Stefan Ruppaner hat seine Schule radikal umgebaut. „Unterricht“, sagt er, „ist aller Übel Anfang.“ Was sich andere Einrichtungen davon abschauen können.
Leitartikel
Die Schönheit der Veränderung
Die Schule und die Lehrpersonen müssen den Freiraum nutzen, den sie schon haben, um Schule zu verändern. Oder aber ihn sich erkämpfen. von Georg Mair, Chefredakteur
Ich bin mehr Sozialarbeiter als Lehrer“, sagte der Autor Stefano Zangrando vergangene Woche im Interview mit ff. Er unterrichtet Italienisch an einer Oberschule in Rovereto. Wissen vermitteln, sagte er, stehe nicht mehr im Mittelpunkt seiner Tätigkeit.
Schule hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert, die Pandemie hat diese Veränderungen befeuert. Schule ist, wie die ganze Gesellschaft, ein fragiles Gebilde. Es braucht nicht viel, um das Beziehungsgeflecht aus Lehrpersonen, Kindern und Jugendlichen und Eltern zu stören.
Die Ansprüche an die Schule tendieren ins Unendliche, die Widerstandsfähigkeit des Systems und der Einzelnen ist kleiner geworden.
Schule ist ein schwerfälliger Dampfer, sie braucht viel Zeit, um den Kurs zu ändern. Veränderungen müssen ausgehandelt werden, aber die Schule hat sie nötig, ohne Zweifel. Darüber spricht in diesem Heft der Pädagoge Stefan Rupppaner (ab Seite 16), er hat radikale Ideen, er hat sie auch in Südtirol verbreitet. Aber hat man ihm auch wirklich zugehört?
Im Moment wird viel über Schule diskutiert. Mehr über Gehälter als über Inhalte. Man hört viele Klagen, auch effekthascherische wie „Schule am Abgrund“. Und bestimmt kommt in der Debatte zu kurz, was die Schönheit des Berufs ausmacht, was die Stärken der Südtiroler Schule sind – die Fähigkeit, soziale Unterschiede auszugleichen, das Engagement der Lehrpersonen, die Ausstattung, die gut ausgebauten Schulen, die kleinen Klassen.
Das alles kann man auf der Habenseite verbuchen.
Doch die Frage ist: Wie groß ist der Wille zur Veränderung? Was steht auf der Sollseite?
Die SVP, ihre Vertreter und Vertreterinnen beschäftigen sich zum Beispiel viel mit Schule und Sprache, und dabei geht es eher darum, zu verhindern als zu verändern. In erster Linie einen mehrsprachigen Unterricht.
Doch was wollen die, die Schule ermöglichen, Veränderungen anstoßen sollen? Bei Sigrun Falkensteiner, Landesschuldirektorin, etwa ist es nicht klar erkennbar, was sie will, ob sie sich getraut, auch gegen die SVP und die Landesregierung aufzutreten. Wie mutig ist sie?
Es ist in der Schule so wie in anderen Bereichen auch (Umwelt, Verkehr, Tourismus, …): Die Ideen liegen auf dem Tisch – und bleiben Papier. Und noch schlechter: Man tut regelmäßig so, als müsste man alles immer wieder neu erfinden.
Ideen liegen genug auf dem Tisch, wenn es zum Beispiel darum geht, starre Strukturen in der Schule aufzubrechen, Klassen aufzulösen, Begabte und Kinder mit Lernschwächen mitzunehmen, Kinder und Jugendliche und Lehrpersonen in Bewegung zu bringen. Wer wollte, konnte sich in den vergangenen Jahren entsprechend fortbilden.
Es braucht für Veränderung nicht nur die, die regieren, und die, die oben sitzen. Es braucht davor vor allem die, die jeden Tag in der Klasse stehen. Vor allem die Schulen sollten den Spielraum nutzen, den sie haben, oder darum kämpfen, ihn zu schaffen – ebenso wie die Lehrpersonen. Sie werden sich genauso ändern müssen, auch wenn es mühselig ist, anstrengend – und Veränderung für Verunsicherung sorgt.
Weitere Artikel
-
-
Hoffnung Neuverhandlung
Postdienst – Misere: (ml) Die Unzulänglichkeiten des Postdienstes im Lande sind altbekant: Unterbesetzte Postämter, ...
-
Alte Reben, freier Geist
Kalterer Vernatsch „Sea“; Paulsner Weißburgunder „Sanctissimus“; Eisacktaler Sylvaner „Pacherhof“.

Leserkommentare
Kommentieren
Sie müssen sich anmelden um zu kommentieren.