Leitartikel

Der Preis für das Comeback

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Warum können manche Politiker nicht loslassen? Weil sie nicht ertragen, dass ihre Zeit vorbei ist? Weil sie von der öffentlichen Aufmerksamkeit abhängig sind?

Früher war ein Comeback ein Ereignis, oft hatte es auch etwas Magisches. Vor 37 Jahren zum Beispiel, 1971, stieg Muhammad Ali nach jahrelanger Sperre gegen den damaligen Titelverteidiger Joe Frazier in den Ring, um sich den Weltmeistertitel zurückzuholen. Ali verlor nach Punkten, trotzdem wird der Kampf seitdem als Sportereignis des 20. Jahrhunderts gefeiert.
Heute feiert immer irgendjemand irgendwo ein Comeback – im Showbusiness, im Sport, in der Musik, und eben auch in der Politik. Manchmal dauert es nicht einmal Jahre zwischen dem Verschwinden und der Rückkehr. Dass jemand einfach mal geht und wegbleibt, scheint nicht mehr vorgesehen.
Bei Pius Leitner dauerte die Zeitspanne zwischen dem Verschwinden und der Rückkehr 15 Monate. Eigentlich könnte der 64-Jährige sein Dasein als Politpensionär genießen. Eigentlich war seine Ära schon zu Ende. Aufgrund seiner Verurteilung wegen Veruntreuung und Unregelmäßigkeiten bei der Abrechnung der Fraktionsgelder im vergangenen März wäre er für 18 Monate vom Amt als Abgeordneter suspendiert gewesen. Er aber legte sein Mandat nieder. Sein Rücktritt war ein Akt der Stärke, er schützte damit sich selbst, aber auch seine Partei.
Pius Leitner bekam nach 25 politischen Jahren einen Abgang, den sich viele andere Abgeordneten wünschen würden. Nicht nur die Opposition lobte ihn als aufrechten Demokraten, selbst die Mehrheit bescheinigte ihm Fairness und Ehrlichkeit. Aber der 64-Jährige kann schlecht loslassen. Er steigt jetzt wieder in den politischen Ring, er kandidiert bei den Landtagswahlen im Herbst erneut für seine freiheitliche Partei. Es wäre besser gewesen, er hätte das nicht getan: Erstens für die Partei, der man so die Rede vom „Weg der Erneuerung“ nur schwer glauben mag. Zweitens für ihn selbst, weil er so sein schönes politisches Vermächtnis aufs Spiel setzt.
Er wäre nicht der Erste, der aus Hybris den rechten Zeitpunkt für den endgültigen Abgang verpasst.
Warum können manche Politiker partout nicht loslassen? Und wieso kommen sie manchmal wieder, nachdem sie schon Abschied genommen hatten? Als normal Sterbliche fällt es schwer, die Beweggründe nachzuvollziehen. Mag sein, dass einige das Pflichtgefühl treibt, sie ernsthaft meinen, ohne sie sei die Partei in Gefahr, das Land schlechter dran.
Pius Leitner, sagt der freiheitliche Parteiobmann Andreas Leiter-Reber, sei ein „Zugpferd“. Die Menschen, sagen andere Freiheitliche, wollen Stabilität – bei der Südtiroler Freiheit falle Eva Klotz weg, bei den Grünen Hans Heiss, und auch bei der SVP kandidieren einige der „Alten“ nicht mehr. Da sei es doch gut, wenn es zumindest bei den Freiheitlichen noch einen festen Anker gebe. Diese Argumente können einen überzeugen oder auch nicht. Aber ertragen wir es wirklich nicht mehr, dass Personen ihre Zeit haben, dass alles irgendwann vorbei sein muss, damit Neues entstehen kann?
Wenn man die Freiheitliche Partei zurzeit beobachtet, muss man feststellen, dass sie sich Sitten zu eigen macht, die sie bei anderen Parteien oder Politikern bislang selbst immer gerne kritisiert hat: Maulkorberlass für Mandatare und Funktionäre, wenig Transparenz beim ­Prozedere der Kandidatennominierung, gnadenlose Abrechnung bei mangelnder Nibelungentreue gegenüber der Parteilinie.
Sich abnabeln von der Vergangenheit, ­eigene Akzente setzen. Konsequenzen ziehen, ohne dass man dafür gleich alles über Bord wirft. Das hat noch niemandem geschadet, nicht der Politik, nicht einer Partei und auch nicht jedem Einzelnen von uns in seiner persönlichen Lebensgeschichte.
Vom US-Romanautor William Faulkner stammt der oft zitierte Satz: „Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen.“ Dieser Satz hat heute nach wie vor Bestand, leider. Überraschen kann uns heutzutage wohl nur noch jemand, der tatsächlich verstummt, der nicht wiederkommt. Zur Legende werden sollte auch und vor allem jemand, dem das gelingt.

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