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Leitartikel

Kreuzzug gegen die Freiheit

Aus ff 15 vom Donnerstag, den 11. April 2019

Zitat
© FF-Media
 

Abtreibungsgegner, Antifeministen, Homophobe und Rechtsextreme aus aller Welt gaben sich in Verona ein schauriges Stelldichein. Mit Billigung der Lega, des Bündnispartners der Südtiroler Volkspartei.

Shakespeare hat es sich anders gedacht. Als er um 1594 herum seine Tragödie Romeo und Julia schrieb, hatte er eine Liebe im Kopf, die gesellschaftliche Grenzen überwinden wollte. Vielleicht würde der größte Dramatiker aller Zeiten sich im Grabe umdrehen, wüsste er, dass diese Grenzen bis heute bestehen, dass die Stadt der Liebe herhalten muss für ein Gedankengut, das ausgrenzt, Rechte von Frauen und sexuellen Minderheiten rückgängig machen will?
Was passiert ist: Vorvergangenes Wochenende tagte in Verona der World Congress of Families, ein Familienkongress, der unter anderem von fundamentalistischen christlichen Gruppierungen organisiert wird. Etwa 30.000 Menschen nahmen teil und stellten die „traditionelle, natürliche“ Familie in den Mittelpunkt. Doch was sich hinter einem harmlosen Namen zu verstecken versucht, ist eine Mission, eine Lobby, die sich gegen die Ehe für alle, gegen Schwangerschaftsabbrüche und gegen reproduktive Rechte von Lesben und Schwulen einsetzt. Es ist eine Lobby, die Frauen zu unterdrücken versucht und eine Gesellschaft von mittelalterlichen Stereotypen schaffen will.
Drei Tage lang brachten die Teilnehmer teils ihre radikalen Ideen unter die Leute, forderten Gefängnisstrafen für Frauen, die abtreiben, ver­glichen Homosexualität mit einer Seuche. Rechte und rechtsextreme Politiker hofierten den Kongress. Einer von ihnen: Innenminister Matteo Salvini von der Lega. Der Kongress stand unter der Schirmherrschaft der Provinz und der Region Venetien – beide von der Lega regiert, sowie des Ministeriums für Familie und Behinderungen, an dessen Spitze ein männerfixierter Leghist steht.
Es dürfte kein Zufall sein, dass der Kongress, der seinen Sitz in den USA hat, ausgerechnet in dem Land stattfindet, in dem seit 2018 Lega und 5 Sterne regieren. Was früher oft im Stillen diskutiert wurde, darf jetzt laut ausgesprochen werden. Und verschafft Salvini nebenbei noch Zugang zu erzkonservativen Wählermilieus. Praktisch, zwei Monate vor der Europawahl.
Doch so offensiv der Kongress war, so offensiv auch – zum ersten Mal – die Gegenmobilisierung. In weniger als zehn Tagen unterzeichneten mehr als 100.000 Menschen eine Petition mit der Aufforderung an die italienische Regierung, den Kongress nicht zu unterstützen. Zehntausende gingen in Verona auf die Straße und stellten sich gegen Organisatoren, die Plastikföten mit sich trugen.
Was ist das für eine Gesellschaft, die ­Frauen- und Minderheitenrechte infrage stellt, in der Grabenkämpfe ausgetragen werden, von denen wir dachten, sie schon längst hinter uns gelassen zu haben?

In Südtirol haben mehrere Parteien, Gewerkschaften und Organisationen zum Protest aufgerufen und die Ideen der Kongressteilnehmer als „rückständig, ewiggestrig“ und „intolerante Vorstellungen von Frau und Familie“ gebrandmarkt (SVP-Landesfrauenreferentin Renate Gebhard).
Schon recht, wenn Politiker sagen, die Gesellschaft müsse sich für neue und vielfältige Formen der Familie öffnen, Frauenrechte dürften nicht aufgegeben werden. Aber Worte reichen nicht mehr aus. Wir brauchen Taten.
Wie viele Menschen bekennen sich in Südtirol öffentlich zu ihrer Homosexualität? Wie viele reden darüber, abgetrieben zu haben? Wo auf den Straßen Südtirols zeigen sich bereits Vielfältigkeit und verschiedene Familienformen? Wie viele Frauen schaffen es, Familie und Beruf zu ­vereinbaren?
Die Ehe für alle ist gesetzlich erlaubt. Abtreibung auch. Doch Achtung, jetzt stehen diese Errungenschaften, hart erkämpft, wieder auf dem Spiel. Denn diejenigen, die sie einschränken wollen, sitzen auf der Regierungsbank. In Rom und in Bozen (gemeinsam mit der SVP). 

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