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Leitartikel

Die alte Welt löst sich auf

Zitat
© FF Media
 

Die Coronapandemie zeigt uns, was wir theoretisch wissen, aber nie ernst nehmen: Von einem Tag zum anderen kann sich alles ändern.

Auch wenn er jetzt weit weg erscheint, der Tag danach wird kommen. Der Tag, an dem das Virus gebannt sein wird und unsere Isolation ein Ende findet. Alles wird an diesem Tag anders sein. Wir wissen heute nicht, wie die Welt nach der Coronakrise aussehen wird, aber wir spüren, dass sie sich neu zusammenfügen wird. Die „Normalität“, zu der viele Politiker und Wirtschaftstreibende „möglichst bald“ zurückkehren wollen, die wird es nicht mehr geben.

Das Zukunftsinstitut mit Sitz in Frankfurt am Main und Wien hat zu diesem Thema ein Whitepaper ausgearbeitet. Darin schildert es vier mögliche Zukunftsszenarien für Wirtschaft und Gesellschaft nach Corona.

Erstens: Die totale Isolation hält an, die Gesellschaft sieht sich wieder verstärkt als Nation. Der Import wird beschränkt, das öffentliche kulturelle Leben kommt fast komplett zum Erliegen.

Zweitens: Es kommt zum „System-Crash“. Wir fahren im dauernden Krisenmodus. Der Datenschutz wird abgeschafft, es gibt ständige gegenseitige Schuldzuweisungen.

Drittens: Es wird mehr Wert auf regionale Erzeugnisse gelegt, man zieht sich verstärkt ins Private zurück. Es wird nur noch lokal gedacht, nicht global.

Viertens: Die Welt geht gestärkt aus dieser Krise hervor. Es kommt zu einem neuen Konsumverhalten, die heimischen Alternativen, die regionalen Produkte und Lieferketten werden wiederentdeckt. Gesundheit wird ganzheitlicher betrachtet. Die Menschheit nimmt sich stärker als globale Gemeinschaft wahr.

Für mich ist das vierte Szenario das wünschenswerte. Diese Krise kann eine Chance für uns alle sein. Zugegeben, es ist eine aufgezwungene Chance – aber eine, die wir nutzen sollten.

Corona gibt uns die Möglichkeit, unser Lebensmodell zu überdenken. Erstmals wurden alle Systeme in unserer Gesellschaft quasi auf Null gestellt: die sozialen Beziehungen, die Kultur, der Sport, die Wirtschaft, die Arbeit. Alles ist im Stillstand. Jetzt wird deutlich, was im Argen liegt. Wie verletzlich zum Beispiel die Globalisierung ist – durch Quarantäne, Abschottung und Grenzschließungen gelangt sie an ihre Grenzen.

Wie unverzichtbar und unterbezahlt bestimmte Berufsgruppen sind – Pflegekräfte in Krankenhäusern und Altenheimen, Verkäuferinnen, Laborkräfte, Erzieherinnen, Wissenschaftler.

Wie schnell sich die Natur erholt, wenn wir unsere Wirtschaft herunterfahren.

Vielleicht erkennen wir, wie wichtig ein umfassendes Wir ist. Und dass wir bei der medizinischen Versorgung weniger Privatisierung und Kommerzialisierung brauchen.

Viele malen sich vielleicht aus, wie es sein wird, wenn sich die Lage entspannt, wenn man sich wieder umarmen und sich mit Freunden und Verwandten treffen kann. Die Frage ist, ob wir die Tugenden, die wir uns in diesem Ausnahmezustand wieder angeeignet haben, mit hinüber nehmen in den neuen Alltag. Werden die Gewohnheiten in der Krise zum neuen Lebensstil nach der Krise?

Die Coronakrise gilt jetzt schon als Zäsur. Auch die Attentate von 9/11 und die Finanzkrise 2008 waren das. Auch damals hieß es, es müsse sich grundsätzlich etwas ändern. Und was ist danach passiert? Die Welt ist noch schneller, noch überhitzter geworden.

Der weltweite Ausstoß von Kohlenstoffdioxid beispielsweise nimmt seit 1960 kontinuierlich zu. Im Jahr 2018 hat er seinen bisherigen Höchstwert von rund 36,6 Milliarden Tonnen erreicht (laut dem deutschen Online-Portal für Statistik).

Auch jetzt können es bestimmte Akteure nicht erwarten, da weiterzumachen, wo sie vor kurzem aufgehört haben.

Nutzen wir die Zeit und stellen uns selbst Fragen: Was ist wirklich wichtig? Was ist verzichtbar? Vielleicht lernt sich jeder von uns im Laufe der nächsten Wochen besser kennen und rettet so viel wie möglich von diesen neuen Erkenntnissen in die Zeit nach Corona.

Es liegt an uns, dieser Erkenntnisse dann auch umzusetzen. An niemandem sonst.

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