Leitartikel

Es ist besser geworden

 

Diese Olympiade hat etwas Erstaunliches erreicht: Es sind Spiele der Frauen.

Die Winterspiele 2026 sollten die nachhaltigsten Spiele überhaupt werden, und zwar auf ganzer Linie – ökologisch, sozial, wirtschaftlich. So zumindest das Versprechen. Was daraus geworden ist: nun ja. Das wissen wir zur Genüge. Olympia ist eben nicht die strahlende Traumfabrik, als die es sich gerne verkauft.
In einem Punkt allerdings setzen diese Winterspiele einen neuen und positiven Maßstab: Milano Cortina 2026 sind die geschlechtergerechtesten Winterspiele der Geschichte, mit einem Anteil von mehr als 47 Prozent für weibliche Athleten. In Beijing 2022 waren es 45 Prozent. Außerdem gibt es eine Rekordzahl von 50 Frauenwettbewerben bei den Spielen. So sind zum Beispiel zum ersten Mal in der Geschichte der Damen-Rodel-Doppelsitzer und das Damen-Großschanzen-Skispringen bei diesen Spielen vertreten.
Olympia also ist schon lange keine Männersache mehr.
Es sind vor allem Frauen, die wohl selbst skeptische Beobachter für diese Winter-Olympia entflammen. Die Südtiroler Rodlerinnen Andrea Vötter und Marion Oberhofer zum Beispiel, die römische Eisschnellläuferin Francesca Lollobrigida, die aus dem Aostatal kommende Skirennfahrerin Francesca Brignone, die, aus dem oberitalienischen Sappada stammende Biathletin Lisa Vittozzi oder die niederländische Eisschnellläuferin Jutta Leerdam – um nur einige zu nennen. Allesamt Olympiasiegerinnen. Allein im italienischen Team haben sechs der acht Goldmedaillen Frauen geholt (Stand ff-Redaktionsschluss).
In der Nationalhymne ist selbst im Jahr 2026 immer noch nur von den „Fratelli d’Italia“ , den Brüdern, die Rede, in den Medien hört und liest man derzeit aber vor allem von den „Sorelle d’Italia“, den Schwestern Italiens.
Die Geschichten all dieser Sportlerinnen (insgesamt nehmen mehr als 1.350 Athletinnen teil) zeugen von Widerstandsfähigkeit, Mut und Entschlossenheit. Sie erinnern uns daran, dass es im Sport nicht nur um Wettbewerb geht. Er bricht auch mit Stereotypen, er ist ein Motor für gesellschaftlichen Wandel. Frauen im Sport definieren immer wieder neu, was möglich ist.
Aber trotz beeindruckender sportlicher Leistungen werden Athletinnen immer noch oft auf Basis ihres Geschlechts bewertet. Aussehen und Emotionen finden mehr Beachtung als ihre Leistungen. Auch das kann man bei diesen Winterspielen beobachten. Beispiele gefällig?
Die Eisschnellläuferin Francesca Lollobrigida gewinnt zweimal Gold. Das erste Gold hat sie öffentlich mit ihrem kleinen Sohn im Arm gefeiert, beim Interview im Anschluss plapperte er dazwischen, kämpfte um die Aufmerksamkeit seiner Mutter, die er eine Woche lang nicht gesehen hatte. Und prompt folgte eine Debatte über Lollobrigidas angebliche Fehler als Mutter, ihre Leistung rückte in den Hintergrund.
Die deutsche Skispringerin Agnes Reisch verzichtete auf ihren dritten Trainingssprung von der Großschanze. Als Grund gab sie ihre Periode an – sie sei da immer „superängstlich“. Das ist verantwortungsbewusst und vorbildhaft. In den sozialen Medien aber wird sie dafür heftigst kritisiert.
Die US-Skirennläuferin Lindsey Vonn stürzte in der Abfahrt schwer – sie war mit einem Kreuzbandriss angetreten – nach nur 13 Sekunden. Schnell wurden kritische Stimmen laut, sie habe zu viel riskiert, sie hätte gar nicht antreten dürfen. Eine Frau, die sich viel zutraut – und dann noch scheitert, das hat keinen Platz. Das ist ein Affront.
Ach ja, und dann gibt es noch eine Sportart, in der keine Frauen starten dürfen. In der Nordischen Kombination springen und laufen nur Männer. Obwohl es einen Weltcup der Frauen gibt. Es brauche, so heißt es, „mehr Athletinnen, mehr Frauen“. Das entwertet die sportliche Leistung der Athletinnen.
Ja, es gibt Fortschritte. Aber statistische Gleichheit
ist zu wenig. 

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