Leitartikel

Billige Blumen

Aus ff 20 vom Donnerstag, den 16. Mai 2024

 

Am Muttertag werden die Mütter gefeiert. Doch was ist das wert, wenn Frauen sich immer noch zwischen Arbeit und Familie entscheiden müssen?

Am Tag nach dem Muttertag ploppt in den Medien die Meldung auf, dass es in den Kitas (der Ort, an dem Kleinkinder betreut werden) viel zu wenig Plätze gibt.
Das ist für Mütter eine schlechte Nachricht, sie sind so genötigt, sich zwischen ihrem Job und der Arbeit als Mutter, die ja auch ein Job ist (der entlohnt gehörte), zu entscheiden. Denn es sind meistens immer noch die Frauen, die ihren Job aufgeben, weil ihnen keine Wahl bleibt. Die Mehrzahl der Männer geht weiterhin ihrer Arbeit nach. So wie es am Muttertag sehr oft die Mütter sind, die sich um ihre Mütter sorgen.

Das Credo der Südtiroler Politik ist: Frauen müssen entscheiden können, ob sie nach der Geburt eines Kindes daheimbleiben oder wieder in den Beruf zurückkehren. (Wobei die Rechten es ja lieber hätten, die Frauen würden daheimbleiben, staatlich gefördert, bei den Kindern und in der Küche, am Sonntag vom Mann in die Kirche begleitet).

Doch so wie es ist, gibt es keine freie Entscheidung beziehungsweise ist die Entscheidung nur in eine Richtung wirklich frei, nämlich daheimzubleiben. Familien, die auf das Paar-Einkommen angewiesen sind, sind also arm dran. Ebenso wie Familien, die nicht über Großeltern verfügen mit viel Zeit oder viel Lust, nach ihren Kindern auch ihre Enkelkinder zu erziehen. Das heißt: Wir dürfen uns nicht wundern, wenn Frauen immer weniger Kinder bekommen. Dort, wo die Vereinbarkeit von Beruf und Mutterrolle (Elternrolle, wir wollen die Väter ja nicht ganz vergessen) selbstverständlich ist wie in Skandinavien, ist die Geburtenrate deutlich höher.

Deshalb sind die vielen Blumen, die Mütter am Muttertag bekommen, ein schönes Zeichen, wenigstens einmal im Jahr haben sie die ungeteilte Aufmerksamkeit. Aber die Aufmerksamkeit ist scheinheilig, weil sie nicht nachhaltig ist. Frauen und Männer sind in dieser Gesellschaft immer noch nicht gleichberechtigt. Frauen verdienen weniger, sind in Spitzenpositionen in Wirtschaft und Politik ungleich weniger vertreten. Gleichberechtigung entscheidet sich wesentlich daran, ob die Betreuung der Kinder garantiert ist. In den Kitas und im Sommer, beides sind große Baustellen. Die Sommerbetreuung etwa ist Jahr für Jahr ein Stress für Familien – und für die Kinder, die einmal da und einmal dort untergebracht werden müssen.

Die Politik verspricht viel, wenn es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht. Ihr Fokus liegt freilich im Moment auf etwas anderem, auf Autonomie und Sicherheit. Es ist wie bei vielen Themen, Themen wie Umwelt, Arbeit oder Wohnen: Die Lösungen liegen auf der Hand, man muss sie nicht erfinden. Man muss nur tun, etwa mehr Geld in die Hand nehmen, Menschen, die sich um Kinder kümmern, mehr bezahlen, die Väter dazu bewegen, Elternzeit in Anspruch zu nehmen. Oder gar per Gesetz einen Platz in der Kita garantieren und eine ordentliche Sommerbetreuung organisieren. Es kann nicht sein, dass der Kindergarten drei Monate im Jahr zu ist. Aber: Die Lösung ist nicht, die Kindergärtnerinnen zu mehr Arbeit zwangszuverpflichten.

Muttertagsfeiern wären ehrlicher, wenn Frauen und Männer endlich gleichberechtigt wären, Mutterschaft nur ein emotionales, aber nicht ein finanzielles und organisatorisches Abenteuer wäre.

Leserkommentare

Kommentieren

Sie müssen sich anmelden um zu kommentieren.