Leitartikel

Kommen noch mehr, reißt er alles ab

Aus ff 32 vom Donnerstag, den 10. August 2023

Zitat
© FF Media
 

Wenn ein Hüttenwirt genug hat vom Ansturm der Massen, dann ist die Zeit zur Umkehr gekommen.

Hüttenwirte haben gerne viele Gäste. Das ist verständlich. Sie sind auch Unternehmer und wollen, dass ihr Betrieb gut läuft. Kein Geringerer als der Wirt der Toni-Demetz-Hütte an der Langkofelscharte hat jetzt allerdings etwas wahrlich Sensationelles gesagt: Wenn noch mehr Gäste kommen, dann reiße ich meine Hütte ab. Dann ist Schluss. Es würden in der Tat noch viel mehr Gäste kommen, wenn aus dem alten Korblift zur Scharte eine neue Kabinenbahn werden würde. Das nämlich ist geplant.

Nicht nur der Wirt der Demetz-Hütte protestiert dagegen. Vergangene Woche versammelten sich Alpin- und Naturschutzvereine am Sellajoch mit Transparenten, auf denen stand: „Unsere Berge brauchen keine Geschmacksverstärker“ und „Der alpine Raum ist wertvoll“. Die Grenzen der Belastbarkeit, so der Tenor, seien endgültig erreicht. Südtirol, so die Kritik, stehe kurz davor, „zu einem Disneyland“ zu verkommen, die Ausweisung der Dolomiten als Unesco-Weltnaturerbe war kein Segen, nur Fluch – deshalb: wieder aberkennen!

Dass Natur- und Umweltschützer mit scharfen Worten protestieren, das ist man gewohnt. Dass es dem Wirt einer Schutzhütte jetzt auch zu viel wird und er seinen Ärger öffentlich hinausposaunt, das ist allerdings neu. Dafür gebührt ihm Lob. Endlich sagt einer, dessen Geschäft darin besteht Touristen zu verköstigen und zu beherbergen, die Wahrheit: Es ist genug!

Die Toni-Demetz-Hütte ist nicht irgendeine Hütte. 1952 hatte der junge Bergführer Toni Demetz zwei Gäste auf den Langkofel geführt, geriet dort in ein heftiges Gewitter und kam ums Leben. Demetz’ Vater Giovanni war der Erste am Unfallort und brachte ihn zu Tal. Ein Jahr später begann er auf der Langkofelscharte ein Schutzhaus für Alpinisten zu errichten, 1954 wurde dieses eröffnet. Die Seilbahn dort hinauf existiert seit 1960.

Die Hütte auf 2.685 Metern Höhe sollte nach Wunsch von Giovanni Demetz immer einen vorgeheizten Ofen und Verpflegung für Schutzsuchende bereithalten. Der Hüttenwirt von heute ist der Sohn von Giovanni und Bruder von Toni Demetz. Seine Worte haben also Gewicht. Da müssten im Tourismusland Südtirol sämtliche Alarmglocken schrillen.

Der Tourismus hat für das Bergland Südtirol in den letzten Jahrzehnten vieles möglich gemacht. Aus armen Dörfern wurden reiche Orte, aus Bauern wohlhabende Hoteliers. Dem Land geht es wirtschaftlich viel besser als früher. Doch jetzt ist der Kipppunkt erreicht. Für viele Einheimische stehen die negativen Begleiterscheinungen des Tourismus in keinem Verhältnis mehr zum Vorteil. Sie sehen vor ihren eigenen Augen, wie die Natur zerstört wird – die wichtigste Ressource Südtirols.

Also, was tun? Den Hüttenwirt ernst nehmen. Er weiß, wovon er spricht, und sieht die Gefahren sehr deutlich. Deswegen darf der alte Korblift nicht durch eine moderne Kabinenliftbahn ersetzt werden, die noch mehr Menschen auf die Langkofelscharte bringen würde.

Es geht dabei um viel mehr als nur um die Demetz-Hütte.

Sollten sich die Befürworter einer Kabinenliftbahn durchsetzen, wäre das ein Fanal, das weit über den Langkofel hinauswirkt. Es gibt kein Halten mehr: Südtirol würde zum Themenpark. Das käme einer Vertreibung der Südtiroler aus ihrer Heimat gleich.

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