den 03. Mai 2018

Leitartikel
© ff-Media
 

Zu viele Autos und Laster, zu enge Straßen, zu wenige Züge, keinen Flughafen: Südtirol boomt – und riskiert den Stillstand. Über die fatalen Folgen einer blauäugigen Mobilitätspolitik.

Mal staut es hier, mal dort. Mal protestieren die, mal jene. Die Tiroler blockieren, die Transporteure maulen, die Pendler stöhnen. Die Grünen wedeln mit den Grenzwerten: mal CO2, mal Stickoxide, egal, Hauptsache, sie werden überschritten. Der Umweltlandesrat weiß sich nicht zu helfen – und plappert irgendwas von Fahrverboten. Der Verkehrslandesrat weiß sich nicht zu helfen – und sagt gar nichts. Den Flughafen gibt es – und es gibt ihn doch nicht. Auf der A-22 geht nichts mehr – aber die Betreibergesellschaft (die öffentliche Hand) reibt sich die Hände und schreibt Rekordgewinne.
Ja, Michl Ebner hatte Recht, als er – wie lange ist’s her, fünf Jahre, zehn Jahre? – die Erreichbarkeit zum Thema machen wollte. Gelungen ist es ihm nicht. Stattdessen wurde er abgewatscht mit dem fundigrünen Lehrsatz: Wer Straßen sät, erntet Verkehr. Ende der Diskussion.
Was passiert, wenn gar nichts mehr gesät wird, erleben wir jetzt. Nicht mehr bloß fehlende und zu enge Straßen sind das Problem, nicht der Pimperleflughafen, der Millionen kostet, aber in diesem elenden Zustand nichts bringt. Jetzt dämmert es, dass auch der öffentliche Nahverkehr Anno 1900 stehen geblieben ist. Wir haben zwar hübsche Flirtzüge, aber die tickern auf Gleisen, die vor hundert Jahren im Zickzackkurs durch die Landschaft gelegt wurden – zu einer Zeit, als der Begriff Mobilität ein Fremdwort war.
Ich hab so das Gefühl, die Mebo ist an allem schuld. Der Bau der Schnellstraße war nicht Teil eines Konzeptes, sondern wurde, erstens, als Kniebeuge vor der Verkehrslobby empfunden, zweitens als unverzeihlicher Sündenfall, für den wir anscheinend bis in alle Ewigkeit büßen müssen. Seither gilt: Es darf keine zweite Mebo gebaut werden. Seither gilt das parteiübergreifend vorgebetete Mantra: weniger Autos, mehr Öffis und Fahrräder, weniger Diesel, mehr Elektro, weniger Stau, mehr Lebensqualität.
Heute wissen wir: Wir waren blauäugig. Wir haben wunderbare Zugelen und sogar wasserstoffbetriebene Busse: Die einen quietschen auf eingleisigen, kurvenreichen Strecken, die anderen stecken im Berufsverkehr. Wir haben Umfahrungen gebaut und Dörfer entlastet (gut so), aber stur ignoriert, was die Fakten sagen: Die Mobilität nimmt weiter zu – und damit steigt auch die Zahl der Fahrzeuge.
Darauf zu hoffen, dass allein mit neuen ­Zügen und hübschen Bussen der Verkehr verschwindet, ist ähnlich sinnvoll, wie Geld in Rubbellose zu investieren. Immer mehr Menschen nutzen
Öffis, der Privatverkehr nimmt trotzdem zu.
Auf der Pustererstraße wurden im vergangenen Jahr 20.566 Fahrzeuge gezählt – durchschnittlich pro Tag. Das ist ein Plus von 20 Prozent gegenüber 2011. Heute herrscht im Pustertal dasselbe Chaos wie damals zwischen Bozen und Meran vor dem Bau der Mebo. Lösung? Keine in Sicht. Wenn die Verkehrssituation in Süd­tirol heute bereits verrückt und nicht auszuhalten ist (man könnte sagen: geschäftsschädigend), wie wird sie dann in zehn, zwanzig Jahren sein?
Aber so geht es halt, wenn sich im Kopf ein Stau bildet: Nur das sehen, was man sehen will – alles andere wird ausgeblendet. So tun, als werde sich die Welt schon den eigenen Wünschen anpassen, kann fatale Folgen haben.
Weniger ist mehr? Wunderbar, dann müssen wir aber zu Hause sitzen anstatt pendeln, Hotels abreißen anstatt bauen, hoffen, dass die Wirtschaft den Bach runter geht, kein Schnee mehr vom Himmel fällt, der Kalterer See austrocknet ...
Dann könnten wir am Brenner eine Mauer errichten: Geschlossen wegen Überdrüssigkeit. Oder weil es bequemer war, einige trendige Zeitgeistsprüche über Nachhaltigkeit nachzuplappern, anstatt über die Möglichkeiten moderner Infrastrukturen nachzudenken.
Bald werden wir alle brav Elektro fahren – und trotzdem im Stau stecken.

Ich hab so das Gefühl, die Mebo ist an allem schuld, ein unverzeihlicher Sündenfall, für den wir bis in alle Ewigkeit büßen müssen.

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