Leitartikel

Das Virus des Autoritären

 

Wenn wir frei und sicher leben wollen, müssen wir die Demokratie verteidigen. Dazu braucht es mehr Mut und Engagement als jetzt.

Die Demokratie ist das Beste, was wir haben. Sie garantiert uns Freiheit und Sicherheit, in ihr werden Verfassung und Gesetze respektiert. Sie hat dafür gesorgt, dass wir es uns in den letzten Jahrzehnten gemütlich machen konnten. Eine der Freiheiten, die uns die Demokratie gewährt: Wir dürfen sie missachten, uns gar einen autoritären Herrscher wünschen wie 33 Prozent der Menschen in Italien.
Es ist Zeit in Zeiten wie diesen, sich mehr für die Demokratie einzusetzen, sie zu verteidigen. Mit Verstand, Emotion, Courage. Denn wenn eines die letzten Jahre kennzeichnet, ist es die Rückkehr der autoritären Herrscher. Donald Trump macht vor, wie es geht (siehe Titelgeschichte), wie man mit Brutalität Recht, Freiheit und Menschenwürde aushebelt. Er konnte dabei von Wladimir Putin und Viktor Orban lernen.
Ganz oben, dort, wo die Reichen und Mächtigen sitzen, sind die Vereinigten Staaten von Amerika schon ein autoritäres Regime, unten gibt es noch verzweifelten Widerstand. Besonders schnell mit den neuen Zeiten arrangiert haben sich die Superreichen. Sie könnten es sich leisten, Widerstand zu leisten gegen die autoritäre Versuchung – die Libertären, die nach „Freedom“ (Freiheit) schreien. Doch damit meinen sie nur ihre private Freiheit, zu tun und zu lassen, was sie wollen.
Sie finanzieren den Umbau der USA in eine illiberale Demokratie, wenn nicht gar in einen autoritären Staat – der freilich immer gute Geschäfte ermöglichen soll. Und sie greifen tief in unsere Leben ein, weil ihnen Facebook, Instagram und X gehören, weil unsere Handys mit ihren Betriebssystemen laufen – auch eine Art von autoritärem System.
Und was machen wir? Wir sind träge, gehen vielleicht nicht einmal mehr wählen, weil die da oben sind eh alle gleich. Wir schauen zu, wie Populisten gegen alles hetzen, was nicht ihrer begrenzten Weltsicht entspricht. Schauen zu, wie die „Zeitenwende“ ihren Lauf nimmt. Sie bedroht Wohlstand, Freiheit und Sicherheit – mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine ist der Krieg wieder nach Europa gekommen –, wenn wir einfach still sind.
Demokratie, das wissen wir, ist fehlbar. Ist mühsam. Ist mühsamer geworden, weil die Leute sich nicht mehr die Mühe machen wollen, einen Konsens zu finden, weil Konflikte zu Zerwürfnissen werden. Es gibt, das macht die Demokratie anfällig für das Virus des Autoritären, kein gemeinsames Fundament mehr. Das Virus zirkuliert, es darf daraus keine Pandemie werden.
Demokratie braucht Engagement (Arbeit und nicht Lautsprecherei), Toleranz, Mut. Leute, die in den Parlamenten die Demokratie nicht den Leuten überlassen, die sie zerstören wollen. Demokratie darf nicht die Kräfte nähren, die sie umbringen wollen.
Also hinaus aus der Stube, physisch und in Gedanken. Reden, Stellung beziehen, demonstrieren, aushandeln, Kompromisse suchen, Gerechtigkeit schaffen, auch einmal etwas gelten lassen, den vom Volk Gewählten etwas zutrauen, sich wehren; leider braucht eine wehrhafte Demokratie auch Waffen. Und vielleicht auch kandidieren.
Was wir nicht sein dürfen, wenn wir in einer Demokratie leben wollen: faul, zerstreut und gleichgültig.

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