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Leitartikel

Zeit für alle, abzurüsten

Aus ff 45 vom Donnerstag, den 08. November 2018

Zitat
© FF-Media
 

Manchmal scheint es, als sei der Erste Weltkrieg in Südtirol nicht vergangen. Es wird provoziert, statt wirklich zu gedenken. Militärische Rituale dienen ebensowenig dem friedlichen Zusammenleben wie das Ausstellen der Dornenkrone.

Am 4. November paradieren die italienischen Streitkräfte auf dem Waltherplatz in Bozen. Sie erinnern damit an einen Sieg in einem Krieg, der eigentlich eine Niederlage für alle war. Denn auf den Ersten Weltkrieg folgten Faschismus und National­sozialismus und dann wieder Krieg. Muss das sein? Gibt es für das Novemberritual nicht auch eine Kaserne, wo Militär, Polizei, Carabinieri und Finanzer diskret des Endes des Ersten Weltkrieges gedenken können?
Der 4. November ist der Tag, an dem an den italienischen Sieg im Ersten Weltkrieg erinnert wird – seit bald 100 Jahren. Im November 1918 endete ein Krieg, der anders gewesen war als alle vorhergehenden – mit vielen Opfern. Soldaten wie Zivilisten, ein Krieg der Maschinen, ein Krieg, nach dem Europa anders aussah. Der ­Erste Weltkrieg war in vielerlei Hinsicht ein Zivilisationsbruch. Und Südtirol war danach Italien.
Für das faschistische Italien war der 4. November Gelegenheit, den Krieg und den Sieg (der freilich bald zur „vittoria mutilata“ umgedeutet wurde) zu preisen, Stärke vorzuführen. Auch das demokratische Italien glaubt(e), an diesem ­Ritual festhalten zu müssen. Auch wenn es heute weniger kraftstrotzend ist als früher und pflichtgemäß zum Frieden gemahnt wird.
Doch was treibt die italienischen ­Streitkräfte auf den Waltherplatz in Bozen? Ist es eine wiederholte symbolische Landnahme eines zentralen Platzes der Stadt, ohne dass dies dem General, der dies anordnet, bewusst wäre?
Vor 100 Jahren marschierten hier die Truppen des italienischen Heeres ein, als sie nach der Niederlage der ­Armee des österreich-ungarischen Kaisers Südtirol besetzten. Hier wurden auch 1914 die Tiroler Standschützen vereidigt, bevor sie Kanonenfutter wurden wie ihre italienischen Leidensgenossen.
Claudio Berto, der Kommandant der Alpini, sagte bei der Zeremonie, die Annexion Südtirols sei „das schöne Ziel des Ersten Weltkrieges“ gewesen. Ein Ausrutscher? Eine unbewusste Provokation? Oder die gedankliche Formatierung eines Soldaten, der mit der Tradition der Alpini aufgewachsen ist, die tief im Gebirgskrieg im Ersten Weltkrieg wurzelt?
Staatspräsident Mattarella hatte zum Anlass folgende Botschaft: „Als alles verloren schien, fand das Land in den Schützengräben und an der inneren Front die Kraft, aufzustehen und dem Lauf des Krieges eine andere Richtung zu geben.“ Aber was ist das für ein Land, das auf Schützengräben gebaut ist, Kraft aus den Toten bezieht?

Hier wie dort wird der Erste Weltkrieg also immer noch verklärt. Vor allem die Alpini sehen sich gerne als Nachfahren jener Soldaten, deren Elend im Gebirgskrieg zum heroischen Kampf überhöht wird. So wie auf deutscher Seite das Ausharren von Kaiserjägern und Standschützen in den Wind und Wetter ausgesetzten Unterstände im Hochgebirge.
In die Tradition reihen sich auch jene ein, die keinen Frieden wollen im Land wie der Südtiroler Heimatbund oder die Südtiroler Freiheit, deren Existenzgrundlage auch nach 100 Jahren noch der Erste Weltkrieg, die „Unrechtsgrenze“ am Brenner ist. Ein Häuflein von ihnen versammelte sich am Sonntag am Siegesplatz in Bozen um die Dornenkrone, das kitschige Symbol für das Leiden Südtirols an 100 Jahren mit Italien.
Jeder mag friedlich demonstrieren, aber das Ausstellen der Dornenkrone ist eine billige Provokation, Anstiftung zum Unfrieden. Südtirol ist kein unterdrücktes Land. Südtirol gehört zu Italien, aber Südtirol ist frei. Wer die Unabhängigkeit will, sucht, nein, nicht den Krieg, aber den Konflikt.
Es ist für alle Zeit, abzurüsten. 

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