Leitartikel

Dunkle Schatten im Weinberg

Aus ff 12 vom Donnerstag, den 23. März 2023

Zitat
 

Sachpolitik ist out. Verdächtigen, krumme Dinge unterstellen, Dreck ausschütten: Das ist der Trend der Zeit. Zwei Beispiele aus konkretem Anlass.

Italienische Botschaft bietet österreichischem Parlamentarier viel Geld, wenn er aufhört, sich für Südtirol einzusetzen.“ Die Einladung der Südtiroler Freiheit zur Pressekonferenz an diesem Montag versprach tatsächlich, wie von Sven Knoll & Co. angekündigt, von „erheblicher Brisanz“ zu sein. Da muss man hin!

Am selben Tag wusste die Dolomiten zu berichten, dass Arno Kompatscher von der SVP zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl gekürt wurde – „dabei schwebt über dem
Spitzenkandidaten nach wie vor das Damoklesschwert der Wahlkampfspenden von 2018“
. Über Kompatscher würden „dunkle Schatten“ liegen. Zitat: „Es steht der schwerwiegende Verdacht im Raum, dass sich Spender die Gunst des Landeshauptmanns erkauft haben könnten.“ Das vielsagende Tätigkeitswort „erkauft“ ist im Artikel unter Anführungszeichen gesetzt.

Diese beiden Beispiele könnten genauso gut aus einem Lehrbuch stammen, und zwar über jenes Thema, das vielleicht das wichtigste der Gegenwart ist: Meinungsmache mittels Fake News. Sach­politik, das hat sich inzwischen herumgesprochen, war gestern. Mit Sachpolitik ist kein Staat zu machen. Wer Aufmerksamkeit will, also Klicks, Likes und möglichst den Aufmacher auf Seite 3, muss es knallen lassen. Eben mit einem Artikel über einen erkauften Landeshauptmann.

Oder eben wie Sven Knoll. Der holte den Polit-Pensionär Werner Neubauer von Wien nach Bozen, um eine alte Suppe aufzuwärmen, in die schon damals niemand einen Löffel stecken wollte. Neubauer sagte, der italienische Botschafter habe ihm zuerst eine Million, dann 1,5 Millionen Euro geboten, wenn er sich nicht mehr in Südtirol-Belange einmische.

Der „Vorfall“ habe sich 2009 abgespielt. Neubauer, ansonsten nicht wortfaul, hat keine Anzeige erstattet. Dafür muss der mutmaßliche skurrile Bestechungsversuch von damals jetzt, dreizehn Jahre später, als Indiz für einen möglicherweise bevorstehenden Skandal herhalten. Konkret: Da die Südtirol-Delegation des Landtages diese Woche in Wien weilt und der italienische Botschafter am Mittwochabend zum Empfang geladen hat, wittern Knoll & Co. böswillige Absichten – siehe 2009. O-Ton Knoll: „Das darf sich Südtirol nicht gefallen lassen.“

Knoll ist nicht blöd. Er weiß natürlich, dass es völlig absurd ist, dem italienischen Botschafter in Wien zu unterstellen, die Südtiroler Delegation bestechen zu wollen. Aber darum geht es nicht. Knoll sucht Aufmerksamkeit, Klicks: Und dies gelingt heutzutage mit Märchen und Fake News besser als mit der Selbstbestimmung. Es muss einem nur nichts zu blöd sein.

Und jetzt zur Familie Ebner. Sie könnte Arno Kompatscher sachlich angreifen: Warum ist er, wie sie ja zu wissen glaubt, der schlechteste Landeshauptmann aller Zeiten? Her mit den Argumenten! Aber weil das halt nicht ganz leicht ist, beziehungsweise weil man sich nicht offen zu sagen getraut, warum konkret Kompatscher den Interessen der Familie im Wege steht, macht es das Multiunternehmen vom Bozner Weinbergweg auf die Art von Knoll & Co.: krumme Dinge in den Raum stellen, den Konjunktiv bemühen, Dreck ausschütten. Und egal, falls an den Unterstellungen und Verdächtigungen nichts dran sein sollte: Etwas wird schon hängen bleiben.

Nur wer keine Argumente hat, muss lügen und diffamieren: Gilt das Sprichwort heute nicht mehr?

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