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Leitartikel

Gute Menschen braucht das Land

Aus ff 51 vom Donnerstag, den 20. Dezember 2018

Zitat
© FF-Media
 

„Gutmensch“ ist zu einer Beleidigung geworden. Das spricht nicht für unsere Gesellschaft. Ein Lob auf die Unbequemen, die uns den Spiegel vorhalten.

Als Journalist muss man sich heute gut überlegen zu schreiben, dass jemand ein guter Mensch ist. Verkürzt man den guten Menschen zum Gutmenschen, wird aus dem Lob eine Beleidigung.
Es spricht nicht für unsere Gesellschaft, dass wir gute Menschen ins Abseits drängen.
Viele von uns werden am Heiligen Abend zur Mitternachtsmette aufbrechen und, weil es so Brauch ist, verfolgen, wie die Christenheit die Geburt eines der größten Gutmenschen der Weltgeschichte feiert.
Sie werden sich rühren lassen vom Weihrauch, den Kerzen, den schönen Gewändern, dem Gesang. Stille Nacht, heilige Nacht. Aber die Botschaft Jesu hören werden sie kaum.
Dabei ist die Botschaft, die der Gutmensch aus Nazareth ausgesandt hat, höchst aktuell, selbst für Ungläubige. Aktuell und unbequem, denn nähmen wie sie ernst, müssten wir uns selber infrage stellen, unser Denken und unseren Lebensstil. Wir müssten dann den anderen lieben wie uns selbst.
Viele Menschen lieben nur mehr sich selbst. „Prima gli italiani“, „Südtiroler zuerst“, schreien sie. Am lautesten sind dabei die Verteidiger des christlichen Abendlandes, der Krippen auf den Weihnachtsmärkten und der Kreuze in den Klassenzimmern.
Sie sind die größten Ausschließer.

Gutmenschen sind Menschen, die der festen Überzeugung sind, dass für alle die gleichen Rechte gelten, die nicht zwischen „uns“ und „denen“ unterscheiden, die Flüchtlinge nicht im Mittelmeer sterben lassen wollen, die glauben, dass wir eine Verantwortung für andere und die Welt tragen, für Klima, Umwelt, Natur.
Gutmenschen sind freilich manchmal lästig, denn sie zeigen uns, was in unserer Gesellschaft schiefläuft, sie sind der Wecker für unser Gewissen. Gutmenschen sind nicht leise, sie sagen, was sie denken. Manchmal sind sie auch rechthaberisch, manchmal glauben sie, die Wahrheit
gepachtet zu haben.
Ein Lob den Gutmenschen, von denen es in Südtirol viele gibt.
Den Frauen von Binario 1, die allen Widerständen zum Trotz Asylbewerbern helfen, sich gegen Gesetze auflehnen, die die Rechte von Menschen auf der Flucht auslöschen.
Dem Dachverband für Natur- und Umweltschutz, der sich vom Landeshauptmann nicht einschüchtern lässt und sich gegen den Flughafen stemmt.
Der Aktivistin Monika Hauser, Gründerin von Medica mondiale, die nicht müde wird, die alltägliche Gewalt gegen Frauen anzuprangern, und nicht nur helfen, sondern auch politische Strukturen ändern will.
Dem Hotelier Michil Costa, der sein Hotel in Corvara nach den Prinzipien der Gemeinwohlwirtschaft führt (lokale Produkte, keine großen Unterschiede zwischen den Gehältern, Energie sparen) und nicht glaubt, dass immer mehr Tourismus gut ist für das Land.
Den Bürgern von Mals, die nicht glauben, dass Pestizide gut sind für unsere Gesundheit.
Den Unbeirrbaren von der Initiative für mehr Demokratie, die glauben, dass die Leute nicht nur alle fünf Jahre eine Stimme haben.
Dem Landwirt Alexander Agethle aus Schleis, der seine Käserei nach den Grundsätzen der ­biologischen Landwirtschaft betreibt und ein Modell für naturnahes Wirtschaften geschaffen hat.
Dem Bischof, der sich einmischt.
Den Weltläden, die für fairen Handel eintreten, wissend, dass wir unseren Wohlstand auf Kosten anderer erwirtschaften, auf dem Rücken von billigen Arbeitskräften.
Und vielen anderen, die hier keinen Platz mehr finden.
Jetzt wird es bald eine neue Landesregierung geben mit einer Partei, der Lega, die täglich gute Menschen als „Gutmenschen“ verhöhnt.
Es wird deshalb die guten Menschen mehr denn je brauchen. Eben deshalb, weil sie unbequem sind, den Mächtigen, den Lobbys, den Zynikern den Spiegel vorhalten.

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