Leitartikel

Boykottiert Fossilien

Soll man hinsehen, wenn irgendwo etwas falsch läuft? Natürlich, und zwar genau. Schön wäre es, wenn wir immer so konsequent wären, wie wir es bei der Fußball-Weltmeisterschaft vorgeben zu sein.

Das Wort Boykott gehe auf Charles Cunningham Boycott zurück, einen englischen Grundstücksverwalter in Irland. Im Zuge der Landreformen nach 1870 habe der irische Nationalistenführer Charles Stewart Parnell seine Landsleute zum gewaltlosen Widerstand aufgerufen. Infolge der 1880 von Parnell und der Irischen Landliga organisierten Aktion habe Boycott keine Pächter mehr gefunden, er wurde „boykottiert“. Dieser erste erfolgreiche Boykott, so steht es im Internetlexikon Wikipedia zu lesen, habe allen anderen den Namen gegeben.

Ein Boykott ist also ein Druckmittel, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Er trifft auch die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar: Viele Menschen sagen, sie schauen sich das Turnier diesmal nicht an, weil sie viele Dinge rundherum nicht gut finden. Etwa die schlechte Menschenrechtslage in Katar, die unwürdigen Arbeitsbedingungen für die ausländischen Arbeitskräfte oder die Unterstützung des Golfstaats für Terrorgruppen.

Das sind gute Gründe, um sich der Mammutveranstaltung in Katar zu verweigern. Schön wäre es, wenn wir immer so konsequent wären, wie wir es bei der Fußball-Weltmeisterschaft vorgeben zu sein. Allerdings ist wegschauen nicht die Lösung.

Im Gegenteil: Wir müssen genau hinschauen bei Dingen, die falsch laufen. Sie gehören analysiert, kritisch hinterfragt und gegebenenfalls boykottiert. Wenn das genug Menschen tun, werden sich die Dinge früher oder später zum Besseren ändern.

Beispiele dafür gibt es genug. So boykottierte der Amerikaner Benjamin Lay einst alle Waren, die durch Sklavenarbeit entstanden waren. Nach und nach folgten viele seinem Beispiel. Ein Jahr vor seinem Tod 1759 konnte er erreichen, dass die Sklavenhaltung in seiner Heimatstadt Philadelphia geächtet wurde. Hundert Jahre später beendete der Bürgerkrieg die Sklaverei in den USA.

Ein Boykott zwang auch den Ölkonzern Shell in die Knie. 1995 tankten viele Menschen nicht mehr bei ihm, weil Shell den schwimmenden Öltank Brent Spar einfach im Nordatlantik versenken wollte. Nach drei Monaten lenkte der Konzern ein – und begann mit der Entsorgung an Land.

Boykotte können also durchaus zum Erfolg führen. Sie wären ein Mittel für die erlahmende Klimabewegung: Wenn wir künftig auf Öl, Gas und Kohle verzichten, dann gäbe es für die Industrie auch keinen Anreiz mehr, die fossilen Brennstoffe abzubauen. Alternativen wären da, nur war es bisher nicht interessant, sie zu nutzen, weil die fossile Energie dermaßen günstig war.

Die Friday-for-Future-Leute könnten etwa dazu aufrufen, Waren und Dienstleistungen, die fossile Energie enthalten, zu boykottieren. Gekauft wird nur noch Erneuerbares, will heißen: Bahn fahren statt fliegen, Erdwärme statt Gasheizung, „Made in Südtirol“ statt „Made in China“. Immer unter der Voraussetzung, dass dahinter wirklich grüne Energie steht.

Das Mittel des Boykotts ist auch ein Instrument, um unsere Regierenden zu einem Einsehen zu bringen. Daher gilt es heute mehr denn je, ihre Taten kritisch zu bewerten. Nur so können wir bei der Wahl – zum Beispiel des Landtags in einem Jahr – gezielt Leute an die Regierung bringen, die nicht einseitig Lobbys bedienen oder nicht nur auf sich selbst schauen.

Im Landtag sollten Menschen sitzen, die auf das Wohl aller achten. Und nicht nur auf das Wohl Einzelner. Also: wählen gehen, schlechte Politiker boykottieren, gute Politikerinnen wählen. Das ist nicht einfach, aber machbar. Wir müssen nur genau genug hinsehen.

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