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Leitartikel

Der Traum von Zucht und Ordnung

Aus ff 34 vom Donnerstag, den 23. August 2018

Zitat
© FF-Media
 

Die Lega will wieder die allgemeine Wehrpflicht einführen. So weit wird es nicht kommen, aber die Forderung verrät, was die autoritäre Rechte will: junge Menschen zu Befehls­empfängern zurechtschleifen.

Eine der großen Selbsttäuschungen im Leben älterer italienischer Männer ist die „Naia“, die Zeit beim Militär. Der Wehrdienst, dem man sich nur mithilfe von Beziehungen, viel Kaffee, Zigaretten oder der Vortäuschung einer instabilen Gesundheit entziehen konnte, wird im Nachhinein stark verklärt. Vergangenheitsselig, in Nostalgie versunken, marschieren dann Tausende von Alpini durch die Straßen von Bozen und feiern eine Kameradschaft, die es nie gegeben hat, und eine Institution, die darauf abzielte, junge wehrpflichtige Menschen zu brechen, gesellschaftskonform zu schleifen.
2005 wurde die allgemeine Wehrpflicht abgeschafft, die Abgeordneten im italienischen Parlament brachen in Applaus aus. Sie hatte seit dem Jahr 1861 gegolten – in Südtirol erzählen noch die vielen Kasernen davon.
Jetzt will Innenminister Matteo Salvini die Wehrpflicht wieder einführen – so stand es auch im Wahlprogramm der Lega, die zwar die zweite Partei im Regierungsbündnis ist, aber die viel brutalere und lautere. Der Innenminister ist ja für die Polizei zuständig, die Verteidigungsministerin für das Militär. Aber Salvini ist Minister für alles, der Minister, der täglich auf Facebook und Twitter eine Ladung Hass abwirft: Spalten ist sein Geschäft. Bisher war die italienische Politik großes Theater, seit ein paar Monaten wird ernsthaft und gnadenlos ausgegrenzt.
Dass die Wehrpflicht wieder eingeführt wird, ist wenig realistisch. Wie vieles, was diese Regierung verspricht: bedingtes Grundeinkommen, Flat tax, wirtschaftlicher Aufschwung, Ausbau des öffentlichen Verkehrs, erneuerbare Energien.
Aber das Ansinnen, die Wehrpflicht wieder einzuführen, verrät viel über den Geist der Regierung und ihre autoritäre Einstellung. Die Regierung des Wandels ist wie viele rechte Regierungen eine Regierung, die mehr in die Vergangenheit als in die Zukunft schaut – früher, ja, da gab es noch eine Erziehungsanstalt wie das Militär, die Körper und Geist schulte. Was Eltern und Schule angeblich nicht mehr machen, Jugendliche erziehen, sollen die „caporali istruttori“ übernehmen, jene Typen, die, von Sadismus getrieben, darauf achteten, ob das Bett auf Kante gebaut war und die Rekruten bis zur Erschöpfung im Kreis gehen ließen.
Zygmunt Bauman, der kürzlich verstorbene Soziologe, nennt es Retrotopie – im Gegensatz zu Utopie. Man sucht das Heil in einer verklärten Vergangenheit, in einer Konstruktion von Sprache, Identität und Gemeinschaft, die es so nie gegeben hat.

Denn der Dienst beim italienischen Militär war auf Drill und Demütigung ausgerichtet. Lernen konnte man dort nichts, nicht einmal schießen. Marschieren und Exerzieren. Eins, zwei, eins zwei. Rechtsum, marsch. Rührt euch. Fahnengruß. Stundenlang warten auf das Essen. Schuhe putzen. Es ging nicht darum, Geist und Körper zu stärken – selbstständiges Denken ist keine Tugend von Soldaten –, sondern junge Menschen zu Befehlsempfängern zu machen. Das kann in einer kapitalistischen Gesellschaft nie schaden: sich ducken lernen.
Was hätten also Wehrpflicht oder ein verpflichtendes soziales Jahr für einen Sinn?
Ein soziales Jahr würde billige Arbeitskräfte für Weißes Kreuz, Rotes Kreuz und die vielen sozialen Verbände liefern, die Schwierigkeiten haben, Personal zu rekrutieren. Aber funktioniert soziales Engagement, wenn es nicht freiwillig ist?
Wehrdiener wären in einem modernen Konflikt nur Kanonenfutter, hilflos. Aber die Forderung nach einer allgemeinen Wehrpflicht passt in das Denken der autoritären Rechten, in den Traum von Zucht und Ordnung, der Herrschaft über Körper und Geist, der Schaffung von treuen Befehlsempfängern. 

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