Leitartikel

Das Schweigen brechen

Aus ff 08 vom Donnerstag, den 25. Februar 2021

Zitat
© FF-Media
 

Femizide haben ein unerträgliches Ausmaß angenommen. Leider tut man immer noch so, als ob Gewalt gegen Frauen alles Einzelfälle wären. Das muss endlich aufhören!

Sie heißen Clara, Antonia, Lidia, Sonia …. Die Liste ist lang. Am Montag kam Deborah dazu. Sie war 42 Jahre alt, hat vier Kinder und ist von ihrem Exmann mit einem Beil erschlagen worden. Er stand bereits unter Hausarrest wegen vorangegangener Episoden von Gewalt.

Deborah ist die 15. Frau, die in Italien seit Jahresbeginn getötet wurde.

Die Zahlen sind schockierend. Gesellschaftlich und medial aber werden diese Taten immer noch gerne als „Familiendrama“ oder „Beziehungstat“ dargestellt. Das ist irreführend. Denn so schauen wir nicht auf das eigentliche Problem. Wir müssen es aber klar benennen: Femizid. In diesem Land sterben Frauen, weil sie Frauen sind.

Unsere Gesellschaft verhält sich so, als ginge es bei Frauenrechten nur um Details, als sei alles auf gutem, richtigem und vor allem unumkehrbarem Wege. Die massive Verletzung der psychischen und physischen Gesundheit von Frauen passt da nicht hinein. Deswegen wird sie verdrängt. Man tut so, als ob Gewalt gegen Frauen alles Einzelfälle wären. Strukturelle und gesellschaftliche Probleme, die diese Gewalt produzieren, blendet man aus. Das muss endlich aufhören!

Morde an Frauen sind die Spitze des Eisbergs. Hinter den Wohnungstüren verbirgt sich viel Leid. Femizide haben eine Vorgeschichte, oft eine jahrelange Leidensgeschichte. Es geht um Einschüchterungen, Manipulation, Bedrohungen. Es geht um Macht. Um Männer, die sich in einer überlegenen Position fühlen.

Gewalt gegen Frauen ist keine Folge einer Liebesbeziehung, sondern Teil einer patriarchalen Struktur: Hier glaubt ein Mann, mit einer Frau machen zu können, was er will.

Solange wir in einer Gesellschaft leben, in der Frauen weniger verdienen und von Männern abhängig sind, in der konservative Familien- und Beziehungsmodelle hochgehalten werden, werden Frauen weiter ermordet werden. Die Corona--Pandemie, in der wir gerade stecken, verstärkt die Abhängigkeit von Frauen nur noch.

Gewalt an Frauen ist ein Männerproblem. Deswegen müssen Männer Teil der Lösung werden. Die Debatte darf sich nicht länger nur um die Opferrolle der Frau drehen – das entlässt Männer aus der Verantwortung. Das sorgt dafür, dass wir in erster Linie immer noch über Frauen reden. Und nicht über Männer.

Über Gewalt muss umfassend aufgeklärt werden, Beratungs- und Hilfestellen müssen ausgebaut und finanziell besser unterstützt werden, Behörden und Regierende sollten die Problematik ernst nehmen, nicht nur den Opfern die Verantwortung zuschieben. Sie muss endlich im öffentlichen Bewusstsein ankommen. Es darf nicht sein, dass Frauen Angst um ihr Leben haben, weil sie Frauen sind. Gewalt gegen Frauen betrifft uns alle, egal, welches Geschlecht wir haben. Jeder Einzelne kann etwas im Alltag dazu beitragen, indem täglich darüber geredet, geschrieben und dagegen protestiert wird. Das Schweigen muss gebrochen werden. Heute.

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