Leitartikel

Der Feind im eigenen Haus

Aus ff 06 vom Donnerstag, den 10. Februar 2022

Leitartikel 06-22
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Errichtet, wenn nötig, Altlandeshauptmann Durnwalder ein Denkmal, aber nehmt ihm seine Droge: die Macht.

Vor zwei Wochen habe ich an dieser Stelle einen Wunsch geäußert: Die SVP möge sich endlich von Altlandeshauptmann Luis Durnwalder emanzipieren. Wie sie das bewerkstelligt, das ist Sache der Partei, gewiss. Aber sie muss einen Schnitt machen. Ich habe das in der Überzeugung geschrieben, dass Durnwalder süchtig nach Macht ist. Und diese Sucht beschädigt die Partei, vor allem aber schadet sie Südtirol.

Ich hatte gehofft, das nicht noch einmal schreiben zu müssen. Aber die SVP ist ein mutloser Haufen, und Durnwalder ist unfähig, den Weg für andere freizumachen, wie das etwa Angela Merkel nach 16 Jahren Kanzlerschaft getan hat. Der alte Mann kann es nicht lassen. Das hat er in diesen Tagen wieder bewiesen. Er ritt im Tagblatt der Südtiroler eine schwere Attacke gegen den ehemaligen SVP-Senator und stellvertretenden Parteiobmann Karl Zeller. Dieser habe es gewagt, so behauptet Durnwalder in den Dolomiten, die Sad-Abhörprotokolle und die Tonaufnahmen in Umlauf zu bringen. Durnwalder hat eine Eingabe an Italiens oberste Datenschutzbehörde gemacht – „wegen der unrechtmäßigen Veröffentlichung“ besagter Abhörprotokolle.

Der 80-Jährige hat das Athesia-Blatt genutzt, um Zeller mit scharfen Worten anzugreifen. Alle Vorwürfe, dass er selbst für ein Unternehmen versucht habe, die Bildung der Landesregierung zu beeinflussen, weist er von sich. Er habe nur seine Meinung geäußert, sagt Durnwalder, und das müsse doch noch möglich sein.

Dem Mann, der 25 Jahre lang Südtirol regiert hat, ist Selbstreflexion fremd.

Ich hatte tatsächlich gehofft, dass die SVP die Affäre rund um die Sad-Abhörprotokolle professionell und fair aufarbeiten würde. Eine mutige Partei, das wäre was gewesen. Aber nichts davon. Die brisanten Sad-Abhörprotokolle, die dieses Magazin öffentlich gemacht hat (ff 50/21 und 51-52/21), das politische Machtgebaren der Athesia, das vermurkste Krisenmanagement der Parteispitze: Hier handelt es sich nicht mehr um eine kleine Störungszone, sondern um ein Sturmtief, um eine handfeste Krise in der SVP.

Manche Parteifunktionäre und auch -mandatare versuchen das noch immer schönzureden. Aber die jüngsten Fehlschläge können nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in der Regierungspartei gewaltig rumpelt – zwischen den Bezirken und Richtungen, zwischen den Bauern und dem ganzen Rest. Auf offener Bühne zelebriert die SVP ihre Verwirrung und Führungslosigkeit. Es vollzieht sich ihre Implosion. Da ist nichts mehr übrig von der ehemals selbst- wie pflichtbewussten Partei, die sich in den Dienst der Allgemeinheit stellt.

Missgunst, Rache, Intrigen, Streit – das bekommen wir in diesen Tagen geboten. Die Südtirolerinnen und Südtiroler werden Zeugen einer tragischen Selbstdemontage. Tragisch deshalb, weil es sich bei Durnwalder um einen verdienstvollen Politiker handelt, der dieses Land kraftvoll vorangebracht hat. Aber Durnwalder ist Vergangenheit. Er muss es werden. Gerne soll er ein Denkmal bekommen, aber die SVP muss seine Zerstörungslust eingrenzen. Wo so viel Missgunst und Intrige öffentlich zur Schau getragen werden, lassen sich Wähler nur schwer mobilisieren.

Wenn der Altlandeshauptmann weiter so wüten kann, wird sich die SVP in einen Trümmerhaufen verwandeln. Und in den rauchenden Ruinen werden wir Durnwalder sehen, der noch immer Machtkämpfe ausficht, wo es längst schon keine Macht mehr gibt.

Und vielleicht lächelt er dabei.

Leserkommentare

1 Kommentar
Artim
10. Februar 2022, 11:11

FF und Durnwalder. Man weiß: Das ist ja ein besonderes Verhältnis. Seit Jahrzehnten arbeitet sich ja FF bekanntermaßen an Durnwalder ab. Ansonsten würde man hier wohl kaum nachvollziehen können, welche Zerrbilder hier gezeichnet werden.
Nicht mal die Staatsanwaltschaft hat hier mehr gesehen als Geschwätz ohne Substanz; und die Sache wurde dementsprechend auch gerichtlich archiviert. Ob und welche politischen Wirklichkeiten nun dadurch geschaffen werden, ist ohne Zweifel auch eine Frage der politischen Kultur.
Das zentrale Problem hier aber vor allem an der Person des alten Durnwalder festzumachen, der sich darüber beschwert, dass auch Privates unerlaubt veröffentlicht worden sei ("Wenn ich zum Beispiel sage, du ruf mich ein bisschen später an, denn ich bin gerade beim Arzt, ich hab wahrscheinlich Krebs, dann können sie doch nicht schreiben: der Durnwalder hat Krebs, das hat mit dem Problem als solchem nix zu tun.") verkennt entweder völlig die Wirklichkeit oder versucht die Leserschaft hinter die Fichte zu führen.
Gerade in Zeiten der gesellschaftlichen Polarisierung, Spaltung ... haben Parteien der Mitte grundsätzlich einen schweren Stand. Im nationalen Italien sind Volksparteien ja schon längst Geschichte — mit allen damit verbundenen Folgen und Gefahren, selbst für die Demokratie durch den Verlust von Maß und Mitte.
Anders bislang in Südtirol, wohl auch, weil sich jede(r) Vernunftbegabte unweigerlich sofort die Frage stellt(e): Kann sich das real-politische Südtirol die derzeitige mehrfache Demontage, auch innerhalb der SVP, (weiterhin) leisten ohne dem Land nachhaltig zu schaden und ohne sich gänzlich selbst zu entmächtigen? antworten

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