Leitartikel

Die Lust am Trennen

Aus ff 09 vom Donnerstag, den 29. Februar 2024

 

Wer Kinder aus der deutschen Schule verbannen will, nimmt nicht zur ­Kenntnis, dass die Welt sich verändert hat. Und heizt Konflikte an.

Die Diskussion um die Sprache in Kindergarten und Schule (in Bozen) ist ein Elend. Sie geht davon aus, dass Kinder ihre Sprache verlieren, wenn sie miteinander reden. Dabei weiß man ja, Kinder lernen schnell, sie verstehen einander, wenn man ihnen nicht das Gegenteil einredet. Mehr schadet den Kindern, wenn man sie zu trennen versucht: Wer ihnen sagt, du gehörst nicht in „meine“ Schule, sät Konflikt.

Man muss nichts beschönigen, es gilt mit Situationen umzugehen, in denen sich Sprachen mischen. Das ist mühselig, erfordert viel Einsatz, neue Methoden, mehr Personal und mehr Geld. Aber wer behauptet, dass das durch Separation zu lösen wäre, nimmt nicht zur Kenntnis, dass die Gesellschaft sich verändert (hat), dass Schule auch eine Schule für ein friedliches Zusammenleben ist. Südtirol ist schon lange nicht mehr so monoton wie einst.

Schule muss sich am Wohl der Kinder orientieren und nicht an verstaubten Volkstums-Fantasien. Dass jemand immer wieder die Angst schürt, die deutsche Sprache ginge unter, zeigt, dass das Land doch nicht so weltoffen ist. Oder offen nur für die, die kommen, ihr Geld dalassen und dann wieder gehen, die Touristen.

Die Dolomiten schreibt fast jeden Tag gegen italienische und Migrantenkinder in der deutschen Schule an, sie vergrößert die Klagen der deutschtümelnden Bozner SVP und von ein paar Schuldirektorinnen, die sich instrumentalisieren lassen. Führungskräfte, die nicht in den Deutschtums-Chor einfallen, werden an den Pranger gestellt.

Die Debatte wird immer wieder von Neuem entzündet. Dabei haben sich viele Schulführungskräfte auf die neue Lage eingestellt, sie tun viel, um die Kinder zu fördern, um die Sprachkenntnisse zu verbessern, um mit den Eltern in Kontakt zu kommen. Was sollten sie auch anderes tun, wenn in einer Klasse der Grundschule sich nur zwei Kinder einschreiben, deren Eltern deutschsprachig sind? Mit der Situation menschlich umgehen oder eine Klasse für zwei Kinder bilden und alle anderen verschicken?

Was steht im Raum? Nicht die Kinder dort abzuholen, wo sie stehen, sondern Sprachkenntnisse zu überprüfen und die Kinder gegebenenfalls zurückweisen. Exklusion statt Inklusion – im Übrigen in Missachtung des Rechts der Eltern, für ihre Kinder die Schule auszusuchen, die sie für richtig halten. Wie wollen wir etwa Migrantenkinder integrieren, ihnen beide Landessprachen beibringen, wenn wir sie ausschließen? Hinterher fordert man dann forsch von ihnen die Kenntnis von Deutsch und Italienisch ein.

Leute, die von außen kommen, sind verblüfft über die Trennung der Südtiroler Schule, sie halten sie für rückständig. Sie sind es gewohnt, eine vielfältige Realität vorzufinden. Sie fragen sich, was das für eine Gesellschaft ist, in der es keine mehrsprachige Schule gibt.

Dabei wäre das doch die Lösung für die Trenner und die Einsprachigen. Wer will, kann seine Kinder in eine mehrsprachige Schule einschreiben (die es ja de facto in der italienischen Schule schon gibt), der Rest kann deutsch bleiben.

Wovor haben wir eigentlich Angst? Ist die deutsche Sprachgruppe so schwach, dass sie sich vor ein paar Kindern fürchten muss?

Leserkommentare

Kommentieren

Sie müssen sich anmelden um zu kommentieren.