Leitartikel

Skifahren ist kein Menschenrecht

Skifahren ist kein Menschenrecht
Nichts ist in dieser Pandemie einfach. Nichts vorhersehbar. Klar aber ist: Die größte Gefahr ist ein überlastetes Gesundheits­system. © FF Media
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Während das Virus weiter wütet, dürfen die Skipisten geöffnet bleiben. Und Südtirol freut sich! Das ist verständlich. Aber diese Freude hat einen zynischen Beigeschmack.

Südtirol ist zurzeit in deutschen Großstädten sehr präsent. „Dieser Winter wird Südtirol“, steht etwa auf großflächigen Werbetafeln in der Hamburger Innenstadt. Schneebedeckte Berge sind zu sehen, eine wunderbare weiße, menschenleere Skipiste, blauer Himmel. Dieser Winter, so suggeriert das Plakat, wird kein Corona-Winter mehr. In diesem Winter wird wieder Ski gefahren.

Mobilitätslandesrat Daniel Alfreider sagte vergangene Woche nach Verhandlungen in Rom: Die Wintersaison sei gerettet. Die Skigebiete könnten selbst dann in Betrieb bleiben, wenn Südtirol orange oder gar rote Zone werden würde.

Die Nachricht wurde als Jubelmeldung verbreitet. Verständlich, es geht um Arbeitsplätze, um einen großen Wirtschaftssektor, der im vergangenen Winter lahmgelegt wurde.

Trotzdem hat dieser Jubel etwas Surreales, um nicht zu sagen, einen zynischen Beigeschmack. Als wäre Skifahren ein Menschenrecht! Dabei weiß jeder, dass Südtirol wieder von einer Covid-19-Welle überrollt wird. Das vermeintlich so gut organisierte und verwaltete Südtirol wird erneut überrascht. Das Virus ist der Politik schon wieder ein paar Schritte voraus. Warum? Weil niemand sich auf den Winter richtig vorbereitet hat. Wahrscheinlich hat man sich mehr Gedanken darüber gemacht, wie man die Wintersaison retten kann, und weniger darüber, wie man eine vierte Corona-Welle verhindern kann.

Und so streiten wir wieder über den richtigen Weg durch diese Pandemie. Darüber, ob uns jetzt 2G, ein Lockdown oder eine Impfpflicht helfen kann. Das ist, einerseits, verständlich angesichts der steigenden Infektionszahlen. Andererseits aber ist es auch ein Ausdruck politischer Hilflosigkeit.

Natürlich, nichts ist in dieser Pandemie einfach. Nichts vorhersehbar. Klar aber ist: Die größte Gefahr ist ein überlastetes Gesundheitssystem. Es geht bei Weitem nicht nur um die Covid-19-Patienten. Es geht vor allem auch um die 40-Jährige, deren aggressiver Brustkrebs dringend operiert werden muss. Um das Kind, dessen akut entzündeter Blinddarm zu perforieren droht. Es geht um die betagte Herzpatientin, deren Chancen auf einige gute Lebensjahre mit einer raschen Operation steigen. Notfallversorgung, so heißt es, werde garantiert. Patienten mit schweren chronischen Leiden allerdings werden auf die Warteliste gesetzt.

Die Politik muss die Gesundheit aller im Blick haben. Und ganz ehrlich, für Ski-Gaudi und Glühwein am Christkindlmarkt ist jetzt nicht die richtige Zeit. Nichts gegen Urlaub und Spaß im Schnee, aber Priorität hat der Kampf gegen das Virus. Es geht um den Schutz der eigenen Gesundheit, aber vor allem geht es um Rücksicht auf die Pflegekräfte und Ärzte in den Krankenhäusern.

Dass das Südtiroler Gesundheitssystem tatsächlich überlastet werden könnte, erscheint vielen selbst nach knapp zwei Jahren Pandemie immer noch undenkbar. Doch Operationen werden jetzt schon auf unbestimmt verschoben, nicht alle Menschen erhalten zeitig die medizinische Versorgung, die sie bräuchten. Die Betten sind zwar vorhanden, es fehlt aber ausgebildetes Personal. Pflegekräfte haben gekündigt oder sind krank, sie wurden suspendiert oder für Covid-Abteilungen abgezogen. Man ist in Teilen noch schlechter gerüstet als zu Beginn der Pandemie.

Als Lösung für eventuelle Skiunfälle sollen im Notfall Privatkliniken aushelfen. Entsprechende Konventionen dafür schließt der Sanitätsbetrieb schon mal ab. Für ein gutes und teures Gesundheitssystem wie das Südtiroler kommt das einer Bankrotterklärung nahe. Dass all dies keine Südtiroler Besonderheit ist und sich der Pflegemangel auch in anderen europäischen Ländern ähnlich entwickelt, macht die Sache nicht besser.

Wir sollten weniger das Skifahren im Blick haben, sondern das Gesundheitssystem. Dessen Mitarbeiter kämpfen für unser aller Leben.

Leserkommentare

2 Kommentare
Rudolf Meraner
25. November 2021, 17:17

Für Sie Frau Aschbacher ist es einfach: Schuld ist immer die Politik! Kein Wort zu den Impfverweigerern, die uns das eingebrockt haben, und natürlich auch nichts zur Verantwortung der Medien, die den Impfgegnern übermäßig großen Raum geben! antworten

raffl
28. November 2021, 10:25

Weltweit sehen wir in der Covid Bekämpfung dieselben Schwierigkeiten. Ich würde für unser kleines Südtiroler wenig politische Hilflosigkeit proklamieren als vielmehr eine überdurchschnittlich hohe Anzahl an Menschen, die sicher ausserhalb des mainstreams tapfer gegen alle Maßnahmen wehren und frei sich entscheiden, vorgegebene Regeln zu ignorieren. Bestärkt u.a. durch Veröffentlichungen eines von Frau Aschbacher geführten Interview noch imSeptember, in denen von der Angst um das Heil der Geimpften (sic!) im Herbst unwidersprochen die Rede ist.
Hilflosigkeit verorte ich hier bei der FF - zuviel Rücksicht auf querdenkende Leser.
Anderfalls schreiben Sie doch bitte, Frau Chefredakteurin, einmal EXPLIZIT, dass Impfen hilft - und unterstützen damit gezielt das gebeutelte Personal im Gesundheitswesen !
Dr. Raffl Michael antworten

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