Leitartikel

Der Faktor Tommy

Aus ff 30 vom Donnerstag, den 27. Juli 2023

© FF Media
 

Mit Thomas Widmann tritt einer der profiliertesten Akteure in der SVP gegen die eigene Partei an. Das könnte – allen Prognosen zum Trotz – vor allem den Oppositionsparteien schaden.

Abspaltungen gehören zur Geschichte der Südtiroler Volkspartei wie das Amen zum Gebet. Seit ihrer Gründung im fernen Jahr 1945 kamen ihr immer wieder namhafte Teile abhanden.

1964 etwa mit der Tiroler Heimatpartei, die vom vormaligen SVP-Landessekretär und Senator Josef Raffeiner angeführt wurde; oder 1972 mit der Sozialdemokratischen Partei Südtirols, die vom vormaligen SVP-Abgeordneten in Bozen und Rom, Hans Dietl, gegründet wurde; oder 1992 mit den Freiheitlichen, ersonnen vom vormaligen SVP-Jugendreferenten Christian Waldner.

Nun, im Jahr 2023, will es Thomas Widmann wissen. Der vormalige SVP-Landesrat und Abgeordnete hat sich von seiner Partei losgesagt und zieht mit seiner Liste „Für Südtirol mit Widmann“ in den Landtagswahlkampf.

Mit Thomas Widmann tritt einer der profiliertesten Akteure in der SVP gegen die eigene Partei an. Das könnte – allen Prognosen zum Trotz – vor allem den Oppositionsparteien schaden.

Er selbst hat in der Vergangenheit immer wieder für Furore gesorgt: Als Parteisekretär (1997−2003) organisierte er pompöse Wahlkämpfe, die die SVP zwar viel Geld kosteten – aber zugleich auch so erfolgreich sein ließen wie später nie mehr wieder.

Als Landesrat für Mobilität (2004−2014) führte er den Südtirolpass ein – das einheitliche Ticket für alle Fahrten im öffentlichen Nahverkehr gibt es bis heute. Und hat sich bewährt.

Auch als Sanitätslandesrat (2019−2022) machte er seine Sache nicht schlecht. Er konnte etwa die Wartezeiten in den Krankenhäusern zum Teil verringern.

Aufsehen erregte Widmann auch in der Sad-Affäre. In einem 2018 von der Staatsanwaltschaft Bozen abgehörten Gespräch sagte er zum Busunternehmer Ingomar Gatterer: Südtirol habe noch nie einen so schwachen Landeshauptmann gehabt wie Arno Kompatscher. Das hielt Widmann nicht davon ab, sich einige Monate später in das Team Kompatscher als Sanitätslandesrat einzureihen.

Und dann sind da noch seine Hofgeschichten. Seine neueste (ab Seite 20 in diesem Heft) spielt in Corvara. Dort hatte sich Widmann 2017 gemeinsam mit einem Unternehmer aus dem Burggrafenamt die Hälfte eines geschlossenen Hofs gesichert.

Im Vorjahr verkauften die beiden die Hofhälfte wieder – an einen Chinesen aus Hongkong. Aus der Investition von 1,1 Millionen Euro beim Kauf wurde ein Erlös von 2,4 Millionen Euro beim Verkauf. Das sorgt nicht nur in Corvara für Stirnrunzeln.

Für einen wie den Tommy sind solche Dinge kein Problem. Bei der Landtagswahl im Oktober rechnet er fest mit drei, wenn nicht sogar mit fünf Sitzen. Die gehen nur auf den ersten Blick zulasten der SVP. Denn ein guter Teil des Wahlkampfs wird sich voraussichtlich auf das Duell SVP-Widmann konzentrieren.

Die Folge davon: Team K, Grüne oder Freiheitliche werden eher außer Acht gelassen. Die Polarisierung und die Fokussierung auf das Duell bringt viele Wählende möglicherweise dazu, nicht das Team K, sondern die SVP zu wählen – um Widmann zu schwächen.

Oder sie wählen, umgekehrt, Widmann – um Kompatscher und der SVP eins auszuwischen. Am Ende könnte es passieren, dass sowohl die SVP als auch die Liste Widmann eine Menge Stimmen einheimsen. Und die wahren Verlierer die
Oppositionsparteien sind.

Derzeit ist das noch Spekulation. Was aber bereits heute sicher ist: Der Faktor Widmann verspricht einen spannenden Wahlkampf.

Leserkommentare

Kommentieren

Sie müssen sich anmelden um zu kommentieren.