Leitartikel

Ungemütliche Fragen

Leitartikel 37/21
Leitartikel 37/21 © FF Media
 

Wir wollen eine boomende Wirtschaft und volle Hotels – aber keinen Verkehr und keine neue Verkehrswege. Ein Dilemma, aus dem es kein Entkommen gibt – außer es werden Tabus gebrochen.

Vorneweg eine Klarstellung: Verkehr geht mir auf die Nerven. Ich denke sagen zu können: Uns allen geht der Verkehr auf die Nerven. Es ist wie bei den meisten Dingen: Zu viel des Guten ist abträglich, abstoßend, kurzum, es nervt.

Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere: Verkehr ist notwendig: Er hält unsere Gesellschaft am Laufen. Man kann es drehen und deuten, wie man will: ohne Verkehr keine Wirtschaft, keine Freizeitgestaltung, keine Besuche bei Freunden, kein Urlaub. Ein verkehrsfreies Land ist ein totes Land.

Gewiss, im Lockdown habe ich die verkehrsfreien Wochen genossen. Endlich war es still und leer auf den Straßen. Ein Traum war das. Im Lockdown habe ich aber auch verstanden, wie verlogen dieser Traum ist.

Und damit bin ich bei einem Thema, das zugegebenermaßen ungemütlich ist. Es ist ungemütlich, weil es einen Grundwiderspruch unserer Gesellschaft offenlegt: Wir wollen eine boomende Wirtschaft, wir wollen Freizeitgestaltung volle Kanne, wir wollen Freunde besuchen, mal in Meran, mal in Wien, mal in London, wir wollen Urlaub machen, natürlich „nachhaltig“, aber möglichst mehrmals im Jahr, wir wollen, dass Menschen aus anderen Ländern bei uns ihre Ferien verbringen – aber: Wir wollen keinen Verkehr.

Wir bauen Häuser, Hotels, Industriebetriebe, wir investieren in Freizeiteinrichtungen und touristische Hotspots. Wir sind froh und glücklich, dass unser Südtirol ein begehrtes Land ist – für uns Einheimische, Gäste, Wirtschaftstreibende. Kurzum: Wir tun alles, um Verkehr anzuziehen, möchten ihn aber gleichzeitig loswerden.

Überraschend ist nicht, dass unsere Straßen verstopft sind, sondern dass wir uns hartnäckig weigern, den Grund für die Staus zu erkennen. Stattdessen tun wir so, als wären auf unseren Straßen lauter Deppen unterwegs. So lautet etwa ein beliebter Therapievorschlag, dass all diese Leute, die mit ihren Autos, Lieferwägen und Lastern von hier nach dort fahren, „ja den Zug oder das Fahrrad nehmen könnten“. Nach dem bequemen Motto: Nur ich habe einen triftigen Grund, wenn ich mich ins Auto setze.

Wir leisten uns ein eigenes Amt, es nennt sich „Landesverkehrsmeldezentrale“. Dieses verkündet im Halbstundentakt Wasserstandsmeldungen über die Situation auf Südtirols Straßen. Obwohl dieses Amt kurioserweise beim Zivilschutz (Landesrat Schuler) angesiedelt ist und nicht bei der Mobilität (Landesrat Alfreider), scheint niemand auf die Idee zu kommen, die Meldungen ernst zu nehmen, geschweige denn irgendwelche Maßnahmen ergreifen zu müssen. Selbst wenn der Stau von Sterzing bis Affi reicht, mit Tausenden Menschen, die bei uns oder am Gardasee Ferien machen wollen, aber in ihren Blechkisten gefangen sind und vielleicht gerade dabei sind zu schwören, nie wieder über den Brenner zu fahren, wird mit den Schultern gezuckt: Ist halt so, kann man nichts machen. Kann man wirklich nichts machen?

Keine Angst, ich fordere hier nicht den Bau neuer Straßen. Ich gehöre nicht zu jenen, die jubeln, wenn der Kauf eines neuen Autos (vorausgesetzt, es frisst Strom statt Diesel) mit 12.000 Euro bezuschusst wird (kein Witz), noch bin ich überzeugt, dass es sinnvoll ist, im Pustertal und im Vinsch-gau „abschnittsweise dritte Spuren“ einzurichten, wie Landesrat Daniel Alfreider im ff-Interview angekündigt hat.

Ich fürchte, die Lage ist ernster. E-Drive, Brennerbasistunnel, Halbstundentakt und Fahrradwege sind gut und recht, im Grunde Selbstverständlichkeiten. Aber um das Mobilitätsproblem in einer boomenden, weitverzweigten alpinen Region an der Schnittstelle zwischen Süd- und Mitteleuropa zu lösen, müssten wohl einige Tabus gebrochen werden, die uns lieb und heilig sind.

Vor allem bräuchte es zwei Dinge: Ehrlichkeit in der Analyse und Mut in den Entscheidungen. Und genau daran hapert es.

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