Leitartikel

An erster Stelle

Aus ff 45 vom Donnerstag, den 09. November 2023

 

Im Wahlkampf wurde der Klimaschutz von der Sicherheit überschwemmt. Bei der Bildung der Landesregierung muss er ganz oben stehen.

Arnold Schuler darf bis zur Bildung der neuen Landesregierung noch als Landesrat (für Zivilschutz) reden. Er sagte im Gespräch mit Rai Südtirol: „Wir zahlen für die Sünden der Vergangenheit.“

Wenn es ein paar Tage regnet im Land, herrscht Katastrophenalarm. Es geht schnell, schneller als früher, dass die Natur sich rächt für die „Sünden der Vergangenheit“.

Südtirol lebt von der Natur, besonders Bauern und Gastwirte machen mit ihr Geschäfte, werben mit ihr, aber sorgsam umgegangen mit ihr sind sie, mit Ausnahmen, bisher nicht. Im EU-Parlament etwa hat die Agrarlobby, mit Unterstützung des SVP-EU-Parlamentariers Herbert Dorfmann, ein Verbot von Glyphosat verhindert, einem gefährlichen Unkrautvernichter.

Man konnte (und kann) die Natur einfach so ausbeuten. Dabei gehört sie uns allen, und wenn Muren abgehen oder Flüsse über die Ufer treten, sind wir alle davon betroffen. Lange haben die Landesregierungen, in erster Linie die SVP, die Interessen der Wirtschaft geschützt und nicht die der Umwelt. Auch in der abgelaufenen Legislatur war auffallend, wie viele Straßen, Tunnels, Aufstiegsanlagen, Speicherbecken die Landesregierung genehmigt hat. Die Maßnahmen zum Schutz des Klimas blieben vage oder müssen erst beginnen.

Der Klimawandel hat schon begonnen, wir können ihn nicht mehr rückgängig machen, die Erderwärmung lässt sich jedoch begrenzen. Schutzbauten errichten, das ist nur ein Weg. Und er kostet: um die 50 Millionen Euro an öffentlichen Geldern im Jahr. Besser wäre umzudenken: weniger Verkehr, weniger Verbrauch von Ressourcen, weniger Pisten und Aufstiegsanlagen, sorgsamer Umgang mit Grund und Boden – allein 2022 wurde eine Fläche von 70 Hektar versiegelt.

Es liegt seit Jahren auf der Hand, was passiert: Das Klima verändert sich und wir Menschen sind dafür verantwortlich. Die Folgen tragen die kommenden Generationen.

Im Wahlkampf ist das Klimathema abgesoffen, vermurt vom Thema Sicherheit. Die Grünen etwa haben damit nur die Leute erreicht, denen das ohnehin schon ein Anliegen ist. Im Interview mit ff nach der Landtagswahl meinte Hans Heiss, der frühere Landtags-abgeordnete der Grünen: „Trotz Waldbränden, Überschwemmungen, Hitze, scheint es eher eine Frage des Zivilschutzes zu sein.“

In den Verhandlungen über eine neue Regierung gehören Klima- und Umweltschutz an die erste Stelle. Es ist in Wahrheit ein viel drängenderes Thema als die im Wahlkampf hochgeredete Sicherheit. Mit Team K oder den Grünen könnte Landeshauptmann Arno Kompatscher leichter darüber verhandeln als mit den Fratelli d’Italia (Anna Scarafoni, Landtagsabgeordnete, gehört zu denen, die den Klimawandel leugnen), der Lega (Fürsprecher der Frächter) oder den Freiheitlichen (keine Umweltspezialisten). Im Landtag sitzen jetzt ein paar Desinformanten, wenn es um den Klimawandel geht.

Es wird nicht genügen, ein paar Schutzbauten zu errichten. Es braucht Anstöße und Maßnahmen, um, sozial verträglich, unsere Lebens- und Wirtschaftsweise zu ändern. Damit „die Sünden der Vergangenheit“ sich nicht in der Gegenwart
wiederholen.

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