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Leitartikel

Die Ohnmacht der Kultur

Aus ff 40 vom Donnerstag, den 03. Oktober 2019

Zitat
© FF Media
 

Die Kultur hat im Landeshaushalt keine Priorität. Sie wird erst über den Nachtragshaushalt finanziert. Das ist kurzsichtig. Wir brauchen die Kultur – gerade in Zeiten wie diesen.

In Südtirol ist die Kultur wichtig. Sie wird in den Sonntagsreden der Politiker gerne bemüht – sie zeigen sich gerne bei Eröffnungen von Ausstellungen, bei Konzerten oder Theatervorstellungen. Und wenn sie von Kultur reden, sind „Volk“, „Tradition“ oder „Identität“ nicht weit.

Landeshauptmann Arno Kompatscher zeigt sich gerne, wenn etwa im Stadttheater Bozen die große klassische Musik spielt. Philipp Achammer, Landesrat für Kultur, brennt ein Feuerwerk an zusammengelesenen Zitaten ab, wenn er einen Kulturtermin hat. Und natürlich schlug sich die Kultur auch in der Regierungsvereinbarung nieder, ohne dass SVP und Lega großen Ehrgeiz an den Tag gelegt hätten. Das Bestehende wurde fortgeschrieben, mehr Geld gibt es sowieso nicht.

Ist die Kultur der Politik, das heißt der Landesregierung, wirklich wichtig? Die Finanzierung durch den Landeshaushalt weist eher auf das Gegenteil hin. Und was meint die Politik, wenn sie von Kultur redet? Die Vorstellungen sind vage, sehr zeitgenössisch sind sie nicht.

Für Philipp Achammer ist die Kultur nur eine von seinen vielen Zuständigkeiten. Verbal setzt er sich dafür ein, aber er weiß auch, dass die Kultur eher nicht das Feld ist, dass ihm Stimmen bringt. Das Gleiche gilt für sein italienisches beziehungsweise ladinisches Pendant, Giuliano Vettorato und Daniel Alfreider.

In der Kulturpolitik bewegt sich wenig. Vor ein paar Jahren noch, als Philipp Achammer alles bereden (und zerreden) ließ, wurde lang und breit über Kultur und Kulturförderung geredet. Mit dem neuen Gesetz zur Kulturförderung gebar der Berg nach langem Kreißen eine Maus. Als Ergebnis des Gesetzes wurde Planungssicherheit für Kulturproduzenten verkauft: Es gibt sie de facto nicht. Oder nicht mehr. Es gibt nicht, wie versprochen oder vorgegaukelt, eine gesicherte Finanzierung über drei Jahre für Kulturschaffende, die nicht über ein eigenes Kapitel im Landeshaushalt finanziert werden wie das Museion oder das Teatro Stabile.

Es gibt in der Kulturpolitik keine Visionen, es wird ein bisschen produziert und viel eingekauft. Es geht weiter wie bisher. Es gelten die großen Zahlen, die großen Namen. Die Politik, vor allem für das deutsche Kulturassessorat, verpachtet die Kultur an Institutionen wie das Museion oder die Vereinigten Bühnen Bozen, ohne Ansprüche zu formulieren, Qualität einzufordern oder die Produktion von Kultur im Land stärker zu fördern.

Landesrat Achammer hält sich bedeckt. So kann er je nach Publikum unterschiedliche Ansichten formulieren. Im italienischen Kulturassessorat ist man bemüht, die eigene Klientel zu bedienen, dort wird vieles in der Zentrale entschieden.

Inhaltlich ist die Kulturpolitik in Südtirol eine Misere. Eine Vorlage, die auch von der Opposition nicht genutzt wird. Es gibt weder beim Team Köllensperger noch bei den Grünen, und schon gar nicht bei den Freiheitlichen einen Mann oder eine Frau, die in der Materie zu Hause sind.

Als die Südtiroler Stadttheater (Theater in der Altstadt, Meran; Stadttheater Bruneck; Dekadenz, Brixen; Carambolage, Bozen) vor zwei Wochen gemeinsam ihr Programm vorstellten, ging es hinterher mehr um die finanzielle Situation als um Inhalte.

Die Theater leiden nicht nur darunter, dass die Finanzierung gleich bleibt, sie leiden auch darunter, dass die Kultur nicht mit dem ordentlichen Haushalt zu Jahresbeginn, sondern mit dem Nachtragshaushalt irgendwann im Jahr finanziert wird. Und nicht nur sie, sondern auch die Großen, bringt das in die Bredouille: Das erschwert die Planung und macht sie in der Zukunft, wenn nicht einmal das bisherige Budget fortgeschrieben wird, unmöglich. Und sie müssen sich mit Überbrückungskrediten behelfen und dafür Zinsen zahlen.

Das ist schäbig. Und kurzsichtig. Kultur, sagte Angelika Gasser, Leiterin des Amtes für deutsche Kultur, bei der Pressekonferenz, ist für die Politik „keine prioritäre Angelegenheit“.

Kultur ist Treibstoff für die Gesellschaft. Wir brauchen sie, gerade in Zeiten wie diesen, in denen die Menschen verunsichert sind und nach Antworten suchen.

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