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Leitartikel

Wohin mit dir, Südtirol?

Aus ff 35 vom Donnerstag, den 29. August 2019

Zitat
© FF Media
 

Pragmatismus beherrscht den Südtiroler Regierungsalltag. Schade, dass dabei die Diskussion über zukunftstaugliche Konzepte und radikale Ideen auf der Strecke bleiben.

Als vor Jahrzehnten ein Journalist bei Helmut Schmidt, dem damaligen Bundeskanzler, anmerkte, dass ihm die große Vision fehle, antwortete dieser kurz angebunden: Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen. Der Satz ist seitdem zigfach zitiert worden – Politik und Gesellschaft hat das nicht unbedingt immer gutgetan. Er zementiert den Status quo. Und er belohnt jene, die sehr kurzfristig orientiert sind.

Hört man in diesen Tagen den Politkern zu, fällt dieses Wort „Visionen“ häufig. Ob es nun um die visionslose italienische Ex-Regierung geht, Visionen für Europas Zukunft oder die Klima-Vision der 16-jährigen Greta Thunberg. Eine Vision zu haben, bedeutet, mit etablierten Denkmustern zu brechen, das scheinbar Unmögliche und jenseits von Schubladen zu denken. „Wenn wir wollen, dass im 21. Jahrhundert wirklicher Fortschritt stattfindet, brauchen wir verrückte Ideen. Ideen, die heute komplett unrealistisch erscheinen mögen“, sagt der niederländische Historiker und Journalist Rutger Bregmann. Vor fünf Jahren ist sein Buch „Utopien für Realisten“ erschienen; es wurde zum Bestseller und in über 30 Sprachen übersetzt.

„Verrückt“ zu denken, versuchen jedes Jahr im August bis zu 5.000 Menschen aus aller Welt in Alpbach. Dann wird das Tiroler Bergdorf für knapp drei Wochen zum internationalen „Dorf der Denker“. Dieses Jahr wurde über „Freiheit und Sicherheit“ nachgedacht. Wie sie das erlebt haben, berichten junge Südtiroler zurzeit auf dem Nachrichtenportal salto.bz. In einem dieser Tagebuch-Blogs stolpert man über die Passage: „Südtirol braucht Fachkräfte in Technik, Pflege etc. Das sind die Bedürfnisse, die befriedigt werden wollen. Aber was ist mit einer Vision, die darüber hinausgeht?“

Es wäre schön, wenn die regierenden Politiker so etwas wie eine Zukunftsvision für dieses Land hätten. Aber leider, man sucht sie vergebens.

Als dieses Magazin jüngst Landeshauptmann Arno Kompatscher nach seiner Vision für Südtirol im Jahr 2030 fragte, fiel die Antwort zwar reflektiert und nett aus, jedoch nichtssagend. Er sprach vom „Bewusstsein für dieses besondere Land“ und „dass man „Verantwortung dafür übernehmen“ müsse. Ja, und dass genau das „das neue Element“ sei – „die Verantwortung“.

Südtirol ist wahrlich etwas Besonderes. Es ist unfertig, entsteht ständig neu, ein „work in progress“. Niemand weiß, wie es einmal aussehen wird. Das macht das Ganze spannend. Die Architekten waren und sind vor allem Politiker. Sie entscheiden, an welcher Stelle gebaut wird, welcher Pfeiler verstärkt oder welcher Teil zurückgebaut werden soll. Legt man Wert auf ökonomische Effizienz, Beständigkeit oder Moderne? Spielt man auf Risiko, oder geht man auf Nummer sicher?

Kompatscher betont in Gesprächen gerne den „Autonomiepatriotismus“ und „die Sicherheit“, und dass man diese den Südtirolern zurückgeben müsse, damit sich wieder „mehr Zufriedenheit“ einstellt. Ein hehres Anliegen, das aber noch keine konkrete Zielsetzung ist, wohin es mit dem Land gehen soll.

Es ist ja nicht so, dass sich der Landeshauptmann keine Gedanken über Südtirols Zukunft machen würde. Doch nach sechs Jahren im Amt hat er immer noch keine mutige Idee entwickelt, die die politische Versteinerung sprengen kann. Andererseits: Besser jetzt als gar nicht mehr.

Gerade in turbulenten Zeiten sind Mut und Risikobereitschaft nötig. Wer nur in den Grenzen des Systems denkt, verharrt im Status quo. Bei der Landesregierung ebenso wie bei der Mehrheitspartei, der SVP, sucht man vergebens nach richtungsweisenden Ideen. Man wurstelt sich durch, verheddert sich im Alltags-Klein-Klein und stopft lieber Löcher, als nach dem Höchsten zu streben.

Allzu große Vorsicht jedoch wirkt hemmend. Eine Politik der Genügsamkeit tut keinem wirklich weh, richtig zufrieden stellt sie aber auch niemand. Warum nicht stärker zukunftstaugliche, durchaus radikale Konzepte und Ideen diskutieren? Wer eine Vision hat, muss nicht ein weltfremder Träumer sein, auch kein unverbesserlicher Idealist. „Der Mensch“, meinte der britische Philosoph Bertrand Russell, „braucht zu seinem Glück nicht nur diesen oder jenen Genuss, sondern Hoffnung, neue Unternehmungen und Veränderungen.“

In diesem Sinne: Der Landeshauptmann sollte sich nicht allzu viel Zeit lassen mit seiner Vision. Und zugleich nicht vergessen, eine Gefolgschaft dafür aufzubauen und beisammenzuhalten. Ansonsten bleibt auch die größte und schönste Vision am Ende erfolglos.

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