Wichtiger Hinweis

In eigener Sache:

Liebe Leserinnen, liebe Leser, aufgrund der aktuellen Ereignisse schalten wir für Sie die ff online vorübergehend frei. Sie können alle, Abonnenten wie Nicht-Abonnenten, das neue Heft ab Donnerstag als E-Paper kostenlos lesen, klicken Sie dafür im Menü auf E-Paper lesen. Oder Sie laden sich die ff-App auf Ihr Smartphone.
Wir wünschen gute Lektüre und gute Gesundheit!

Leitartikel

Der Papst und die Poesie

Aus ff 08 vom Donnerstag, den 20. Februar 2020

Zitat
© FF Media
 

Der Papst geißelt gerne die wirtschaftlichen Zustände. Doch in seinem jüngsten apostolischen Schreiben zeigt er sich erstaunlich mutlos. Wird Franziskus überschätzt?

Papst Franziskus mag es gern blumig. Er kann Herzen erwärmen, schließlich ist er gegen den Kapitalismus, für indigene Völker, gegen die Prasserei mancher Glaubensbrüder, für den Schutz der Natur, ein Fan von Greta Thunberg und Vertreter einer bescheidenen Lebensform.

Es ist ein Papst, den besonders Linke gerne mögen, weil er nicht müde wird, auf das Elend in dieser Welt aufmerksam zu machen. Der ehemalige Herausgeber der Tageszeitung La Repubblica, der greise Eugenio Scalfari, liegt ihm zu Füßen, auch wenn er ein erklärter Gottloser ist, der Filmemacher Wim Wenders hat ihm in einer Hochglanz-Dokumentation ein Denkmal gesetzt – und Franziskus dabei in allen entscheidenden Fragen davonkommen lassen.

Aber ist Franziskus wirklich ein mutiger Papst? Oder versteht er es bloß, die Leute um den Finger zu wickeln? Bringt er die katholische Kirche weiter als sein Vorgänger Benedikt XVI., der Fahnenträger der Tradition, der die Welt in Rationalismus untergehen sieht?

Jetzt hat es Franziskus wieder getan. In seinem apostolischen Schreiben „Querida Amazonia“ (geliebtes Amazonien) hat er einen poetischen Angriff auf die Welt losgelassen, ein Feuerwerk an schönen Worten, der alles offen lässt. Ein Wortschwall von 40 Seiten. Diese Poesie, meinte Scalfari am Sonntag in der Repubblica, sei ein Zeichen in einer finsteren Zeit. So weit sind die Linken jetzt gekommen, dass ihnen nur die Poesie bleibt.

Die Synode zu Amazonien war mit großen Erwartungen verbunden. Es wurde viel geredet. Wunschkonzerte wurden gespielt. Würde die Synode den Papst ermutigen, die Kirche zu öffnen, den Zölibat zu lockern, Frauen einen Weg zum Priestertum zu weisen?

Nichts von den Erwartungen hat sich erfüllt. Viele Menschen haben sich schon von der Kirche abgewendet, die immer noch meint, dass nur Männer vorne stehen dürfen. Männer, die zur sexuellen Enthaltsamkeit verdonnert werden. Wie viel Unheil hat der Zölibat schon angerichtet! Man muss die Kirche nicht unbedingt reformieren wollen, aber es ist eine Gefahr für die Gesellschaft, wenn eine Institution wie die Kirche in sich zusammenfällt.

Die Erwartungen an Papst Franziskus waren groß. Dabei haben viele Leute etwas übersehen. Dass dieser Papst zwei Gesichter hat, er will auf der einen Seite die Gesellschaft und die Wirtschaft umwälzen, andererseits soll alles bleiben, wie es ist. Die Frauen werden, immer noch, auch in „Querida Amazonia“ auf eine dienende Funktion verwiesen, die Macht der Männer eingefroren. Auch in der Kirche, und besonders in der Kirche, stoßen die Frauen an die gläserne Decke: Sie sollen alles tun, nur die Messe lesen dürfen sie nicht. Widerspruch ausgeschlossen.

Franziskus ist ein sehr poetischer Papst, er meint zum Beispiel, wir könnten von den indigenen Völkern im Amazonas „glückliche Genügsamkeit“ erlernen. Doch was würde das ändern? Was ist Genügsamkeit, wenn sie nicht selbstbestimmt ist?

Probleme lassen sich nicht mit Weihrauch-Prosa lösen, sondern mit Politik, mit Protest, innerhalb und außerhalb der Parlamente. Politisch hat Papst Franziskus wenig bewirkt. Die Kirche hat keine Macht. Oder sie verbündet sich immer noch mit der Macht, statt sie zu zügeln.

Franziskus hat sich eine wirkliche Reform nicht zugetraut. Er fürchtet vielleicht eine Spaltung. Doch die gibt es ohnehin schon: Die zwei Enden der Kirche streben immer stärker auseinander. Oder war der Papst vielleicht nur schlau, katholisch eben. Der Katholizismus ist die Religion, die viel verzeiht. In der es verheiratete Priester gibt, in der Priester, die nicht enthaltsam leben, geduldet werden, solange sie nicht auffallen, in der sie im fernen Amazonien vielleicht sogar die Messe lesen, solange es niemand nach oben meldet.

„Die Braut Christi“, wie Franziskus sie in seinem Schreiben nennt, hat einen langen Atem. Doch langsam wird die Luft dünn, wenn er weiter so mutlos ist.