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Leitartikel

Universität des Lebens

Aus ff 38 vom Donnerstag, den 19. September 2019

Zitat
© FF Media
 

Kann jemand ohne Studientitel Minister werden? Natürlich! Der Politik ginge etwas verloren, wenn es Nichtakademiker nicht mehr in höchste Ämter schafften.

Seit die Regierung „Conte bis“ ihr Amt angetreten hat, ist in den nationalen Medien eine Debatte in Gang gekommen, ob ein Nichtakademiker geeignet sei für einen Ministerposten. Konkret geht es um Teresa Bellanova, Italiens neue Landwirtschaftsministerin. Die 61-Jährige hat „nur“ einen Mittelschulabschluss. Schon in ihrer frühen Jugend arbeitete sie als landwirtschaftliche Hilfsarbeiterin, machte dann Karriere als Gewerkschaftsfunktionärin. Eine Frau, die mit beiden Beinen im Leben steht, authentisch und mit einem Berg praktischer Lebenserfahrung, die sie seit über zehn Jahren als Parlamentarierin in die römische Abgeordnetenkammer einbringt.

Trotzdem wird ihr Lebenslauf in den sozialen Medien jetzt giftig kommentiert. Und als ob das nicht genug wäre, wird sie auch noch wegen ihres leuchtendblauen Chiffonkleides kritisiert, das sie bei ihrer Angelobung trug. „Karneval? Oder Halloween?“, twitterte ein ehemaliger Parlamentarier von Forza Italia – mit Matura, aber ohne Studientitel.

Leider leben wir immer noch in Zeiten, in denen Spitzenpolitikerinnen auf das Äußere, die Kleidung oder die Frisur reduziert werden. Über ihre Befähigung zum politischen Amt wird meist geschwiegen.

Lebensläufe wie der von Bellanova sind seit jeher eher die Ausnahme auf der höchsten Ebene der Politik (auf Landesebene trifft man sie eher an), doch es gab und gibt sie immer wieder. Johannes Rau lernte Verlagsbuchhändler und wurde Bundespräsident. Bettino Craxi brach sein Geschichtestudium früh ab und wurde Ministerpräsident. Oder Martin Schulz. Der Buchhändler wurde Präsident des Europäischen Parlaments und Kanzlerkandidat. Sebastian Kurz, bis vor Kurzem noch österreichischer Bundeskanzler, hat sein Studium der Rechtswissenschaften nicht abgeschlossen. Um nur einige Beispiele zu nennen.

Ein Studium adelt niemanden zum besseren Menschen. Auch sollte sich niemand familiär bedingt in eine bestimmte Richtung – Ausbildung oder Studium – drängen lassen. Passieren tut es dennoch immer wieder. Das ist schade.

Was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn sie aus immer mehr studierten Leuten besteht – wer macht dann die einfachen Arbeiten? Fehlt einem Land dann vielleicht nicht so etwas wie eine gesunde Bodenständigkeit?

Teresa Bellanova hat ihre Kritiker via Twitter wissen lassen: „Ich bin sehr stolz darauf, was ich gemacht habe, ich habe sehr jung zu arbeiten begonnen, ich habe die Jugendarbeit kennengelernt und hatte die Kraft, mich gegen Vorarbeiter zu widersetzen.“

Wenn es Menschen wie Bellanova nicht mehr in höchste Ämter schaffen, geht der Politik etwas verloren. Zum einen ein Stück Repräsentation: Solange in entscheidenden hohen Ämtern Arbeiter sitzen, kann sich ein Arbeiter „da oben“ vertreten fühlen. Zum anderen: Irgendwann geht der Reiz verloren für Nichtakademiker, sich politisch zu engagieren, wenn ihre Chancen, aufzusteigen, nur noch in der Theorie bestehen.

Auf Schloss Maretsch in Bozen wurden vergangene Woche die 30 besten Maturanten des Landes prämiert – zum 15. Mal mittlerweile. Die meisten von diesen werden wohl studieren. Das ist erfreulich. Schließlich wird die Berufswelt immer komplexer, selbst für einfache Tätigkeiten wird immer mehr Wissen benötigt. Doch auch wer sich für einen anderen, nicht akademischen Weg entscheidet, dem wird mit Sicherheit deshalb kein Makel anhaften.

Es ist in Ordnung, gar nicht zu studieren. Es ist auch okay, sich nicht gleich festzulegen oder später nicht in dem Fach zu arbeiten, das man studiert hat. Jeder Mensch hat mehr als eine Begabung. Um zu wissen, welche, muss man verschiedene Dinge ausprobieren. Jeder Mensch hat das Recht, seinen eigenen Weg zu gehen. Nur sollte er dann auch dazu stehen.

Teresa Bellanova sagt, sie sei nicht stolz darauf, keinen Studientitel zu haben, aber sie hatte nicht die Chance, zu studieren. Sie wuchs in einem wenig privilegierten Umfeld auf. Allerdings habe sie im Laufe ihres Lebens viel gelernt, um die Leerstellen zu füllen.

Teresa Bellanova weiß was vom Leben. In der Politik sicher kein Fehler.

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