Leitartikel

Mut zur Irritation!

Aus ff 20 vom Donnerstag, den 19. Mai 2022

Im Passeiertal feierte man am vergangenen Wochenende das 26. Alpenregionstreffen. Über 6.000 Marketenderinnen und Schützen, Musikantinnen und Trachtler aus dem historischen Tirol waren nach St. Martin gekommen. Auf diesem Treffen wurde viel von Wurzeln und Werten gesprochen, von Heimatverbundenheit, Volkskultur und Tradition.

Das klingt alles schön, wohlbekannt und vertraut. Aber was heißt das eigentlich? Was ist Kultur? Was sind Werte? Welche Bedeutung haben sie in der heutigen Zeit? Man neigt dazu, solche Veranstaltungen dann doch so wahrzunehmen, als ob ganz klischeehaft Lederhose, Tracht und Gewehr fröhliche Urständ feiern würden. Die imposanten und farbenprächtigen Bilder und Aufnahmen tun das Ihrige und überhöhen die Veranstaltung, die politischen Reden sind routiniert und wirken entsprechend abgenutzt.

Das ist schade. Solche Feiern schaffen schließlich auch ein kulturelles Gedächtnis. Sie zeigen, wie das soziale Mitein-ander gestärkt wird.

Kultur ist Tradition, Überlieferung, Sitte. Kultur ist aber auch Innovation, Neues und Irritation. Es ginge jetzt darum, diese beiden Welten stärker miteinander zu verzahnen. Veranstaltungen wie jene des Alpenregionstreffens könnten Anlass dazu geben. Wenn der Trentiner Landeshauptmann Maurizio Fugatti einige Sätze in deutscher Sprache spricht oder Landeshauptmann Arno Kompatscher auch zu Offenheit und Toleranz aufruft, dann ist das ein bescheidener Anfang. Um nicht Gefahr zu laufen, in Zukunft als gelebte Folklore oder kulturelle Parallelgesellschaft abgewertet zu werden, sollte man den Mut zur Irritation aufbringen. Und dadurch dann überraschen und herausfordern.

Warum immer nur den Würdenträgern und den Politikern mit ihren üblichen Sätzen die Bühne überlassen? Warum beispielsweise nicht einmal „branchenfremde“ Kandidaten einladen und zu Wort kommen lassen?

Gelebtes Brauchtum ist wichtig in unserer Zeit, das steht außer Frage. Aber über das Wie sollte man für die Zukunft diskutieren.

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